«Sinken nun die ÖV-Preise?»

Der Bundesrat will nationale Fernbuslinien zulassen. Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes sagt, was das für Auswirkungen hat.

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Pendeln wir bald mit dem Car von Zürich nach Bern?
Diese Option wird es wohl zukünftig geben. Gerade auf Strecken, die so beliebt sind, werden Busunternehmen in den Markt einsteigen wollen. Wir werden einen neuen Wettbewerb sehen, bei dem alle Anbieter überlegen müssen, wie sie attraktiv bleiben, um keine Fahrgäste zu verlieren und um neue zu gewinnen. Das kann dem Wettbewerb insgesamt nur guttun, und letztlich ist der Verbraucher der grosse Gewinner.

Der Bundesrat verspricht sich eher eine «punktuelle Ergänzung» in der Nacht oder dort, wo Bahnen nicht optimale Verbindungen bieten.
Wo sich Schienenverkehr wegen geringer Nachfrage nicht lohnt, können Busse einspringen. In Deutschland entstanden neue Buslinien auf Strecken, die für die Bahn nicht rentabel waren und deshalb mit dem Zug nicht angeboten wurden. Das dürfte auch in der Schweiz der Fall sein. Gleichzeitig werden auch auf stark nachgefragten Strecken neue Angebote entstehen.

Sind die Fernbusse eine Konkurrenz für die SBB?
Es gibt sicher Druck auf die SBB, die sich etwas überlegen müssen, damit ihre Passagiere nicht auf Busse umsteigen. Die Deutsche Bahn musste wegen der Konkurrenz einige Sachen nachbessern, hat zum Beispiel ein schnelleres Internet in ihren Zügen angeboten und ist auch sonst auf einmal sehr stark auf die Kunden zugegangen. Der Einstieg von Fernbussen in den Markt löste einen deutlichen Impuls aus, der sich positiv auf die Qualität und Preise im Schienenverkehr ausgewirkt hat.

Die Busunternehmen wollen Strecken billiger anbieten als mit dem Zug. Werden die ÖV-Preise sinken?
Das Angebot auf der Strasse wird preislich attraktiver sein als auf der Schiene. Es werden neue Zielgruppen erreicht wie Studenten oder Rentner, die sich kein eigenes Auto leisten können und wenig Geld, aber viel Zeit haben. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die SBB auf dieser Grundlage ihre Preise grundsätzlich senken. Wahrscheinlicher ist, dass sie qualitativ etwas unternehmen, indem sie etwa die Arbeitsbedingungen in den Zügen weiter verbessern oder zu gewissen Zeiten Super-Sparpreise einführen. Auf alle Fälle wird Bewegung in den Markt kommen. Der öffentliche Verkehr wird an Attraktivität gewinnen.

Erwarten Sie, dass jetzt viele Busunternehmen eine Konzession beantragen werden?
Es ist schwierig abzuschätzen, wie viele ein Gesuch stellen werden. Klar ist aber, dass viele Unternehmen einen Markteintritt prüfen werden. Und das ist schon mal ein erster Schritt.

Wie sieht es mit Flixbus aus? Ausländischen Anbietern sind Transporte innerhalb der Schweiz ja weiterhin verboten.
Flixbus ist zwar ein deutsches Unternehmen, fährt aber keine eigenen Busse, sondern arbeitet mit lokalen Betreibern zusammen. Es bietet also nur eine Plattform an, gibt die Konditionen vor und sagt, wie die Busse aussehen sollen. Das Unternehmen lässt andere für sich fahren. Das können natürlich auch Schweizer Anbieter sein. Flixbus wird sich den Markt sehr genau anschauen und prüfen, ob sich ein Einstieg lohnt.

Könnte durch das Umsteigen von Autofahrern auf Fernbusse das Strassennetz entlastet werden?
Die Hoffnung besteht. Aber es ist nicht so einfach, aktive Autofahrer tatsächlich zum Umsteigen zu bewegen. Sie rechnen oft nur mit den Spritkosten, fahren aus ihrer Sicht also schon billiger als mit dem Zug. Mehr Potenzial sehe ich bei jungen Personen, die durch attraktive Busangebote zu ÖV-Nutzern sozialisiert werden können. Wenn sie mit Fernbussen aufwachsen, sehen sie mit 18 vielleicht weniger die Notwendigkeit, sich sofort ein Auto zuzulegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2017, 17:23 Uhr

Thomas Sauter-Servaes ist Mobilitätsforscher und leitet an der ZHAW den Studiengang Verkehrssysteme. (Bild: zvg)

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