So fliesst das Geld bei Hildebrands

Die Gattin bereitete dem Nationalbank-Chef ein gravierendes Problem. Oder wird sie nur vorgeschoben? Der «heikle» Währungsgewinn des Ehepaars Hildebrand geht jedenfalls an eine karitative Organisation.

Sorglosere Zeiten: Philipp und Kashya Hildebrand.

Sorglosere Zeiten: Philipp und Kashya Hildebrand. Bild: Hervé Le Cunff (SI, RDB)

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Am 13. Tag nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn will sich Philipp Hildebrand doch noch persönlich äussern. Heute Nachmittag tritt der einst ebenso gefeierte wie nun angegriffene Nationalbank-Präsident vor die Medien (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet live). Hildebrand steht unter Druck: Die «Weltwoche» wirft ihm vor, er tätige «krumme Geschäfte», betreibe mit Insiderinformationen «Devisenspekulation», «illegal». Die Zeitschrift stützt sich auf Bankunterlagen, entwendet bei der Bank Sarasin.

Mit einer ersten Tranche Information konnten Nationalbank (SNB) und Bundesrat gestern die Vorwürfe an ihren Spitzenmann teilweise entkräften oder zumindest etwas abschwächen. Allerdings offenbart ein veröffentlichtes Dokument auch, dass nicht alles so korrekt abgelaufen ist, wie es die offiziellen Stellen der Öffentlichkeit bislang weismachen wollten.

Auch PWC findet es «heikel»

Zwei Prüfberichte von Bund und Nationalbank ergeben ein ähnliches Bild, wie es der TA gestern (im Text «Hildebrands heikle Geschäfte») gezeichnet hat. Auch die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PWC), mandatiert von der SNB, beurteilen zumindest eine Finanztransaktion vom Konto des Nationalbank-Präsidenten als «heikel». Sie beziehen ihre Kritik auf einen Devisentausch vom 15. August 2011. An jenem Sommertag waren auf Philipp Hildebrands Sarasin-Konto 400'000 Franken gegen rund 500'000 Dollar gewechselt worden.

Die «Weltwoche» behauptet, gestützt auf einen «Gewährsmann», Philipp Hildebrand höchstpersönlich habe diese Transaktion veranlasst. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (vom Bundesrat beauftragt) und PWC schreiben, Ehefrau Kashya Hildebrand sei es gewesen. Theoretisch ist es denkbar, dass die Zürcher Galeristin vorgeschoben wird. Gegen diese Version spricht ein E-Mail, in dem der Nationalbank-Präsident am Tag nach dem umstrittenen Tauschgeschäft nicht sehr erfreut wirkt. «In der Zukunft», heisst es in den Zeilen an seinen Kundenberater und an seine Frau, «ist es Ihnen nicht erlaubt, Devisentransaktionen durchzuführen, ohne dass die Anweisung von mir kommt oder dass ich sie bestätige.» Es scheint so, dass der Notenbanker erst im Nachhinein vom Tauschgeschäft seiner Gattin erfuhr.

Gewinn bereits vor den Schlagzeilen gespendet

Weiter schrieb er im auszugsweise zitierten E-Mail: «Ebenso bitte ich, zur Kenntnis zu nehmen, dass jede Währungsposition auf dem Konto mindestens sechs Monate gehalten werden muss, wie es unser SNB-Reglement über Eigengeschäfte vorschreibt.» Genau dies ist im vorliegenden Fall umstritten: Bereits am 4. Oktober 2011, nicht einmal zwei Monate nach dem «heiklen» Kauf, wurden auf dem Sarasin-Konto Hildebrands etwas mehr als 500'000 Dollar verkauft – zu einem weitaus besseren Kurs: Dem Nationalbank-Chef wurden 475'000 Franken gutgeschrieben. Plötzlich lagen mehr als 60'000 Franken mehr auf dem Konto von Privatmann Philipp Hildebrand. Hauptgrund: Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand hatte zwischenzeitlich eine historische Frankenabwertung angekündigt. Der Dollar-Franken-Kurs stieg. Der Bank-Kundenberater soll laut «Weltwoche» die Transaktion hinterfragt haben, worauf ihn Hildebrand telefonisch massregelte.

Inzwischen scheint es dem obersten Herr über den Franken nicht mehr ganz wohl zu sein mit seiner angeblichen Spekulation. Den Gewinn daraus hat Philipp Hildebrand einer karitativen Organisation gespendet – bereits vor Weihnachten, also bevor er wegen der Sache Schlagzeilen machte. Rechtlich korrekt ist der umstrittene Dollarverkauf gemäss den offiziellen Prüfern, weil Hildebrand bereits im März 2011 US-Währung gekauft hatte: Damals waren es gar fast 1,2 Millionen Dollar gewesen. Hildebrand soll im Frühjahr ein Ferienhaus bei Gstaad verkauft haben. Den Erlös legte er zum Teil in Dollar an. Am 6. Oktober hat er als Ersatz eine Ferienwohnung in der Ostschweiz erstanden, wofür er wieder Franken brauchte. Für Finanzkontrolle und PWC liegen in Anbetracht dieser Tatsachen keine unzulässigen Spekulationen vor.

Auf Aktienkäufe bei Firmen wie Roche oder Nestlé und vier weitere Devisengeschäfte über Hildebrands Konto gehen die Prüfer nicht ein. Insgesamt sollen dort 2011 laut Finanzkontrolle Währungen im Volumen von zwei Millionen Franken verschoben worden sein – zum Teil fürs «Geschäft der Ehefrau».

Blocher wollte Rücktritt

Eine besondere Rolle spielt in der ganzen Sache SVP-Nationalrat Christoph Blocher, der gemäss Bank Sarasin bereits am 11. November 2011 Informationen eines Whistleblowers, eines mittlerweile entlassenen Bank-Informatikers, erhielt. Erst über einen Monat später traf er in der Sache Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey. Blocher wollte bei seiner Ex-Kollegin laut der ihm nahestehenden «Weltwoche» erreichen, «dass der Bundesrat als Wahlbehörde der SNB-Spitze die Angelegenheit klärt und (mit einem diskreten, gesundheitlich motivierten Rücktritt Hildebrands) regelt».

Calmy-Rey habe die Sache sehr ernst genommen und zur geheimen Besprechung mit Blocher am 15. Dezember auch Geheimdienstchef Markus Seiler, den Direktor des Bundesamts für Justiz, Michael Leupold, sowie Finanzexperten der Bundespolizei mitgebracht. Am 23. Dezember diskutierte der Bundesrat den Fall in einer ausgedehnten Sondersitzung, ohne vorgängige Dokumentation der Mitglieder und dem Vernehmen nach auch ohne formale Abstimmungen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2012, 23:10 Uhr

Pressekonferenz

SNB-Präsident tritt heute um 16 Uhr vor die Medien. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet live.

Staatsanwaltschaften halten sich bedeckt

Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Nationalbank- Präsident Philipp Hildebrand und der allfälligen Einleitung von Strafverfahren hält sich die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft bedeckt. Man sei «am Prüfen», hiess es am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Vorderhand könne man nichts sagen, erklärte der zuständige Oberstaatsanwalt Martin Bürgisser. «Sobald als möglich», beziehungsweise «sobald die gesetzlichen Grundlagen es erlauben» werde man kommunizieren. Wann das sein werde, sei aber offen. Bürgisser schloss nicht aus, dass sich die Lage noch im Laufe des Donnerstags ändern könnte.

Noch kürzer fasste sich der Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, Peter Gill: «No comment». (sda)

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