So lügt die Schweiz

Fast 100'000 Schweizer haben im Stapferhaus in Lenzburg Lügen bewertet. Das Resultat: erstaunlich.

Illustration: Ruedi Widmer

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Ist das nicht? Das ist sie doch, oder? Ja, das ist sie. Das ist sie ganz sicher!

Jolanda Spiess-Hegglin, Frauenrechtlerin, Aktivistin und ehemalige Kantonsrätin der Grünen im Kanton Zug. Kaum eine Schweizerin hat sich in den vergangenen Jahren intensiver mit Fake News, Lügen und falschen Anschuldigungen im Internet auseinandergesetzt. Nach der Berichterstattung über den bis heute ungeklärten Vorfall nach der Zuger Landammannfeier vor fünf Jahren stellte das Kantonsgericht Zug diesen Mai eine «krasse Verletzung» ihrer Privatsphäre durch den «Blick» fest – der Prozess ist nun am Obergericht hängig.

Und diese Spiess-Hegglin steht nun also an diesem unauffälligen Freitagnachmittag mit ihrem Mann und ihren Kindern im Stapferhaus in Lenzburg und schaut sich die Ausstellung «Fake. Die ganze Wahrheit» an. Nächste Station: Fake News. «Das ist eine fantastische Ausstellung», sagt Spiess-Hegglin.

Drei Viertel der fast 10'000 Befragten gehen davon aus, dass seit dem Internet der Anteil an Unwahrheiten in den klassischen Medien ­grösser geworden ist. Vom Gegenteil sind nur 5 Prozent überzeugt.

Ist das nicht grossartig? Ein Text über Fake News, über das fehlende Vertrauen in die Medien, ein Text über lügende Schweizerinnen und Schweizer beginnt mit der zufälligen Begegnung mit einer Person, deren Leben in den vergangenen Jahren nichts anderes war als ein steter Kampf um die Wahrheit.

Was für ein glücklicher Zufall!

Nur: Stimmt das auch?

Sotomo, die Forschungsstelle von Politgeograf Michael Hermann, hat im Auftrag des Stapferhauses eine repräsentative Umfrage über «Wahrheit und Lüge in Zeiten von Fake News» erstellt. Gemäss der Umfrage gehen drei Viertel der fast 10'000 Befragten davon aus, dass seit dem Internet der Anteil an Unwahrheiten in den klassischen Medien ­grösser geworden ist. Gerade mal fünf Prozent sind vom Gegenteil überzeugt. Über 83 Prozent geben an, dass sie von Fake News – nicht unbeabsichtigten Faktenfehlern, sondern bewussten und irreführenden Falschmeldungen – schon einmal in der politischen Meinungsbildung beeinflusst worden sind.

Schuld: Journalisten und Politiker

Und schuld daran sind die Journalisten. Und die Politiker. Vor allem die Politiker. 84 Prozent der Befragten halten ­diese Berufsgattung für jene, der sie am wenigsten zutrauen, die Wahrheit zu ­sagen. Und über die Hälfte glaubt, dass Politiker heute dreister lügen als früher.

Bei der Einschätzung der Glaub­würdigkeit von Systemen und Berufsgruppen spielt es eine grosse Rolle, wie jemand selber politisch tickt. Politisch rechts Stehende hätten deutlich weniger Vertrauen in Wissenschaft und Medien als Leute, die sich in der Mitte oder links davon verorten, schreibt Michael Hermann zu seiner Studie. Linke misstrauen dagegen öfter der Redlichkeit von Managern: «Dies zeigt, dass links eher klassischer Macht misstraut wird, während sich das rechte Misstrauen stärker gegen die ‹Mächtigen des Wortes› richtet, gegen Medien und Wissenschaft.»

Misstrauen überall. Gegen rechts, gegen links. Ganz grundsätzlich. «Mit der Wahrheit geht es drunter und drüber», heisst es zu Beginn der Ausstellung, und: «Glauben Sie erst mal nichts.» Fast 100'000 Menschen haben die Ausstellung bereits besucht und mitgeholfen, so viel Wissen über die Lüge in der Schweiz anzusammeln wie nie zuvor.

Kernstück ist die zentrale Lügenanlaufstelle. Die Besucher können dort ­anhand verschiedener Geschichten entscheiden, wie verwerflich sie eine bestimmte Lüge finden, wie nötig vielleicht, wie verzeihlich. Und weil die zentrale Lügenanlaufstelle auch Alter, Geschlecht und die politische Einstellung erfasst, ist im vergangenen Jahr ein erstaunliches Psychogramm der lügenden Schweizer entstanden.

«Es ist faszinierend, wie sich der Blick aufs Lügen verändert, wenn man es an konkreten Beispielen diskutiert», sagt Sonja Enz vom Stapferhaus, die die Ausstellung mitkonzipiert hat. In der Umfrage vor Beginn der Ausstellung gaben 54 Prozent der Befragten an, eine Welt ohne Lügen wäre aus ihrer Sicht eine bessere Welt.

«Wenn es dann um konkrete Lügen geht, wird das aber sehr schnell sehr viel komplizierter», sagt Enz. Darf ein psychisch Kranker bei einem Bewerbungsgespräch seine Krankheit verschweigen? Soll ein Anwalt für seine Klienten lügen? Muss er nicht sogar? Darf ein Flüchtling der ­Polizei seine Identität verschweigen? «Persönliche Geschichten werden viel uneinheitlicher beurteilt als solche aus Politik und Wirtschaft», sagt Enz. Bei diesen «Systemlügen» (der Postauto-Skandal oder die Affäre um den Genfer Regierungsrat Pierre Maudet) haben die Schweizer weniger Mühe, sie als eindeutig verwerflich zu beurteilen.

Die Klassiker

Die Auswertung zeigt, dass viele Klischees einen wahren Kern haben. Das stimmt besonders, wenn man die Bewertung nach politischer Einstellung aufschlüsselt. Grundsätzlich am meisten Mühe mit der Lüge per se haben Leute, die der EVP und der CVP nahestehen. Leute aus der EVP mögen es gar nicht, wenn man über seinen Glauben lügt oder eine HIV-Ansteckung verheimlicht. Das entspannteste Verhältnis zur Lüge haben hingegen Wähler der Grünen, der SP und der FDP – da nimmt man es auch mal locker mit der Wahrheit.

Bei vielen Lügen lässt sich auch ein klassisches Links-rechts-Schema feststellen. Wenn sich ein Sans-Papiers seiner Verhaftung mit einer Lüge entzieht, wird das von Grünen und SP eher verziehen – von Wählern der SVP nicht. Im Gegenzug finden es FDP-Wähler nicht weiter schlimm, wenn im Laden mit Werbepsychologie Einfluss auf den Konsumenten genommen wird (freier Markt!), und die SVP hat wenig Mühe, wenn jemand seine Mitgliedschaft bei der Geheimarmee P-26 verschweigt.

Der Unterschied zwischen Alt und Jung lässt sich nicht ganz so klar aufschlüsseln. Sicher ist: Unser Verhältnis zur Lüge verändert sich im Laufe des Lebens. Kinder können mit dem Konzept der Lüge gar nichts anfangen. Junge Erwachsene würden gerne weniger lügen, machen aber das Gegenteil (beim Bewerbungsgespräch, in den sozialen Medien, beim Flirten). Danach steigt das Verständnis für Lügen – bevor es im ­Alter wieder abflacht. «Wenn man es sich leisten kann, nicht mehr überall lügen zu müssen», sagt Michael Hermann.

Die grössten Unterschiede zwischen Alt und Jung finden sich beim Thema Treue. Junge wollen alles wissen. Alte eher weniger. Ältere Menschen reagieren gnädiger auf verheimlichte Seitensprünge oder Lügen, die man aus Rücksicht auf sein Gegenüber ausspricht. Das zeigt sich auch bei jener Geschichte in der Ausstellung, deren Beurteilung am umstrittensten ist. Wenn eine Frau ihrer Mutter am Sterbebett verspricht, dass sie den kranken Vater zu Hause pflegen wird – und ihn dann doch ins ­Altersheim schickt, können das Junge gar nicht verstehen. Alte hingegen viel eher.

Jolanda Spiess-Hegglin hat am meisten überrascht, dass Ärzte und Anwälte eine so gute Reputation haben. Das entspreche so gar nicht ihren Erfahrungen. Der schlechte Ruf der Medienschaffenden hingegen schon.

Sie war an diesem Tag übrigens ­tatsächlich in Lenzburg.

Ehrlich.

Erstellt: 05.12.2019, 11:11 Uhr

Lügen in Lenzburg

Nach der grossen Ausstellung über Heimat dreht sich im Stapferhaus in Lenzburg seit einem Jahr alles um die Lüge. «Fake. Die ganze Wahrheit», heisst die Ausstellung, die sich um unser Verhältnis zu Fake News, Lügengeschichten und Vertrauen dreht. Bisher haben fast 100'000 Besucherinnen und Besucher
die Ausstellung gesehen, wegen grossen Andrangs wurde sie bis Ende nächsten Juni verlängert. (red)

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