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Sotschi 2014: Heuchler oder Putin-Statisten?

Ueli Maurer und Didier Burkhalter besuchen die Winterspiele, François Hollande und Joachim Gauck winken ab. Was ist richtig?

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Frankreich, Deutschland und die USA verzichten darauf, einen Staatschef an die Olympischen Spiele in Sotschi zu entsenden – anders als die Schweiz. Der designierte Bundespräsident Didier Burkhalter (FDP) und Sportminister Ueli Maurer (SVP) werden nach Russland reisen und die Schweizer Delegation unterstützen. Ob das eine gute Idee ist, ist umstritten. Nachrichtenchef Matthias Chapman und Inlandredaktor Felix Schindler legen ihre Standpunkte dar.

Ein Sotschi-Boykott ist heuchlerisch Matthias Chapman, Nachrichtenchef
Ueli Maurer geht hin und Didier Burkhalter auch, an die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi. Sind sie nun Verräter, weil sie damit einem Willkürstaat ihre Stimme geben? Weil sie sich dem Boykott von François Hollande, Joachim Gauck oder dem Weissen Haus widersetzen? Mitnichten! Gut, gehen die beiden Schweizer Bundesräte, denn der Olympiaboykott ist reine Heuchelei.

Sie alle fiebern mit und brechen in überschwänglichen Jubel aus, wenn sie grosse Sportveranstaltungen zugesprochen erhalten. Jeder will sie, DIE SPIELE. Nun aber nicht hingehen, wenn der Nachbar für die Welt das Hockey-Eis putzt? Das geht gar nicht. Und was ist mit dem russischen Gas, das nach Europa fliesst? Geschäfte im Verborgenen teilen, aber den Sitz auf der Tribüne leer lassen, wenn die Welt hinguckt, das wirkt irgendwie nach gespaltener Zunge.

Klar muss die Welt Russland auf seine Probleme ansprechen: die Verfolgung Homosexueller, die Unterdrückung der Opposition, die willkürliche Justiz. Aber muss das wirklich am Vorabend der olympischen Ski-Abfahrt sein? Nein, muss es nicht. Dafür gibt es genug politische Gremien. Die Sportarena eignet sich nicht für einen politischen Schaukampf.

Gut, gehen Maurer und Burkhalter nach Russland. Andernfalls müssten wir uns auch nicht um grosse Sportveranstaltungen bewerben. Oder wie wäre das gewesen, wenn vor der Euro 2008 der Reihe nach grosse Staatsoberhäupter der Schweiz eine Ohrfeige erteilt hätten? Grund genug war ja da, galt die Schweiz doch damals noch als Versteck und Tresor für Milliarden Dollar von Diktatoren und Steuerhinterziehern. Wir standen und stehen auf schwarzen Listen, genauso wie es die Russen heute tun. So gesehen dürften wir uns nicht einmal wundern, wenn im nächsten Sommer an der Leichtathletik-EM im Letzigrund ein paar Stühle frei bleiben würden.

Statisten in Putins Werbespot Felix Schindler, Inlandredaktor
Unsere Bundesräte Didier Burkhalter und Ueli Maurer reisen nach Sotschi. Keine Frage: Die Schweizer Sportler haben ihre Unterstützung verdient. Doch wo Menschenrechte mit Füssen getreten werden und die Korruption regiert, steht dieses Argument unter einem dunklen Schatten.

Wer in Russland Missstände anprangert, wie es etwa die Musikerinnen von Pussy Riot taten, wird nach willkürlichen Prozessen für mehrere Jahre eingesperrt. Russland beschneidet die Rechte seiner Bürger auf freie Meinungsäusserung – und fördert mit neuen Gesetzen sogar die Hatz auf Homosexuelle. Russland ist ein Land, in dem Morde an kritischen Journalisten nie aufgeklärt werden.

Das ist der Boden, auf dem Wladimir Putin nun eine Bühne für eine gigantische Show errichtet. Der Sportanlass wird nach jüngsten Schätzungen so viel kosten wie alle bisherigen Olympischen Spiele zusammen. Für 50 Milliarden Franken versucht Putin, den vermutlich teuersten Werbespot der Geschichte zu drehen und uns die Missstände endgültig vergessen zu lassen. Burkhalter und Maurer wirken für ein bisschen Champagner und Kaviar in diesem Theater als Statisten mit. Dieser Auftritt kann mit der Billigung der Missstände in Russland gleichgesetzt werden.

Ein Schweizer Verzicht auf eine Reise nach Sotschi hätte signalisiert, dass sich die Schweiz nicht für Putins gigantische Werbekampagne hergeben will. Ob die Schweiz davon profitiert, dass es Burkhalter und Maurer trotzdem tun, ist mehr als fraglich. Obama, Hollande, Gauck: Sie alle meiden Sotschi ohne Angabe von Gründen. Es gibt keine diplomatische Pflicht für die Anwesenheit an Sportveranstaltungen. In diesem Licht hätte Putin die Abwesenheit der Schweiz vermutlich leicht verstimmt – mehr nicht. Doch umgekehrt nimmt die Schweiz in Kauf, verheerende Signale ins In- und Ausland auszusenden.

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Erstellt: 19.12.2013, 11:31 Uhr

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