So könnte der Ärztemangel behoben werden

Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative wird den Ärztemangel drastisch verschärfen. Ärzte, Spitäler und Patientenvertreter sagen, wie das Problem gelöst werden kann.

Mehrere geforderte Massnahmen zielen darauf ab, sie länger im Beruf zu halten: Schweizer Ärztinnen einer Notfallstation.

Mehrere geforderte Massnahmen zielen darauf ab, sie länger im Beruf zu halten: Schweizer Ärztinnen einer Notfallstation. Bild: Keystone

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Bundesrat Johann Schneider-Ammann kündigte kürzlich an, dass Bund und Kantone prüfen wollen, wie mehr Ärzte im Inland ausgebildet werden könnten. Zudem sollen diese dem Arbeitsmarkt nach dem Studium besser erhalten bleiben. Dass dem dringenden Bedarf an Medizinern solch vage Pläne gegenüberstehen, wird parteiübergreifend kritisiert. Aber was nützt im Kampf gegen den Ärztemangel? Eine Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt, welches die wichtigsten Forderungen der Gesundheitsbranche sind:

  • Mehr Ausbildungsplätze
An den Schweizer Universitäten gibt es jährlich 1628 Studienplätze für angehende Ärzte, es interessieren sich aber zwischen 3000 und 5000 Maturanden für ein Medizinstudium. Gleichzeitig reicht die Zahl der Absolventen nicht aus, um die medizinische Grundversorgung sicherzustellen. Dafür wären pro Jahr 1300 Abschlüsse nötig; 2013 beendeten aber lediglich 836 Mediziner ihr Studium. Deshalb fordern Ärzte, Spitäler und Patientenvertreter unisono mehr Ausbildungsplätze. Zwar haben die Universitäten seit 2008 rund 45 Prozent mehr Medizinstudienplätze geschaffen. Finanziert haben die Kantone diese aus der eigenen Kasse. Jetzt ist für die Kantone klar: Soll das Angebot weiter ausgebaut werden, muss der Bund zahlen. Mit Spannung erwarten sie darum die Bildungsbotschaft 2017–2020, in der zusätzliche Gelder gesprochen werden sollen. Doch selbst wenn die Mittel erhöht werden sollten: Vom Studienbeginn bis zum Facharzttitel vergehen 12 Jahre. Die Schweiz wird daher noch jahrelang auf ausländisches Personal angewiesen sein.

  • Numerus clausus abschaffen
Bundesrat Schneider-Amman zeigt sich offen, über eine Abschaffung der Eignungsprüfung an den Deutschschweizer Universitäten zu diskutieren. Aber in diesen zurzeit wieder lauter werdenden Ruf mögen weder die Ärzte, die Spitäler noch die Patientenvertreter einstimmen. «Das löst das Problem der zu grossen Nachfrage nicht: Eine Aufhebung des Numerus clausus bringt nichts, wenn die Zahl der Ausbildungsplätze an den Universitäten nicht erhöht wird», sagt Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+.

  • Mehr Teilzeitstellen
Der Arztberuf wird immer weiblicher: Der Frauenanteil zu Beginn des Studiums beträgt heute über 60 Prozent. Weil aber die Assistenzzeit nach dem Studium mindestens sechs Jahre dauert, die Arbeitstage lang und die Teilzeitstellen unter 90 Prozent rar sind, geben viele Ärztinnen ihren Beruf auf, wenn sie Mütter werden. Schätzungen zufolge handelt es sich dabei um 2000 bis 3000 Personen. Obwohl dieses Potenzial brachliegt, tut sich der Berufsstand schwer mit der Schaffung von Teilzeitmodellen. «Dafür bräuchte es einen Mentalitätswandel – besonders bei älteren Chefärzten», sagt GLP-Nationalrätin und Patientenschützerin Margrit Kessler.

  • Telemedizin
Der führende Telemedizin-Anbieter Medgate prüft, ob Ärzte aus EU-Staaten künftig aus dem Ausland Schweizer Patienten beraten könnten. «Damit könnten wir den Ärztemangel entschärfen und die Zuwanderung bremsen», sagte Geschäftsführer Andy Fischer dem «St. Galler Tagblatt». Offen ist, ob das Modell rechtlich zulässig wäre. Zudem braucht es bei vielen Erkrankungen den persönlichen Kontakt.

  • Mehr spezialisierte Pflegekräfte
Fachhochschulen bieten mittlerweile Master-Studiengänge an, in denen sich Pflegefachleute auf ein Fachgebiet spezialisieren können. Nach dieser Ausbildung haben die «Advanced Practice ­Nurses» erweiterte Kompetenzen, etwa in der Diagnostik oder bei Röntgenaufnahmen. Das kann fallweise eine Begutachtung durch den Arzt ersetzen – und birgt entsprechendes Konfliktpotenzial zwischen den Berufsgruppen. Wegmüller sagt, schon heute hätten spezialisierte Pflegekräfte in Spitälern ein hohes Gewicht.

  • Apotheken stärken
Mit der Revision des Heilmittelgesetzes sollen die Kompetenzen der Apotheker erweitert werden. So sollen sie etwa rezeptpflichtige Medikamente ohne ärztliche Verschreibung abgeben dürfen. Die Ärzte wehren sich vehement dagegen. Kessler versteht das nicht: «Apotheker absolvieren ein langes Studium. Warum sollen sie keine verschreibungspflichtigen Medikamente abgeben oder den Blutdruck nicht kontrollieren dürfen? Das verschafft den Ärzten mehr Kapazität.»

Erstellt: 18.02.2015, 06:10 Uhr

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