So ging die einzige heisse Spur zu den mordenden Neonazis verloren

Deutsch-schweizerische Verständigungsprobleme behinderten die Ermittlungen in der NSU-Mordserie. 2004 verfolgten die Ermittler offenbar die richtige Spur, suchten aber nach den falschen Tätern.

Die Pistole der tschechischen Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, mit der neun Menschen erschossen wurden. Foto: Winfried Rothermel (DDP Images)

Die Pistole der tschechischen Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, mit der neun Menschen erschossen wurden. Foto: Winfried Rothermel (DDP Images)

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Wären fünf von zehn Opfern des selbst ernannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) noch am Leben, wenn die Zusammenarbeit zwischen Polizisten von nördlich und südlich des Rheins besser geklappt hätte? Hätte die Mordserie Rechtsextremer an Migranten in Deutschland gestoppt werden können, wenn das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) erfolgreicher kooperiert hätten? Hätten die untergetauchten Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bereits 2004 verhaftet werden können? Diese Frage muss sich stellen, wer Ermittlungsakten zum Fall sichtet, die eigentlich «nur für den Dienstgebrauch» vorgesehen sind.

Am 17. Mai 2004 hat Ermittlungsleiter Werner Jung, Kriminalhauptkommissar beim BKA, ein Fax in die Schweiz geschickt. Auf drei Seiten geht es um das «Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Nürnberg, Aktenzeichen 103 UJs 115193/01, gegen unbekannt, wegen Verdachts des Mordes zum Nachteil türkischer Staatsangehöriger in Deutschland. Hier: Spur 1 (Waffen und Munition)».

Nach fünf Morden und vier Jahren erfolgloser Ermittlungen ist es die einzige Spur. Und sie wird es bleiben, bis November 2011. Dann bringen sich Mundlos und Böhnhardt um. Ihre Mordwaffe wird in ihrem abgebrannten Versteck im ostdeutschen Zwickau sichergestellt.

Fatale Blickverengung

Zurück in den Mai 2004: Da liest der Faxempfänger, ein BKA-Verbindungsmann in Bern, zwischen «bislang fünf Tötungsdelikten in den Städten Nürnberg (zwei Tatorte), München, Hamburg und Rostock» bestünde eine «deutliche Parallele, welche auf Täteridentität(en) hindeutet». Kriminaltechniker haben herausgefunden, dass «eine identische Waffe (Fabrikat Ceska, Kaliber 7,65 mm)» eingesetzt worden ist. Zwischen den Opfern der «Hinrichtungen» gäbe es – abgesehen von der türkischen Herkunft – «anhand des bislang gewonnenen Erkenntnisstands keinerlei Bezüge». Als Grund «dürften Rauschgiftgeschäfte in Betracht kommen». Es gäbe «Anhaltspunkte (…) für Auftragsmorde».

An mehreren der Tatorte hat die Spurensicherung Geschosse und Patronenhülsen des US-Herstellers PMC gefunden, die «weniger gebräuchlich» seien. Zweitgrösster von nur neun Abnehmern europaweit war gemäss dem Generalimporteur mit 23'000 Schuss Schläfli & Zbinden in 3000 Bern (Schweiz)». Der BKA-Verbindungsmann erhält den Auftrag, mit den Schweizer Behörden abzuklären, ob dort Schalldämpfer – und auch PMC-Patronen – «insbesondere an türkische Staatsangehörige abgegeben wurden» (siehe Ausriss).

Ein Waffenexperte der Berner Kantonspolizei sichtet postwendend die Munitionsverkaufsbücher von Schläfli & Zbinden. Was niemand ahnt: Man ist dort auf der richtigen Spur. Doch die Resultate der Abklärungen sind für die Ermittler ernüchternd (siehe zweiter Ausriss): Schläfli & Zbinden habe keine PMC-Munition an Türken verkauft. Und über den Verkauf von Schalldämpfern sei nicht Buch geführt worden. Der Blick ist – wie in der deutschen Anfrage – fatalerweise verengt auf türkische Tatverdächtige und auf den Schalldämpfer. Bei den Pistolen, die über den Ladentisch gingen, hat Schläfli & Zbinden fein säuberlich Buch geführt. Somit hätte sich sehr wohl feststellen lassen, wer eine 7,65er-Ceska inklusive Munition und serienmässigem Schalldämpfer gekauft hat. Schläfli & Zbinden war damals zwar eines der grössten Waffengeschäfte im Land, aber die gesuchte Marke, das Kaliber und die Munition waren eher rar.

«Stochern im Nebel»

Wieso wurden die Bücher nicht auf den Waffentyp gesichtet? «Die Kantonspolizei Bern hat 2004 die Verkaufswegabklärung auftrags- und fristgemäss ausgeführt», so Sprecher Michael Fichter. Daraus lässt sich folgern: Weil sich die deutschen Kollegen nicht explizit nach der Ceska erkundigten, haben die Berner Fahnder nicht nach der Ceska gesucht.

Doch wieso ist diese Frage ausgeblieben? Kriminalhauptkommissar Jung konnte gestern vor dem parlamentarischen NSU-Ausschuss in Berlin keine schlüssige Antwort liefern. Die Suche nach der Herkunft von Waffe respektive Munition sei ein «Stochern im Nebel» gewesen, rechtfertigte er sich. Es habe einen Tipp eines V-Manns gegeben, zwei türkische Brüder seien Hintermänner der Mordserie. Auch sei bekannt gewesen, dass unter Türken «überproportional» viele illegale Waffenbesitzer seien. Deswegen habe er insbesondere nach türkischen Munitionskäufern gesucht.

Suboptimale Zusammenarbeit

Lange verfolgt Jung die Spur der Ceska vor allem in Tschechien. Offenbar erachtet er die Anfrage in die Schweiz nicht als besonders wichtig. Er habe sich «keine grossen Hoffnungen gemacht», sagt er. Auf Nachfragen habe er auch verzichtet, weil er davon ausging, von den Waffenhändlern in der Schweiz einfach eine Liste mit «unbescholtenen Schweizer Bürgern» zu erhalten. Eine tragische Fehleinschätzung, wie man heute weiss. Das Töten geht weiter. Die Chance, dem ursprünglichen Käufer der Mordwaffe auf die Spur zu kommen, wird verpasst.

Auch später ist die bilaterale Ermittlerzusammenarbeit nicht optimal: Ab 2006 können die deutschen Ballistiker die Anzahl der möglichen Tatwaffen extrem einschränken. Zuerst von 180'000 Pistolen des Typs Ceska 83 auf 55 Stück, die für Schalldämpfer geeignet waren. 27 dieser Pistolen waren in den frühen Neunzigerjahren in die Schweiz geliefert worden – an den damaligen Ceska-Generalimporteur, die Firma Luxik im solothurnischen Derendingen.

Immer wieder versandet die Spur

Im Juli 2007 reist Kriminalhauptkommissar Jung in die Schweiz, wo er Ceska-Verkaufsregister einsehen kann. Dabei sieht er, dass Anton G. aus dem Berner Oberland 1996 bei Schläfli & Zbinden zwei Ceska 83 gekauft hat. Eine davon – so weiss man heute – ist die spätere NSU-Mordwaffe. Im Sommer 2007 wird aber auch diese Spur nicht weiter verfolgt. Schweizer Beamte befragen G. zwar. Doch der Berner Oberländer behauptet, er habe nie Geschäftsbeziehungen mit Schläfli & Zbinden gehabt.

Trotzdem vergehen eineinhalb Jahre, bis das BKA einen weiteren Anlauf nimmt. Am 16. Dezember 2008 sendet es erneut ein Rechtshilfeersuchen in die Schweiz. «Ziel war es, bei den Herren G. und B. (einem weiteren Schweizer Käufer einer Schläfli-&-Zbinden-Ceska, die nicht mehr auffindbar war – die Red.) Durchsuchungen und Vernehmungen zu durchzuführen», sagte Jung gestern im Ausschuss.

Die Schweizer hätten aber erst spät reagiert. Man habe immer wieder beim EJPD nachgefragt, warum das so lange dauere. «Die Erklärung war: Der zuständige Staatsanwalt in der Schweiz sei zurückgetreten. Es müsse erst ein neuer gewählt werden.» Erst 10 Monate später seien die angefragten «Massnahmen» durchgeführt werden, so Jung. G. behauptet, er habe nie eine Ceska von Schläfli & Zbinden geliefert erhalten. Die Spur versandet erneut. Nach dem Auffliegen des NSU gesteht G., dass er die Mordwaffe einst in den Händen hielt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2012, 06:19 Uhr

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