So sehr hinkt die Schweizer Familienpolitik hinterher

Schweizer Arbeitgeber gewähren Vätern kaum Vaterschaftsurlaub. Selbst mit Elternzeit sind Väter nur unter gewissen Bedingungen zum Urlaub zu bewegen. Ein Blick ins Ausland lohnt sich.

Die Schweiz hinkt familienpolitisch hinterher: Ein Vater spielt mit seinem Kind.

Die Schweiz hinkt familienpolitisch hinterher: Ein Vater spielt mit seinem Kind. Bild: Keystone

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Wird ein Arbeitnehmer Vater, darf er häufig nur einen Tag freinehmen. Das ist der Befund einer heute präsentierten Studie von Travailsuisse. Der Gewerkschaftsdachverband untersuchte dieses Jahr 46 Gesamtarbeitsverträge (GAV) mit rund 1,5 Millionen Angestellten in der Privatwirtschaft. Über die Hälfte der Mitarbeitenden arbeitet demnach unter einem GAV, der nur einen Tag gewährt. Durch das Ergebnis sieht sich Travailsuisse im Kampf um einen 20-tägigen bezahlten Vaterschaftsurlaub bekräftigt.

Die Forderung ist im internationalen Vergleich moderat: Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass die Schweiz familienpolitisch hinterherhinkt. Während die Schweiz noch über die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs diskutiert, hat sich in Europa der Elternurlaub, den sich Mütter und Väter aufteilen, längst etabliert. Seit 2005 gibt es hierzulande zwar einen 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub, aber für Väter existiert – im Unterschied zu den meisten OECD-Staaten – keine entsprechende gesetzliche Regelung.

Verpflichtung zum Urlaub

Die EU dagegen verpflichtet ihre Mitglieder, einen Elternurlaub von mindestens vier Monaten pro Elternteil einzuführen. Mindestens einer der vier Monate ist nicht übertragbar. Dadurch sollen die Väter ermutigt werden, vermehrt familiäre Pflichten zu übernehmen. Da es den einzelnen Ländern freisteht, weitergehende Regelungen zu treffen, unterscheidet sich die Situation in den EU-Staaten erheblich. Schweizer Familienpolitikexperten sehen besonders die folgenden Länder als positive Beispiele:

Deutschland: Elterngeld wird im nördlichen Nachbarland während maximal 14 Monaten gezahlt. Vater und Mutter können sich diese Zeit beliebig aufteilen. Einzige Einschränkung: Ein Elternteil muss mindestens zwei und darf höchstens zwölf Monate beziehen. Im Unterschied zur Schweiz, wo die Frauen während ihres Mutterschaftsurlaubs 80 Prozent des Einkommens erhalten, beträgt das Elterngeld nur 67 Prozent des Lohns.

Österreich: Die Eltern können zwischen zwei Systemen wählen. Ein pauschales Kinderbetreuungsgeld erhalten sie während maximal 24 Monaten. Je länger der Bezug dauert, desto geringer ist der monatliche Beitrag. Einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld ist für Besserverdienende gedacht, die sich nur kurz aus dem Berufsleben zurückziehen wollen.

Island: Hier erhalten Eltern während neun Monaten Elterngeld – Mütter und Väter jeweils während drei Monaten. Danach können sie wahlweise noch weitere drei Monate beziehen. Der Einkommensausfall wird zu 80 Prozent kompensiert. Dieses Modell beinhalte starke Anreize, dass sowohl Mutter als auch Vater Elternzeit beziehen, schreibt die eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF) in einem Bericht zum Thema. Für die grünliberale Nationalrätin Kathrin Bertschy ist dies denn auch das vorbildlichste System. Sie fordert in einer Motion die Einführung eines auf beide Elternteile je zur Hälfte verteilten Elternurlaubs anstelle der Mutterschaftsentschädigung. Würde dieser von einem Elternteil nicht bezogen, würde er verfallen. «Wenn auch Väter bei der Geburt ihrer Kinder eine gewisse Zeit bei der Arbeit ausfallen würden, würde dies der Diskriminierung der Frauen entgegenwirken», sagt Bertschy.

Schweden: In dem skandinavischen Staat beträgt die Elternzeit 480 Tage. Je 60 Tage müssen Mütter und Väter beziehen, den Rest können sich die Eltern aufteilen. Die Elternzeit kann auch in Teilzeit bezogen werden. Für die ersten 390 Tage erhalten die Eltern 80 Prozent des Bruttolohns, danach während 90 Tagen rund 60 Euro pro Tag.

Frankreich: Nach dem 16-wöchigen Mutterschaftsurlaub dürfen die Eltern einen einjährigen «Erziehungsurlaub» nehmen. Dieser wird zwar nicht bezahlt, aber dafür beinhaltet er eine Arbeitsplatzgarantie. Er kann zweimal erneuert werden; die maximale Bezugsdauer beträgt somit 36 Monate. Daneben gibt es auch einen 11-tägigen Vaterschaftsurlaub, der in der Höhe des Mutterschaftsgeldes bezahlt wird.

Ein schweizerisches Modell

Matthias Kuert, Leiter Sozialpolitik bei Travailsuisse, hält grundsätzlich jene Modelle für vorbildlich, die einen Teil des Elternurlaubs explizit den Vätern vorbehalten oder zusätzlich einen separaten Vaterschaftsurlaub gewähren. Wichtig sei zudem, dass ein grosser Teil des Lohnes in dieser Zeit bezahlt werde, weil der Urlaub sonst nicht genommen werde, sagt er. Das legen auch mehrere Studien aus der EU nahe: Sie ergaben, dass in erster Linie die Höhe des Elterngeldes die Entscheidung der Väter beeinflusst. Zudem beziehen sie Elternzeit eher, wenn sie diese nicht auf die Partnerin übertragen können.

Trotzdem glaubt Kuert nicht, dass sich eines der Elternzeitmodelle telquel auf die Schweiz übertragen lässt: «Bei uns könnte wohl die Dauer weniger lang sein, dafür die finanzielle Entschädigung höher und die Verteilung auf die Elternteile gleichmässiger, damit den Müttern der Berufswiedereinstieg erleichtert würde.» Doch davon sei die Schweiz noch weit entfernt. Deshalb müsse nun in einem ersten Schritt zumindest der Vaterschaftsurlaub eingeführt werden.

Auch Christa Binswanger, Leiterin des Fachbereichs Gender und Diversity an der Universität St. Gallen, sagt: «Der Vaterschaftsurlaub wäre nur ein erster Schritt. Dringender müssten wir in der Schweiz die Elternzeit einführen.» Island und Schweden sind für die Gleichstellungsexpertin aus drei Gründen vorbildlich: «Dort ist eine gewisse Zeit exklusiv für die Männer reserviert. Zudem erhalten die Väter 80 Prozent ihres bisherigen Gehalts. Und sie können die Elternzeit auch in Teilzeit beziehen.» Das erleichterte den Müttern den Berufswiedereinstieg. Das deutsche Modell sei weniger erfolgreich (nur 22 Prozent der Väter nutzen die Elternzeit), weil die Männer weniger Geld erhalten. «In Island beziehen dagegen 95 Prozent der Väter Elternzeit, in Schweden 80 Prozent», sagt Binswanger. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2015, 16:17 Uhr

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