So schlecht schlagen sich die Kandidaten für den Bundesrat

Einer hat wolkige Ideen, einer ein blumiges Sofa, und eine redet sich um Kopf und Kragen: Ein Blick auf den bisherigen «Wahlkampf» für die Nachfolge von Didier Burkhalter.

Die Anwärter auf die Nachfolge von FDP-Bundesrat Didier Burkhalter stellen sich an einer Podiumsdiskussion in Zug kritischen Fragen. (Video: SDA)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie lange dauert dieser Bundesratswahlkampf nun schon? Einen Monat, acht Wochen, ein halbes Jahr? Und kann man ein Schaulaufen dreier Schweizer Politiker, an von der FDP «Roadshow» genannten Auftritten und in hundert Porträts und Interviews in den Schweizer Medien, tatsächlich als «Wahlkampf» bezeichnen?

Die Antwort auf Frage Nummer 1: Das Buhlen um die Gunst der Öffentlichkeit (die bei der Wahl ja gar nicht mitreden darf) dauert schon lange. Aber nicht mehr so lange. Am 1. September entscheidet die Fraktion der FDP über ihr Ticket.

Und vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, ist die Zeit der grossen Aufmerksamkeit für die drei Bundesratskandidaten bald wieder vorüber. Nicht jedem aus dem Trio Pierre Maudet, Isabelle Moret und Ignazio Cassis bekommt die grosse Bühne gleich gut. Bevor es in die entscheidende Phase geht: eine Zwischenbilanz.

Umfrage

Wenn Sie heute den Nachfolger von Didier Burkhalter wählen könnten, wem würden Sie Ihre Stimme geben?

Ignazio Cassis

 
28.2%

Isabelle Moret

 
15.8%

Pierre Maudet

 
30.5%

einem anderen Kandidaten

 
25.5%

2380 Stimmen


Ignazio Cassis: Zurücklehnen und abwarten auf dem Sofa

Oh, Cassis. Man kann sich kaum mehr retten vor lauter Cassis. Wir haben ihn in einem ästhetisch zweifelhaften Schweizer-T-Shirt gesehen, wir wissen, dass er einen Elektro-Smart fährt (weiss und grün), wir haben die Geschichte von seinem abgerissenen Finger gehört (hundertmal), haben ihn vor dem Herman-Hesse-Museum gesehen und mit seiner Gitarre. Wir durften erfahren, dass er die defekte Türklingel im Haus seiner Mutter reparieren soll und dass seine Schwester etwas Unterstützung für eine Excel-Tabelle braucht. «Die Arbeit geht mir nicht aus, wenn ich nicht Bundesrat werde», sagte Cassis in einem aktuellen Porträt der «Basler Zeitung». Ernsthaft.

In Erinnerung bleibt von den bisherigen Auftritten des Tessiners nicht eine politische Haltung oder ein politischer Inhalt. In Erinnerung bleibt, dass Cassis seine Krankenkassen-Mandate für die Zeit seines Wahlkampfs niederlegt und trotzdem die Hälfte des Lohns erhält. Und in Erinnerung bleibt sein Sofa in seinem Haus in Montagnola. Blumengemustert, ein fröhliches Plastikkind der 80er-Jahre; so grell, dass man die Brösmeli nicht mehr sieht, nur noch spürt. Seine Frau, auch das ist eine Erkenntnis, möchte das Sofa behalten und in Zukunft lieber auf Homestorys im «Blick» verzichten.

Video - Der Tessiner

FDP-Fraktionspräsident Ignazio Cassis erklärte im Juli, weshalb es eine Tessiner Vertretung im Bundesrat braucht. (Video: SDA / 11. Juli 2017)

Oh, Cassis. Er ist noch nicht gewählt, aber er gibt sich schon alle Mühe, so zu tun, als würde er nicht auf ein Bundesratsamt aspirieren, sondern bereits auf zehn ereignislose Jahre in der Regierung zurückblicken. Das war mein Sofa, das war mein Tessin, das war ich als perfekt dreisprachiger Konsens- und Harmoniepolitiker im Bundesrat. Was soll da noch geschehen?

Isabelle Moret: Ausflüchte, Erklärungen, Flehen

Sie vielleicht? Hat Isabelle Moret, die Nationalrätin aus der Waadt, das Zeug dazu, Ignazio Cassis noch abzufangen? Aus ihrer bisherigen Zeit in Bern lässt sich das nicht so einfach ableiten. Zu still, nicht auffällig, halt auch da. Um tatsächlich abzuschätzen, ob Frau Moret «fit for office» ist, muss man sich notgedrungen auf ihre aktuelle Leistung beziehen. Und die ist durchzogen. Allein die Phase vor der Bekanntgabe ihrer Kandidatur: Sie will, sie will nicht. Sie sagt es im Juli. Sie sagt es Mitte Juli. Sie sagt es Ende Juli. Sie sagt es im August. Sie denkt noch darüber nach. Sie hat sich schon entschieden. Doch nicht. Jetzt vielleicht?

Video - Konkurrentin für Cassis

Die Waadtländer FDP nominierten Nationalrätin Isabelle Moret anfangs August offiziell. (Video: Tamedia/SDA, 9. August 2017)

Zaudernd und zögernd und unsicher war der Start von Morets Kampagne – und genau so ging es weiter. Panisch reagierte sie, als sie merkte, dass sie offensichtlich auf einem Verteiler eines parlamentarischen Rüstungsgrüppchens war. Ohne Not bringt sie sich in Interviews immer wieder in verzwickte Lagen. Etwa als sie dem «Tages-Anzeiger» sagte, sie verdiene ganz sicher am wenigsten von allen drei Kandidaten. Was so ziemlich sicher nicht stimmt. Ihre Antwort darauf: Ausflüchte, Erklärungen, Flehen.

Dass sie so viel verdient – kein Problem. Offenbar kann man in der Schweiz nur Bundesrat werden, wenn man im Jahr über 300’000 Franken verdient. Dass sie im Wahlkampf nicht auf das Frauenthema setzen will, sondern wegen ihrer Kompetenz gewählt werden möchte – dito. Doch genau das macht etwas stutzig. Wer in den vergangenen Wochen mit Moret zu tun hatte, fragt sich, was genau das Anforderungsprofil eines Bundesrats sein müsste. Soll in die Regierung gewählt werden, wer selbst bei einfachsten Journalistenanfragen sofort Himmel und Hölle in Bewegung setzt? Mal das sagt und mal jenes? Jemand, der so offensichtlich nervös ist, dass es selbst der gemeine Inlandredaktor merkt? Einen souveränen Eindruck macht Frau Moret auf jeden Fall nicht.

Pierre Maudet: Darling der Medien

Und damit zum letzten Kandidaten. Pierre Maudet ist der Liebling der Journalisten. So eloquent, so jung, so rassig! Keine Ahnung, woher es kommt: Aber unter Schweizer Journalistinnen und Journalisten scheint es eine gewisse Sehnsucht nach Typen zu geben, die sich über dem Durchschnitt bewegen (was je nach Ausgangslage unterschiedlich schwierig ist). Nach einem wie Pierre Maudet, bei dem man sich so gern an Emmanuel Macron erinnern möchte. Einem Macher, einem jungen Typen.

Video - Pierre Maudet offiziell nominiert

Die Genfer FDP schickte Pierre Maudet anfangs August ins Rennen. (Video: Tamedia/SDA, 10. August 2017)

Diese Sehnsucht spiegelt sich in der öffentlichen Wahrnehmung von Pierre Maudets Kandidatur wider: Er wird besser behandelt als Cassis und Moret, mit mehr Respekt, mit fast schon bundesrätlicher Ehrfurcht. Und Maudet nutzt seine Bühne. Während der ersten Ausgabe der freisinnigen Roadshow gewann er die Debatte nach Punkten, in Interviews redet er tatsächlich über politische Ideen und nicht über Inneneinrichtungen aus den 80er-Jahren, und – oh, glücklicher Zufall – weil Basel-Stadt seine Sans-Papiers nun legalisieren will, durfte sich Maudet in der Sendung «10 vor 10» diese Woche minutenlang als Macher und Visionär präsentieren, der die Sache mit den Sans-Papiers schon lange geregelt hat. So geht Bundesratswahlkampf.

Am Schluss wählen die Parlamentarier ihresgleichen

Dergestalt ist darum auch der Zwischenstand im öffentlichen Ringen um den Sitz von Didier Burkhalter: Maudet liegt knapp vor Cassis und deutlich vor Moret. Was allerdings nur eine untergeordnete Rolle spielt, da nicht die Bevölkerung, sondern das Parlament den neuen Bundesrat bestimmt. Und dort ist man bekannt dafür, dass man am liebsten Leute wählt, die einem möglichst ähnlich sind. Die vielleicht keine Visionen haben, dafür das gleiche Sofa aus den 80er-Jahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 14:50 Uhr

Artikel zum Thema

Kranken-Cassis und die drei Irrtümer

Analyse Ignazio Cassis und Isabelle Moret wollen in den Bundesrat, werfen aber eine Frage auf: Wie käuflich sind unsere Politiker? Mehr...

Revolution im Bundeshaus

Kolumne Der Bundesrat braucht ein neues Wahlverfahren. Eine Kolumne von Reiner Eichenberger. Mehr...

Das junge Dutzend

Der Genfer FDP-Staatsrat Pierre Maudet ist noch nicht 40-jährig und will in den Bundesrat. Das ist in der Geschichte des Bundesstaats erst 12-mal vorgekommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Punktlandung: Eine russische Raumkapsel mit drei Raumfahrern der Internationalen Raumstation (ISS) an Bord landet in der Steppe von Kasachstan. Nach fünf Monaten ist die Besatzung wieder auf die Erde zurückgekehrt. (14. Dezember 2017)
(Bild: Dmitry Lovetsky) Mehr...