Spätstarter lernen Fremdsprachen schneller

Eine neue Studie spielt den Gegnern des Frühfranzösisch in die Hände. Die Forscher interpretieren den Bericht entsprechend vorsichtig.

Schnellere Auffassung: Ältere Schüler beherrschen eine neue Sprache rascher als Jüngere.

Schnellere Auffassung: Ältere Schüler beherrschen eine neue Sprache rascher als Jüngere. Bild: Keystone

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Die Forscher des «Wissenschaftlichen Kompetenzzentrums für Mehrsprachigkeit» (KFM) in Freiburg hätten sich keinen heikleren Zeitpunkt für ihren Bericht aussuchen können: Mitten im hochpolitischen Streit um den Fremdsprachenunterricht in der Primarschule haben sie gestern die bisher umfassendste Analyse zum Thema veröffentlicht.

Die Studie «Alter und schulisches Fremdsprachenlernen» schafft einen Überblick über die verfügbaren Studien aus Europa und Übersee. Der Befund lautet: Im Fremdsprachenunterricht haben ältere Schüler einen entscheidenden Vorteil gegenüber jüngeren. Sie lernen schneller. Ob die Frühstarter ein paar Jahre später aufholen oder sogar ein höheres Niveau erreichen – etwa dank eines besseren Sprachgefühls oder einer höheren Motivation –, ist nicht klar.

Damit verliert ein wichtiges und viel zitiertes Argument der Befürworter von zwei Fremdsprachen in der Primarschule weiter an Schlagkraft. Auch die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) schreibt in ihrer Broschüre zum Fremdsprachenunterricht von 2013: «Kinder im Primarschulalter durchlaufen noch Entwicklungs- und Lernphasen, die für das Sprachenlernen wichtig sind. Sie können damit von Lernprozessen profitieren, die später nicht mehr in der gleichen Art möglich sind. So sind sie beispielsweise offener für den Aufbau und den Erwerb von Lernstrategien.»

Sprachbad als Lösung

Noch vor wenigen Jahren war diese Sicht im Zusammenhang mit dem Sprachunterricht verbreitet. Sie stützt sich vor allem auf Studien über das Erlernen von Fremdsprachen im Alltag – etwa bei Migrantenkindern. «Man dachte lange, es sei das Gleiche, ob ein Kind in seinem natürlichen Umfeld eine neue Sprache lernt oder in der Schule», sagt Amelia Lambelet, Mitautorin des Berichts. Das sei ein Irrtum. In der Schule werde ein Kind nur zwei, drei Stunden pro Woche mit der Fremdsprache konfrontiert. Ein Migrantenkind hingegen höre die neue Sprache jeden Tag und sei darauf angewiesen, diese zu verstehen. Das «Sprachbad» sei immer die optimale Art, eine Fremdsprache zu lernen, sagt Lambelet. Übertragen auf den schulischen Alltag kann dies so interpretiert werden: Die zurzeit zur Debatte stehenden Schüler- und Lehreraustauschprojekte sind ein sinnvolles Mittel. Auch Hausaufgaben, die die Schüler zum Lesen, Musik hören oder Filme schauen in der Fremdsprache animieren, bringen etwas. Das gilt übrigens für jede Altersgruppe.

Angst vor Instrumentalisierung

Lambelet und ihre Forscherkollegen möchten allerdings keinerlei praktische Empfehlungen aus ihrem Bericht ableiten. Dafür gebe es schlicht zu wenige wissenschaftliche Befunde. Es liege ihr fern, den Erziehungsdirektoren Handlungsanweisungen zu geben, sagt sie. Die EDK habe den Bericht zugeschickt erhalten. Ob und welche Konsequenzen daraus in politischer Hinsicht gezogen werden, entziehe sich ihrer Kontrolle. Die Autoren des Berichts sind bemüht zu verhindern, instrumentalisiert zu werden.

Gründe für frühen Unterricht

In einem Begleitschreiben versuchen sie, ihrem wissenschaftlichen Befund die politische Brisanz zu nehmen: «Es gibt unterschiedlichste Gründe und Faktoren, die für die frühere Einführung des Fremdsprachenunterrichts sprechen», heisst es dort. Aus politisch-symbolischer Sicht könne der frühere Beginn des Unterrichts einer zweiten Landessprache angezeigt sein. Und es könne bildungspolitisch erwünscht sein, die Kinder möglichst früh für sprachliche Diversität zu sensibilisieren.

Die Lage der Forscher ist delikat: Der Bericht ist im Rahmen eines vom Bund unterstützten Forschungsprogrammes entstanden. Über dieses Mandat wacht eine Steuerungsgruppe, der neben Vertretern des Bundes und von Forschungsinstituten auch solche der EDK angehören. Die Veröffentlichung zu verschieben, sei trotzdem nicht infrage gekommen, sagt Lambelet. «Das Projekt ist Teil der Vereinbarung des Kompetenzzentrums mit den Auftraggebern, diese Information ist öffentlich. Wenn man jetzt nicht kommuniziere, so könnte auch dies wiederum vonseiten der Politik interpretiert und instrumentalisiert werden.» Es gebe wohl keinen guten Zeitpunkt für so einen Bericht.

EDK will selber analysieren

Der Bericht des KFM zeige vor allem auf, «dass es heute viele Forschungslücken gibt», schreibt die EDK in einer Stellungnahme. Studien aus dem Ausland könne man nicht einfach auf die Verhältnisse in der Schweiz übertragen. Und es gebe viele Unbekannten – etwa die Art und Qualität des Unterrichts. Wichtig sei für die Schweiz nun, in den kommenden Jahren die vorgenommenen Veränderungen beim Sprachenunterricht gut zu evaluieren. Daraus müssten dann Erkenntnisse für die Unterrichtsgestaltung gezogen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2014, 21:59 Uhr

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