Soll man den Walliser Wolf abschiessen?

Bei Crans-Montana hat ein Wolf Rinder gerissen. Argumente für und gegen den Abschuss

Dem Wolf, der die zwei Rinder gerissen hat, droht nun dasselbe Schicksal: Auch er könnte wie dieser Wolf geschossen und ausgestopft werden.

Dem Wolf, der die zwei Rinder gerissen hat, droht nun dasselbe Schicksal: Auch er könnte wie dieser Wolf geschossen und ausgestopft werden. Bild: Keystone

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Karl Lüönd*: Pro-Abschuss

Es ist immer dasselbe: Wenn der Bär los ist oder der Wolf Nutztiere reisst, wird über kurz oder lang ein Abschuss verfügt – eben so geschehen im Wallis (siehe TA vom Mittwoch). Denn die Kantonsregierungen stehen unter dem Druck der betroffenen Bürger. Sogleich heulen WWF, Pro Natura & Co. im Chor auf. Sie stehen unter dem Druck ihrer Spendesammel-Maschinerien, und die brauchen ihre Wappentiere lebendig.

Im Grunde spielt sich beim Walliser Wolfsproblem dasselbe ab wie in Afrika, wo die Schutzorganisationen im Bund mit den lokalen Machteliten den dummen Eingeborenen vorschreiben, wie sie mit Natur und Tierwelt umzugehen haben. Unsere grünen Neokolonialisten kommen aus dem Unterland, mit Vorliebe im Sommerhalbjahr, wenn es in den Bergen schön ist. Die Eingeborenen hingegen leben aber das ganze Jahr dort oben, auch wenn es unwirtlich und gefährlich ist.

Nähe prägt Mentalität

Diese Einheimischen erleben von nahe die bedrohlichen Seiten der Natur und den unerbittlichen Lebenskampf in der Tierwelt. Auf den Wegen, die Wolf und Bär kreuzen, gehen ihre Kinder zur Schule. Solche Nähe prägt die Mentalitäten. Näheres wäre nachzulesen bei Heinrich Danioth, Eduard Renner oder C. F. Ramuz.

Die Bergler in den Bergen beherrschen vielleicht das wissenschaftliche Rotwelsch weniger gut. Hingegen verstehen sie viel von der Natur und haben schon Nachhaltigkeit praktiziert und die Biodiversität hochgehalten, als wir im Unterland diese Begriffe noch nicht einmal buchstabieren konnten.

Realisten, keine schiesswütigen Bergler

Wenn sie jetzt mithilfe der lokalen Wildhüter ihre Herden schützen, sind die Bergler keine schiesswütigen Abknaller, sondern Realisten. Sie erleben täglich und zu allen Jahreszeiten die schamlose Übernutzung des Alpenraums, die das eigentliche Problem ist: Land- und Forstwirtschaft einschliesslich Massenschafhaltung, Tourismus inkl. Strassen, Bergbahnen, Skilifts, dazu circa 50 Sommer- und Wintersportarten, von denen einige direkt tödlich sind für das Wild (zum Beispiel Variantenskifahren oder Hängegleiten).

Aber dagegen protestieren unsere Natur- und Tierschützer komischerweise nie so lautstark wie gegen einen Wolfsabschuss. Eigentlich ist das ganze Geschrei um die Grossraubtiere ein Ablenkungsmanöver! Sind Wölfe wertvoller als Schafe?

Die Schützer aus dem Unterland sollten den Berglern in den Bergen ausserdem einmal erklären, warum – frei nach dem Schriftsteller George Orwell – manche Tiere gleicher sind als andere: warum zum Beispiel Wölfe um jeden Preis geschützt werden sollen, während Rinder und Schafe gerissen werden dürfen. * Karl Lüönd, Publizist und Buchautor, bezeichnet sich als «Eingeborenen» aus den Urner Bergen. Er leitet die Redaktion der Jagdzeitschrift «Jagd & Natur».

Felix Maise: Contra-Abschuss

Und wieder wird ein geschütztes, in die Schweiz eingewandertes Raubtier zum Abschuss freigegeben: Zwei Jahre nach dem Bären JJ3 soll es jetzt einem Wolf an den Kragen gehen. Das haben die Walliser Behörden beschlossen.

Und im Bundesamt für Umwelt (Bafu) unterstützt der oberste Schweizer Artenschützer, der gleichzeitig der oberste Schweizer Jäger und zufällig auch noch ein Walliser ist, umgehend den Entscheid des Kantons – noch bevor man genau weiss, wer die Schafe und Rinder in der Region von Montana gerissen hat. War es ein Wolf? Waren es zwei, die gemeinsam jagten? Egal, jetzt soll einer abgeschossen werden, damit der zweite allenfalls von alleine das Weite sucht, so der Plan.

Abschuss nützt kaum etwas

Der Abschuss nützt aber wenig, so er denn überhaupt gelingt. Er vertreibt den Wolf vielleicht kurzfristig aus der Gegend und beruhigt die Gemüter im für Natur- und Artenschutz wenig sensiblen Kanton der Jäger und Schafbauern. Weitere Wölfe werden aber einwandern und bis in ein paar Jahren die für sie geeigneten Gebiete der Schweiz zurückerobern. Und dann wohl auch in Rudeln jagen.

Doch während man sich andernorts auf die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär einstellt und mit Herdenschutz-Massnahmen reagiert, sieht man im Wallis das Heil immer noch im Abschuss der unerwünschten Immigranten. Natürlich sagt das niemand offen. Doch im Gegensatz zur klaren Mehrheit der Bevölkerung in der übrigen, eher urbanen Schweiz hat man im Bergkanton Wallis am Comeback der Raubtiere keine Freude. Der Wolf wird als Störenfried betrachtet, der Bauern und Jägern einen Teil ihrer Beute streitig macht.

Raubtiere halten sich nicht an Konzepte

Um den Konflikt zwischen Artenschutz und Naturnutzung zu entschärfen, haben die beamteten Naturschützer im Bafu in ihren Wolfs-, Luchs- und Bärenkonzepten den Raubtieren Verhaltensregeln vorgeschrieben. Brave Raubtiere dürfen bleiben. Abgeschossen wird, wer als Problembär oder -wolf über die Stränge schlägt. Doch Raubtiere halten sich nicht an Konzepte. Das ist ihre Natur. Mehr Engagement für ihren Schutz und weniger Management bekäme ihnen besser. Bauern und Jäger finden im Bafu aber mehr Gehör als Raubtierfreunde.

Dabei werden Schaf- und Rinderhalter für Raubtierschäden mit Steuergeldern grosszügig entschädigt – Steuergeldern auch von all jenen, die sich über die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär freuen. Für den Einsatz von Herdenschutzhunden gibt es ebenfalls finanzielle und logistische Unterstützung. Das Zusammenleben von Nutz- und Raubtieren wird also nach Kräften gefördert. Über kurz oder lang wird man sich deshalb auch im Wallis mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Einzelne Wölfe kann man abschiessen, doch andere werden folgen. Der Abschussentscheid ist deshalb unsinnig und setzt ein falsches Zeichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2010, 22:58 Uhr

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