Soll man Schlachtjubiläen feiern?

Konservative wollen in diesem Jahr an die Kämpfe von Morgarten und Marignano erinnern – für viele Historiker ein Ausdruck rückständigen Denkens.

Gedenkumzug für die Schlacht von Morgarten im November 2014. Foto: Keystone

Gedenkumzug für die Schlacht von Morgarten im November 2014. Foto: Keystone

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Ja

«Sie stürzen mit freier Brust / Im Herzen Mut und Siegeslust / Zum Kampfplatz, wo man in Schlachtwut / Dumpf brüllend sich wälzt im Herzblut.»

So würde wohl Quentin Tarantino dichten, wäre er Poet geworden. Natürlich sind die satirisch überzeichneten Gewaltorgien der Tarantino-Filme von anderem Geist als das 180-jährige Sempacherlied. Die mit viel Pathos und literweise Österreicherblut angerührte Dichtung steht zeittypisch für ein Phänomen, das uns heute wieder umtreibt. Rechte und Linke streiten darüber, ob es die Jubiläumsschlachten von Morgarten (1315) und Marignano (1515) zu feiern gilt. Ist es rückständig, einer Schlacht zu gedenken, soll man sich überhaupt eingehender mit ihr beschäftigen? Ja, man soll – so muss antworten, wer Geschichte ernst nimmt. Vielleicht fokussierte der Schulunterricht früher etwas einseitig auf den Schlachten­kalender. Doch der akademisch-päda­gogische Zeitgeist hat zu sehr in die andere Richtung gedreht. Man spricht gerne über Strukturen, über Diskurse. Über Schlachten naserümpfend zu schweigen, ist nur schon darum falsch, weil man damit zwangsläufig auf Breitenwirkung verzichtet.

Die Schlacht als Einstiegsdroge

Schlachten sind faszinierende Momentaufnahmen der Geschichte. Animalisches schwingt dabei mit. Die kitzelnde Ästhetik aufeinanderprallender Heere hat nicht erst Hollywood entdeckt. Im alten Rom schon liess Kaiser Augustus die Arena fluten, um seinen Sieg in der Seeschlacht von Actium nachzustellen. In Tolstois «Krieg und Frieden» schildert ein junger Stabsoffizier sein lustvolles Empfinden in der Nähe der Generalität, deren Wort Armeen in Bewegung versetzt. Die Computerspielindustrie hat aus diesem Gefühl ein Milliardengeschäft programmiert.

Doch die Schlacht rührt nicht nur an Triebe. Sie ist interessant, weil hier für ein winziges Stück Zeit die Schicksalsfäden Tausender zusammenfinden und danach verändert auseinanderlaufen. Es gibt kein anderes Ereignis, das so sehr zum historischen Konjunktiv einlädt. Gäbe es die französische Sprache, wenn Cäsars Römer bei Alesia verloren hätten? Gallien/Frankreich wäre vielleicht nie Teil der lateinischen Welt geworden. Was wäre, wenn Napoleon die Völkerschlacht bei Leipzig gewonnen hätte? Man darf spekulieren, wie sich heute ein Leben in der Helvetischen Republik anfühlen würde mit Peter Ochs als Nationalheld. Und die schaurigen Fiktiv­szenarien, die einen Sieg Hitlers in den Weltkriegsschlachten voraussetzen, sind beliebte belletristische Kulisse.

Nach 70 Jahren Frieden in Westeuropa hat die Schlacht zudem ihr Gesicht verändert. Wir lesen aus ihr nicht länger hurrapatriotischen Opfermut heraus, sie ist fast museal-harmlos geworden. Umso optimistischer dürfen sich die Historiker darauf einlassen. Das Interesse an Marignano sollte die Zunft begeistern. Sie kann die Debatte klug bereichern. Und sie sollte das Faszinosum Schlacht als Einstiegsdroge für das Historiker­geschäft nutzen. Plötzlich denkt ein Schlachtenfan dann auch über Strukturen und Diskurse nach.

Nein

Sein Name war Hans Fischer, sein Programm der Krieg. «Wisst ihr, was der Hofnarr zu Herzog Leopold gesagt hat?», fragte er uns in verschwörerischem Ton. Dann stellte er sich vor die Wandtafel und begann, in seiner lautesten Stimme zu deklamieren (und die Stimme war laut: Man erkannte Anrufe unseres Lehrers immer daran, dass die Mutter den Telefonhörer in einer Armlänge Abstand zu ihrem Ohr hielt): «Ihr geratet wohl, wie ihr wollt in das Land Schwyz hinein kommen, jedoch geratet keiner, wie ihr wieder wollt heraus kommen!» Und so war es auch. Die dummen Habsburger lassen sich von den tapferen Eidgenossen ins Tal locken und finden keinen Ausweg mehr. Johlend stürzen die Bauern den Hang hinab, werfen Geröll und Baumstämme, stossen mit Mistgabeln in ritterliche Bäuche. Die Herren verrecken elendiglich, die Habsburger sind vernichtend geschlagen. «Morgarten 1315. Das müsst ihr kennen!» Wir waren acht Jahre alt und eben in die dritte Primarschule gekommen. Es folgten drei Jahre Schlacht. Wir stellten den Heldenmut von Winkelried bei Sempach hinter dem Schulhaus mit Bohnenstangen nach, reisten an jeden Kriegsort der Schweiz (und natürlich auf das Rütli); wir verdrückten eine Träne, als Herr Fischer die traurige Geschichte von Marignano erzählte, und empfanden glühenden Stolz auf unsere Grossväter – hier kommt ein zeitlicher Sprung – und ihren Kampf gegen Adolf Hitler.

Politische Gottesdienste

Später, im Studium (Geschichte natürlich), habe ich die Begeisterung von Hans Fischer vermisst. Der Primarlehrer lieferte uns Unterhaltung, und er tat das so gut, dass einem die politische Färbung nicht auffiel (wir waren ja auch erst acht). Das ist das Problem mit den Schlachtenfeiern von heute: Jene Kreise, die aus den Schlachten von Morgarten und Marignano Handlungsanweisungen für die moderne Schweiz ableiten, wollen nicht unterhalten – sie wollen manipulieren. Sie missbrauchen die Geschichte aller für das politische Programm von wenigen.

Das heisst nicht, dass man im Unterricht die Schweizer Geschichte vernachlässigen soll. Historiker Tobias Straumann hatte recht, als er in einem Interview mit der BaZ das fehlende Wissen von Geschichtsstudenten beklagte. Geschichte darf nicht aus politischer Korrektheit die eigenen Mythen verschweigen. Aber sie soll auch nicht das Gegenteil tun: Solange Schlachtenfeiern politische Gottesdienste von selbst ernannten «echten Schweizern» sind, kann man getrost auf sie verzichten.

Zum Ende der Primarschule schenkte mir Lehrer Fischer übrigens einen prächtigen Bildband aus dem Jahr 1905. «Die Kriegstaten der Schweizer, dem Volk erzählt» hiess das Buch und war eine 600-seitige Zusammenfassung von drei Jahren blutrünstigem Geschichtsunterricht. Heute dient der Wälzer als Gewicht im Laufwägelchen des Sohnes oder als Lesebuchattrappe für den Sami­chlaus. Nie würde ich es übers Herz bringen, den Band zu entsorgen. Beim darin vermittelten Geschichtsbild habe ich weniger Mühe.

Erstellt: 18.01.2015, 23:31 Uhr

Umfrage

Morgarten und Marignano: Soll man Schlachtjubiläen feiern?

Ja.

 
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Nein.

 
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1982 Stimmen


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