So soll das Politinteresse der Jugendlichen geweckt werden

Politiker und Experten sind sich einig: Die politische Bildung an Schulen wird vernachlässigt. Nun geben Private Gegensteuer.

Hängt in der Schweiz vom Engagement des einzelnen Lehrers ab – und nicht vom Lehrplan: Die politische Bildung in der Schule. (Foto: Nicola Pitaro)

Hängt in der Schweiz vom Engagement des einzelnen Lehrers ab – und nicht vom Lehrplan: Die politische Bildung in der Schule. (Foto: Nicola Pitaro)

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«Weniger Worte, mehr Taten», forderte Pierre Maudet, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen, schon vor fast zehn Jahren. Damals rief der Europarat das «Jahr der politischen Bildung» aus. Wenn das Interesse der Jugendlichen an der Politik gesteigert werden solle, brauche es konkrete Massnahmen, sagte Maudet im Jahr 2005. Fünf Jahre später bestätigten Wissenschaftler diesen Befund. In einem Vergleichstest unter 37 Ländern zum politischen Wissen und Verstehen schnitten die Schweizer Jugendlichen zwar überdurchschnittlich gut ab und belegten hinter Ländern wie Finnland und Dänemark Rang 5. Trotzdem verfügte jeder vierte Schweizer Schüler über ungenügende Kenntnisse.

Beim Zutrauen in die eigenen politischen Fähigkeiten landeten ausgerechnet die Jugendlichen aus der Schweiz – dem Land der direkten Demokratie – auf den hintersten Plätzen. Die Schweizer Schüler hätten es sich zum Beispiel eher nicht zugetraut, vor der Klasse über ein soziales oder politisches Thema offen zu sprechen, schrieben die Forscher. Und sie folgerten: «Wenn politischer Unterricht dem Zufall überlassen wird, so ist das ein unverantwortliches Erziehungshandeln.» Die Schule müsse dringend Raum schaffen für die politische Bildung.

Heute, noch einmal vier Jahre später, wird im Gespräch mit Wissenschaftlern, Lehrern und Politikern klar: An dieser Situation hat sich wenig geändert. «Die politische Bildung in der Schule hängt nach wie vor vom Engagement des einzelnen Lehrers ab», sagt Christian Fall­egger, Gymnasiallehrer aus Luzern. Das sei fatal. «Demokratie kann man nur leben, wenn man sie gelernt hat.»

Initiative für Bildungszentrum

Fallegger war zwischen 2004 und 2007 an einer Arbeitsgruppe des Bundes beteiligt. Deren Bemühungen, die politische Bildung der Kantone zu koordinieren, seien versandet. «Jetzt bräuchte es den politischen Willen von Bund und Kantonen und eine gesetzliche Grundlage», sagt er. «Graswurzel-Projekte» wie zum Beispiel die Onlineabstimmungshilfe Easyvote von Jugendlichen für Jugendliche seien vielversprechend, müssten aber besser bekannt gemacht und koordiniert werden. Dazu brauche es eine zentrale, verantwortliche Stelle.

Genau dies schwebt dem Berner SP-Ständerat Hans Stöckli vor. Als Präsident der Neuen Helvetischen Gesellschaft (NHG) treibt er eine politische Bildungsoffensive voran. Zum 100-Jahr-Jubiläum hat die Organisation kürzlich einen 100-Punkte-Plan verabschiedet. Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit dem Bund, den Kantonen, Parteien und privaten Organisationen ein nationales Kompetenzzentrum für die politische Bildung zu etablieren. Zurzeit sei man daran, Verbündete zu suchen, sagt Stöckli. Im Juni lädt die NHG Vertreter aller Bundeshausfraktionen zu einem Treffen ein.

Als konkrete Massnahme lanciert die NHG das Projekt Abstimmungsbeobachter: Sie lädt Jugendliche ein, am Abstimmungstag als «Wahlbeobachter» hinter die Kulissen von Bund, Kantonen und Gemeinden zu schauen.

Zu wenig Platz im Lehrplan 21

Auch der Lehrplan 21, der zum ersten Mal für alle Deutschschweizer Schüler die gleichen Lernziele festlegt, thematisiert die politische Bildung. Fachleute reagieren allerdings ernüchtert auf den Entwurf. Der Hauptkritikpunkt betrifft die «mangelnde Priorität»: Die politische Bildung habe keinen fixen Platz. Sie werde je nach Stufe verschiedenen Fächern und übergeordneten Themen zugeordnet. «Eine Thematik ohne Stundenzuteilung ist dazu verurteilt, vernachlässigt zu werden», sagt Béatrice Ziegler, Titularprofessorin der Universität Zürich, Professorin für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz sowie Co-Leiterin des Zentrums für Demokratie Aarau. Sie war als Mitglied der Lehrplangruppe Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) an der Entstehung des Lehrplans 21 beteiligt.

Ziegler kritisiert den Lehrplan 21 für die älteren Schüler: Ab der 7. Klasse vermittle dieser zwar Werte wie Menschenrechte und Demokratie. Die Schüler lernten aber nicht, als Bürger am politischen System der Schweiz teilzunehmen – abzustimmen, zu wählen oder sich politisch zu engagieren. Dafür brauche es einen Grundstock an Wissen über das politische System Schweiz und praxisnahen Unterricht, in dem man etwa die Entstehung eines Gesetzes durchspielen könne.

Ziegler schlägt vor, in der 8. und 9. Klasse je eine Projektwoche für politische Bildung zu reservieren. Die Professorin rechnet nicht damit, dass die verantwortlichen Deutschschweizer Erziehungsdirektoren (D-EDK) bei der Überarbeitung des Lehrplans 21 der politischen Bildung mehr Platz einräumen werden. Dafür gebe es zu wenig öffentlichen Druck. Heute stellt die D-EDK in Zürich den Fahrplan zur Über­arbeitung vor.

Im Zuge des neuen Lehrplans entsteht bis Ende 2016 auch ein neues Lehrmittel für Geschichte und politische Bildung. Dieses wird unter anderem die im Lehrplan vorgesehenen Themen Demokratie, Menschenrechte und das Verhältnis der Schweiz zu Europa abdecken, wie Historiker und Projektleiter Jan Hodel von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz sagt. «Häufig erfahren Jugendliche Politik als etwas, das über ihre Köpfe hinweg passiert», sagt er. Die Schule habe die Aufgabe, den Übergang vom unbeteiligten Zuschauer zum Teilnehmer zu begleiten. «Das ist schwieriger, als es tönt.»

Erstellt: 10.04.2014, 23:30 Uhr

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