Kommentar

Sorry, aber ist das alles?

Die Nagra tritt seit 40 Jahren an Ort – und leistete sich auch am Mittwoch in Bern einen unbefriedigenden Auftritt zusammen mit dem Bundesamt für Energie. Was nun getan werden muss – ein Kommentar.

Überzeugten nicht: Pankraz Freitag, Nagra-Verwaltungsratspräsident (Mitte), und Walter Steinmann, Direktor Bundesamt für Energie (rechts), sowie Marianne Zünd, BFE-Pressesprecherin.

Überzeugten nicht: Pankraz Freitag, Nagra-Verwaltungsratspräsident (Mitte), und Walter Steinmann, Direktor Bundesamt für Energie (rechts), sowie Marianne Zünd, BFE-Pressesprecherin. Bild: Keystone

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Wenige Tage nach der Enthüllung der «SonntagsZeitung», welche die Standortsuche der Nagra für ein Atommülllager in ein schiefes Licht rückt, haben der Direktor des Bundesamtes für Energie, Walter Steinmann, und Nagra-Präsident und Ständerat Pankraz Freitag (FDP, GL) vor den Medien hoch und heilig versichert: Die Nagra prüfe selbstverständlich alle sechs potenziellen Standorte ergebnisoffen. Steinmann sagte, man werde diesen Prozess künftig genauer verfolgen. Nagra-Präsident Freitag sagte sorry. Und: Das Unternehmen werde alles versuchen, um das Vertrauen wieder herzustellen.

Der BFE-Direktor hat gut daran getan, dass er sofort reagierte, die Nagra-Verantwortlichen zu sich zitierte und dann umgehend die Öffentlichkeit über das Gespräch informierte. Aber was heute dabei herausgekommen ist, war nicht gerade überzeugend. Das BFE will die Suche nach einem Standort enger begleiten. Sorry, Herr Steinmann. Hätte das BFE dies nicht schon von Amtes wegen längst tun müssen? Die Nagra will Vertrauen bilden. Sorry, Herr Freitag, wie soll das geschehen, nachdem dieses Unternehmen alle gegen sich aufgebracht hat? Bedeuten diese Erklärungen nicht auch ein Stück weit, dass alles weitergeht wie bisher? Sorry, aber diese Aussagen werden kaum ausreichen, die Glaubwürdigkeit der Nagra wieder herzustellen.

Diese Glaubwürdigkeit ist nicht erst mit dem Artikel der «SonntagsZeitung» angeknackst. Die linke Atomexpertin Susanne Boos hat in einem Artikel der «Wochenzeitung» treffend geschrieben: Die Nagra habe eine schwierige Mission zu erfüllen. Man bekäme fast Mitleid, wenn sie nicht stets dieselben Fehler wiederholen würde. Genau so ist es. Schon in den 1990er-Jahren brüskierte sie alle, als durchsickerte, die Ingenieure hätten den Wellenberg als Lagerstandort für schwach- und mittelradioaktive Atomabfälle vorgemerkt – obwohl das Verfahren erst anlief. 2003 tauchte eine vertrauliche Nagra-Liste mit 120 Gemeinden auf, die man als Lagerstandorte in Erwägung zog.

Alle diese Geschichten zeigen eigentlich eines deutlich: Die Suche nach einer Lagerstätte für hochgiftige Abfälle ist alles andere als ein Spaziergang. Die Nagra tritt hier seit 40 Jahren an Ort. Die Mehrheit der Stimmbürger hat vor der Atomkatastrophe in Fukushima wiederholt den Ausstieg aus der Atomkraft abgelehnt. Den daraus resultierenden Atommüll will aber niemand vor seiner Haustüre. Es ist wie mit dem Fluglärm. Alle wollen in der Welt herumfliegen, aber niemand will den Fluglärm. Bei derart heiklen Geschichten sind politische Sensibilität und Einfühlungsvermögen gefragt und keine geologischen Planspiele. Insbesondere wenn man wie die Nagra wegen ihrer Nähe zur Atomwirtschaft unter Generalverdacht steht.

Es braucht einen Neuanfang. Aber ein solcher ist mit der beschädigten Nagra nicht zu bewerkstelligen. Hier braucht es jetzt ein unabhängiges Gremium, das in den betroffenen Regionen mit den Leuten diskutiert und sie von einer Lagerstätte überzeugt. Das braucht vielleicht mehr Zeit, als dies das Departement von Doris Leuthard dafür vorgesehen hat. Leuthard hat im Fluglärmstreit mit Deutschland gezeigt, dass sie aus scheinbar ausweglosen Situationen herausfindet. Spätestens nach dem Vorgehen der Nagra bei den Oberflächenanlagen und den darauf folgenden Abgängen der zwei Experten Walter Wildi und Marco Buser hätte sie selber eingreifen müssen – und das Feld nicht den Technokraten von BFE und Nagra überlassen dürfen. Dafür wäre immer noch Zeit.

Erstellt: 10.10.2012, 12:56 Uhr

«Es braucht einen Neuanfang»: Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Chefreporter Politik Hubert Mooser.

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