So funktioniert der Pflege-Graumarkt in der Schweiz

Bis zu 30'000 ausländische Pflegerinnen arbeiten hierzulande unter illegalen oder halblegalen Bedingungen. Viele von ihnen kommen als Scheinselbstständige aus Polen oder der Slowakei in die Schweiz.

Steigende Nachfrage: Eine Pflegerin betreut eine alte Frau zu Hause.

Steigende Nachfrage: Eine Pflegerin betreut eine alte Frau zu Hause. Bild: AFP

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Die Zahl der pflegebedürftigen Personen in der Schweiz nimmt stetig zu, und immer mehr von ihnen wollen ihren Lebensabend nicht im Pflegeheim verbringen, sondern in den eigenen vier Wänden. Doch der Leistungsumfang der Spitexdienste ist beschränkt. Wer auf eine 24-Stunden-Rundumbetreuung angewiesen ist, muss darum auf einen der immer zahlreicheren privaten Pflegevermittler zurückgreifen. Für einen solchen Service bezahlt man beispielsweise bei der Firma Hauspflegebetreuung Lüdi&Partner zwischen 7450 und 9250 Franken pro Monat – exklusive Unterkunft und Verpflegung. Das ist für die meisten Familien unerschwinglich .

Viele Betroffene wählen deshalb Auswege, die zwar weit günstiger, aber rechtlich zweifelhaft sind. Beat Vogel, der bei Caritas Schweiz ein Pilotprojekt zur Betreuung betagter Menschen leitet, nennt drei Möglichkeiten:

  • Die betroffene Familie stellt eine ausländische Pflegerin ein, zum Beispiel eine Rumänin oder Bulgarin – jedoch ohne Arbeitsvertrag und ohne die Frau bei den Behörden anzumelden. Die Kontakte würden sich häufig durch Mund-zu-Mund-Empfehlungen ergeben, sagt Vogel.
  • Agenturen aus der Schweiz oder dem Ausland vermitteln Pflegerinnen aus EU-Ländern, die bei einer Firma in ihrem Heimatland unter Vertrag stehen. Dank der Personenfreizügigkeit können EU-Firmen Angestellte für einen Zeitraum von maximal 90 Tagen in die Schweiz entsenden. Nach Ablauf dieser Frist schickt die Firma eine neue Pflegerin. Die meisten der Frauen stammen aus osteuropäischen Ländern wie Polen, der Slowakei oder Ungarn. Eine Rundumbetreuung ist über eine solche Agentur bereits für weniger als 2000 Franken im Monat zu haben. Dazu kommen Unterkunft und Verpflegung.
  • Eine Agentur vermittelt Pflegerinnen aus EU-Ländern, die sich in ihrem Heimatland als selbstständig erwerbend angemeldet haben. Diese können ebenfalls während maximal 90 Tagen in der Schweiz ihre Dienste anbieten. Nach Ablauf dieser Frist entsendet die Agentur eine Nachfolgerin.

Schätzungen zufolge arbeiten in der Schweiz bis zu 30'000 Betreuer und Betreuerinnen in einem der drei beschriebenen Arbeitsverhältnisse. Die rechtliche Situation ist nur im ersten Fall klar: Hier handelt es sich eindeutig um Schwarzarbeit, weshalb mit einer happigen Busse zu rechnen ist, sollte ein solches Arbeitsverhältnis auffliegen.

Osteuropäische Scheinselbstständige

Die beiden anderen Szenarien sind rechtliche Grauzonen. Ein juristisches Dossier der Stadt Zürich hält fest, dass ausländische Firmen ihre Mitarbeiter nur in die Schweiz entsenden dürfen, wenn das Weisungsrecht – also das Recht, Anweisungen zu erteilen – weiterhin bei der Firma verbleibt. Da dies bei Hausangestellten offensichtlich nicht der Fall sei, handle es sich um unerlaubten Personalverleih.

Auch die Vermittlung von selbstständigen Pflegerinnen hält das Fachpapier für illegal. Betreuungskräfte könnten nicht als selbstständig gelten, heisst es darin, denn sie seien nur für einen einzigen Privathaushalt tätig und somit von diesem wirtschaftlich abhängig. Haushalte, die scheinselbstständige Pflegerinnen beschäftigen, müssen laut Caritas-Projektleiter Beat Vogel mit einer Klage und Nachzahlungen rechnen. Dass die Behörden oft trotzdem nicht so genau hinschauen, führt er unter anderem darauf zurück, dass Gemeinden und Kantone finanziell von der momentanen Situation profitieren, denn ohne die illegalen Pflegerinnen müssten sie sich eventuell an den Kosten für ein Pflegeheim beteiligen.

Die rechtliche Unsicherheit sei jedoch nicht das einzige Problem der Frauen, sagt Vogel. «Prekär ist ihre Situation deshalb, weil sie keine geregelte Freizeit haben, nicht versichert sind und bei Problemen mit der betreuten Person ohne Hilfe dastehen.»

Doch nicht illegal?

Eine der Agenturen, die nach dem Selbstständigkeitsmodell arbeiten, ist die spanische Firma McCare, die seit 2011 eine Tochterfirma in der Schweiz hat. Zurzeit sind für McCare rund 680 ausländische Pflegerinnen in der Schweiz tätig, wie Geschäftsführer Edwin Keller auf Anfrage mitteilt. Zumeist stammen sie aus Polen und der Slowakei.

Keller sieht nichts Illegales am Geschäftsmodell von McCare. Zwar gibt er unumwunden zu, dass die Firma bereits verschiedentlich vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) für ihre Praktiken gerügt wurde, «aber wenn unsere Dienstleistung tatsächlich illegal wäre, hätten wir schon lange eine Klage am Hals.»

Überhaupt versteht Keller die Kritik an seiner Tätigkeit nicht. «Die Pflegerinnen, die wir vermitteln, geben in der Schweiz fast kein Geld aus, da sie bei den Pflegebedürftigen wohnen und essen. So können sie fast die ganzen 2000 Franken, die sie im Monat verdienen, nach Hause schicken. Das ist viel Geld für sie.»

Dem Seco wirft Keller vor, Familien unter Druck zu setzen, die selbstständige ausländische Pflegerinnen beschäftigen. «Das Seco versucht, diese Leute mit Drohungen dazu zu bringen, die Pflegerinnen selber anzustellen.» Davon rät Keller ab – erstens wegen der Sozialabgaben, welche der Arbeitgeber zu verrichten hätte, und zweitens, weil er befürchtet, dass die Ausländerinnen dann in der Schweiz bleiben und vom Staat Sozialleistungen beziehen würden.

Erstellt: 19.12.2012, 18:26 Uhr

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