So funktioniert das Air Operations Center

An Grossanlässen wie der OSZE-Konferenz in Basel muss die Schweizer Luftwaffe für Abschüsse bereit sein. Wie könnte eine solche Mission aussehen? Ein Blick in die Einsatzzentrale in Dübendorf.

Seine Piloten leisten Polizeidienst in der Luft: Bernhard Müller, Chef Einsatz der Luftwaffe.
Video: Melanie Finschi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Basel im kommenden Dezember anlässlich der Konferenz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) 57 Aussenminister empfängt, herrscht in Dübendorf ZH höchste Alarmbereitschaft: Das Air Operations Center (AOC), die Einsatzzentrale der Luftwaffe, arbeitet dann rund um die Uhr in Vollbesetzung. Mitarbeiter der Luftwaffe, die für die militärische Luftraumüberwachung zuständig sind, lassen die Luftlage auf den ­Radars nicht aus den Augen. Ihre Aufmerksamkeit gilt dann besonders dem Luftschild, welche die Schweizer Luftwaffe in Zusammenarbeit mit Deutschland und Frankreich über Basel errichtet.

Ohne Bewilligung darf kein Flugzeug diesen Luftraum mit 46 Kilometer Durchmesser durchfliegen. Die geogra­fischen Gegebenheiten stellen die Flugverkehrsleiter von Skyguide, die in ­Dübendorf für die Armee tätig sind, vor eine besondere Herausforderung, da sich in unmittelbarer Nähe des Luftschilds der Flughafen Basel-Mulhouse befindet. Der Flugverkehr ist dicht, rund 160 Maschinen starten und landen dort im Durchschnitt täglich.

Die Lotsen identifizieren die Maschinen, nehmen mit deren Piloten Kontakt auf und dirigieren sie um das Sperrgebiet herum. Die für die Armee tätigen Luftverkehrsleiter arbeiten dabei Hand in Hand mit ihren Kollegen, die den zivilen Verkehr überwachen. Bei den Lotsen sitzt ein F/A-18-Pilot. Er fungiert als Chief Air Defense. Er weiss, wie und in welchen Fällen die Piloten der Luftwaffe gegen Eindringlinge vorgehen müssen.

Jets jagen den Eindringling

Es sind die militärischen Lotsen, die im ständigen Kontakt stehen mit den Piloten der Luftwaffe, die das Sperrgebiet im Luftraum über Basel überwachen und durchsetzen. Wie die Ordnungshüter auf der Strasse sind sie auf Streife: Die Militärjets kreisen rund um die Uhr über dem Luftschild, der den Konferenzort überspannt. Ihre Radars erfassen die Umgebung. In geringerer Höhe wachen im Sichtflug die Piloten der Beobachtungsflugzeuge des Typs PC-7. Am Boden steht die gefechtsbereite Flugabwehr. Sie sichert die sogenannte letzte Meile. Anders als im Alltag sind die Waffen an den Flügeln der Jets während der OSZE-Konferenz keine Attrappen.

Auf einem riesigen Bildschirm sind im AOC die Umrisse der Schweiz sichtbar. Grüne Symbole bewegen sich über den schwarzen Monitor. Sie stellen zivile Flugzeuge dar. Mit Gelb sind jene Maschinen bezeichnet, die noch nicht identifiziert sind. Die blauen Symbole stehen für die Flugzeuge der Schweizer Luftwaffe. Hinterlegt sind weitere Informationen wie Flughöhe und Flugzeugtyp. Dringt ein Flugzeug in das Sperrgebiet ein, werden der Chief Air Defense und Verteidigungsminister Ueli Maurer sofort informiert. Während Bundesrat ­Didier Burkhalter als OSZE-Vorsitzender das Treffen präsidiert, begleitet ein Luftwaffenpilot Maurer als Verbindungsmann zu Dübendorf Tag und Nacht.

Auf Befehl des Chief Air Defense steigen sofort zwei Jets zum Eindringling auf. Die Piloten fungieren dabei als Augen der Luftwaffe. Bei Sichtkontakt können sie weit mehr Informationen liefern als ein Radar. Einer der Jetpiloten heftet sich ans Heck des Eindringlings und richtet seine Waffen auf ihn. Der zweite versucht, den Piloten zu kontaktieren. Bleibt der Funk stumm, lässt der Luftwaffenpilot seinen Jet mit den Flügeln wackeln – er fordert ihn damit auf, ihm zu folgen. Meist reicht bereits diese Intervention, um den Eindringling aus dem gesicherten Luftbereich zu eskortieren.

Laut Bernhard Müller, Chef Einsatz der Luftwaffe, entstehen solche Situationen oft aufgrund mangelhafter Flug­vorbereitung der fehlbaren Piloten. «Sie sind sich gar nicht bewusst, dass sie quasi durch ein Flugverbot fliegen», sagt er. Wie auch im Strassenverkehr haben solche Verstösse Konsequenzen: Die Luftverkehrssünder werden angezeigt. Sie müssen nach dem Bundesgesetz über die Luftfahrt mit bis zu einem Jahr Gefängnis oder Bussen von bis zu 10 000 Franken rechnen.

Routine dank WEF

Ignoriert der Eindringling jedoch die ­Signale der Militärpiloten, feuern diese als letzte Warnung vor einem möglichen Waffeneinsatz Magnesiumleuchtfackeln ab. Setzt er sich auch darüber hinweg, muss Ueli Maurer über einen Abschuss entscheiden – auch wenn es sich um eine Passagiermaschine handelt. Im Extremfall bedeutet ein Abschuss auch, unschuldige Opfer in einem Zivilflugzeug in Kauf zu nehmen. Ordnet der Verteidigungsminister den Abschuss an, übermittelt der Chief Air Defense den Befehl an die beiden Luftpolizisten. Diese haben die letzte Entscheidungsgewalt, denn sie können als Erste eine Eskalation oder Deeskalation der Situation beurteilen. Droht tatsächlich Gefahr, müssen die Verantwortlichen den Entscheid innert wenigen Minuten fällen. So weit ist es bisher noch nie gekommen.

Die Alarmbereitschaft, wie sie die Luftwaffe im Dezember herstellen wird, kennen die Piloten gut. Sie sichern ­jährlich den Luftraum über dem World Economic Forum in Davos. Dort gibt es immer wieder Fluggeräte – vom Gleitschirm bis zum Jet –, die in den Luftschild eindringen und von den Militärjets abgefangen werden. So kam es 2012 zu 5 und 2013 zu 2 solchen Verstössen.

Sind die Jets und ihre Piloten nicht in Spezialeinsätzen wie jenen anlässlich der OSZE-Konferenz oder dem WEF eingespannt, gleicht ihr Alltag jenem der Verkehrspolizei. In sogenannten Live Missions, die einer Routinekontrolle gleichkommen, überprüfen die Piloten Flugzeuge anderer Staaten – etwa Re­gierungsjets oder Frachtflieger auslän­discher Luftwaffen. Sie verifizieren die Übereinstimmung mit dem angegebenen Flugplan oder den Flugzeugtyp. In der Regel sind die Jets bei diesen Ein­sätzen unbewaffnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2014, 08:36 Uhr

Artikel zum Thema

«Dann stehen wir in zehn Jahren ohne Luftwaffe da»

Verteidigungsminister Ueli Maurer über Nebenschauplätze, Papierexperten und die Frage, welchen Preis unsere Sicherheit hat. Mehr...

Maurer will künftig teilweise Drohnen und Raketen statt Jets

Die Ära der Kampfjets sei abgelaufen, monieren Kritiker des Gripen-Kaufs seit langem. Nun hat offenbar auch im Verteidigungsdepartement ein Umdenken stattgefunden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...