So arbeiten Mütter

Ihre Erwerbsquote ist immer wieder Thema. Aber wie viel arbeiten sie wirklich? Die Statistik liefert interessante Angaben.

Rund ein Viertel der Frauen in der Schweiz arbeitet Vollzeit, ob sie nun Kinder haben oder nicht: Detailhandelsangestellte im Lidl, Aufnahme von 2009.

Rund ein Viertel der Frauen in der Schweiz arbeitet Vollzeit, ob sie nun Kinder haben oder nicht: Detailhandelsangestellte im Lidl, Aufnahme von 2009. Bild: Keystone

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Wer Kinder betreut, soll früher wieder arbeiten gehen, entschied das Bundesgericht vor wenigen Tagen. Bis anhin mussten Alleinerziehende, wenn ein Gericht Betreuungszeiten und Alimente regelte, erst wieder arbeiten gehen, wenn das jüngste Kind 10-jährig war, und eine Vollzeitstelle annehmen, wenn das jüngste Kind 16 Jahre alt war. Neu wird von der hauptbetreuenden Person eine 50-prozentige Erwerbstätigkeit verlangt, wenn das jüngste Kind obligatorisch eingeschult wird. In den meisten Kantonen geschieht dies im Alter von vier Jahren mit dem Eintritt in den Kindergarten.

Das Urteil wird von progressiven Kräften gefeiert, als Signal für Erwerbskontinuität von Müttern und Vätern. Es soll verhindern, dass Mütter ihren Beruf aufgeben und erst nach über zehn Jahren wieder ins Erwerbsleben einsteigen, wodurch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt stark sinken. Allerdings – Erwerbskontinuität ist ein grosses Wort. Das zeigt ein Blick in die Statistik.

Die Erwerbsquoten von Frauen und Männern unterscheiden sich enorm, unabhängig davon, ob Kinder da sind oder nicht. Mit anderen Worten: Frauen, auch ohne Kinder, arbeiten eher selten Vollzeit. Die höchste Vollzeit-Erwerbsquote unter den Frauen weisen mit 27,6 Prozent alleinerziehende Mütter auf, wohl einfach deshalb, weil sie auf das Einkommen angewiesen sind. 69,4 Prozent der alleinerziehenden Mütter arbeiten entweder Vollzeit oder zwischen 50 und 90 Prozent.

Allgemein unterscheidet sich die Vollzeitquote bei Frauen in unterschiedlichen Lebenslagen kaum. Ob mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Partner – rund ein Viertel der Frauen arbeitet Vollzeit. Bei den Männern ist die Vollzeit-Erwerbsquote rund dreimal so hoch wie bei Frauen. Väter in Partnerschaft arbeiten zu 82,4 Prozent Vollzeit; und wenn sie alleinerziehend sind, dann immer noch zu 74,4 Prozent. Bei Männern ohne Kinder ist die Vollzeitquote ein wenig tiefer, nämlich bei 54,8 Prozent (ohne Partnerin) beziehungsweise 45,7 Prozent (mit Partnerin).

Kaum eine Entwicklung seit 2010

An diesen Zahlen hat sich seit 2010 kaum etwas geändert. Damals arbeiteten Familienmütter zu 13,4 Prozent Vollzeit und zu 57,7 Prozent Teilzeit. 2017 betrug die Vollzeit-Erwerbsquote bei Müttern 15,2 Prozent, die Teilzeit-Erwerbsquote 60,5 Prozent. Also bloss eine leichte Steigerung innerhalb von sieben Jahren. Bei den Vätern ist die Erwerbsquote in dieser Zeit leicht gesunken. Sie arbeiteten letztes Jahr zu 82,4 Prozent Vollzeit, 2010 noch zu 85 Prozent. Die Teilzeit-Erwerbsquote der Familienväter stieg von 7,3 auf 10,4 Prozent.

Fast ein Fünftel der Teilzeit arbeitenden Müttern ist übrigens unterbeschäftigt: 18 Prozent geben laut Statistik an, dass sie innerhalb von drei Monaten eine Arbeit mit höherem Pensum annehmen würden. Je tiefer der Bildungsstand der betroffenen Frauen, desto grösser die Unterbeschäftigung.

Internationale Spitzenwerte

Im internationalen Vergleich ist die Erwerbsquote der Mütter in der Schweiz hoch. 2015 gingen 70,2 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren einer Erwerbsarbeit nach. Mütter mit Kindern zwischen 6 und 11 Jahren arbeiteten zu 77,5 Prozent. Das ist zwar weniger als in skandinavischen Ländern, aber deutlich über dem Schnitt aller EU-Länder.

Diese hohe Erwerbsquote hat allerdings einen Haken: Der weitaus grösste Teil der erwerbstätigen Mütter in der Schweiz arbeitet Teilzeit, nämlich 82,7 Prozent (von den Müttern mit Kindern unter 6 Jahren). Nur in den Niederlanden ist die Teilzeiterwerbsquote noch höher. In der ganzen EU beträgt der Teilzeit-Anteil bei Müttern im Schnitt 38,6 Prozent. Die Schweiz scheint ein Teilzeit-Spitzenland zu sein. Das zeigt sich in geringerem Ausmass auch bei den Vätern. Schweizer Väter mit Kindern unter sechs Jahren arbeiteten im Erhebungszeitraum zu 15,3 Prozent Teilzeit, in der ganzen EU waren es nur 5,7 Prozent. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.10.2018, 18:57 Uhr

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