Absurdes beim Spenden

Versuchen Sie einmal 50 Franken mit dem Vermerk «Kinder in Syrien» via Bank einzuzahlen. Alice Meier hat genau das getan – und Komisches erfahren.

Helfer des Roten Halbmonds transportieren im syrischen Hama einen verletzten Mann. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

Helfer des Roten Halbmonds transportieren im syrischen Hama einen verletzten Mann. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Grauen von Aleppo lässt viele Menschen nicht kalt. So auch die Rentnerin Alice Meier (Name geändert) aus St. Gallen. Sie entschied sich für eine Spende an die in Zürich ansässige Stiftung Jesuiten weltweit. Die Stiftung unterstützt unter anderem ihre in Syrien karitativ tätige Partnerorganisation. Meier beauftragte ihre Bank, 50 Franken zu überweisen und versah den Auftrag mit dem Vermerk «Kinder in Syrien».

Die Frau staunte nicht schlecht, als sie nach einiger Zeit einen Brief der Credit Suisse (CS) erhielt. Die Bank teilte ihr mit, dass sie die Spende nicht überweisen werde. «Als global tätige Bank ist die Credit Suisse verpflichtet, sich an eine Vielzahl von lokalen Gesetzgebungen zu halten», heisst es im Brief. Die CS berücksichtige dabei Sanktionsmassnahmen der Schweiz, der EU, der USA und der UNO. Deshalb führe sie keine Zahlung aus, die einen Bezug zu einem sanktionierten Land habe. Als Beispiele nennt die CS den Iran, den Sudan, Syrien, Nordkorea, Kuba und die Krim.

Umfrage

Wieviel spenden Sie Ende Jahr?







Da man bei der Zahlung von Alice Meier «nicht zweifelsfrei feststellen konnte», dass sie keinen solchen Bezug habe, werde der Auftrag nicht ausgeführt. Die Bank schloss mit der Aufforderung an die Kundin, die Zahlung nicht ein zweites Mal in Auftrag zu geben und sicherzustellen, dass sie in Zukunft keine Zahlungen erhalte oder in Auftrag gebe, die unter die genannten Restriktionen fielen.

Schlüsselwörter vermeiden

Auf Nachfrage kommentiert die CS den Fall nicht, da sie sich nicht zu Kundenbeziehungen äussere. Die Bank erklärt bloss, alle regulatorischen Vorschriften umzusetzen. Der Vorgang lässt sich dennoch rekonstruieren: Taucht bei einer Überweisung ein Schlüsselwort wie «Syrien» auf, prüft die CS im Einzelfall, ob die Zahlung ausgeführt werden soll. Bei gemeinnützigen Stiftungen wird das Geld nur überwiesen, wenn zweifellos feststeht, dass das Geld für humanitäre Zwecke verwendet wird. Im vorliegenden Fall muss die CS zum Schluss gekommen sein, die Stiftung eines religiösen Ordens sei nicht primär karitativ tätig – und führte die Zahlung nicht aus.

Die Credit Suisse führe keine Zahlung aus, die einen Bezug zu einem sanktionierten Land habe.

Pater Toni Kurmann von den Schweizer Jesuiten kann das Verhalten der Bank nicht verstehen. «Wir sind ein religiöser Orden, der mit unserer Stiftung karitativ tätig ist», sagt er. So unterstütze man in Syrien den Flüchtlingsdienst der Jesuiten. Dieser betreibt zusammen mit lokalen Partnern und unter Schirmherrschaft des Roten Halbmonds Strassenküchen, betreut Kinder und gibt Medikamente ab. Insgesamt zeige das Verhalten der Bank, wie strengere Compliance-Vorschriften die Arbeit karitativer Organisationen erschweren: «Wenn wir Spenden an Partner im Nahen Osten überweisen wollen, müssen wir Schlüsselwörter wie Syrien oder Aleppo vermeiden.» Wie oft Spendengelder wie im oben beschriebenen Fall gar nicht erst beim Hilfswerk einträfen, könne er nicht sagen.

Schärfere Kontrollen

Im Februar dieses Jahres hatte der «Landbote» über einen ähnlichen Fall berichtet. Damals teilte die CS einer Winterthurerin mit, ihre Spende für die Syrienhilfe des Pfungener Pfarrers Andreas Goerlich werde nicht überwiesen. Dass der Pfarrer mit seinem Hilfswerk regelmässig in den Medien präsent ist und das Geld auf das offizielle Postkonto der Reformierten Kirchgemeinde geflossen wäre, tat nichts zur Sache.

Auch Dieter Wüthrich, Sprecher des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks), kennt die Problematik: «Wenn wir Gelder via Libanon an unsere Partner in Syrien überweisen, vermeiden wir Begriffe wie «Syrien». Fälle wie die geschilderten könnten sich jederzeit auch beim Heks ereignen: «Wir stellen fest, dass die Schweizer Banken zunehmend schärfere Kontrollfilter zur Identifikation von potenziell zweifelhaften Überweisungen verwenden.»

Die CS äussert sich nicht dazu, ob Kunden Begriffe wie «Syrien» oder «Aleppo» bei Spendenüberweisungen weglassen sollen. Ähnlich bedeckt gibt sich die UBS, die jedoch hinzufügt, dass das Betrefffeld bei einer Überweisung nicht zwingend auszufüllen sei. Doch auch wenn dieses Feld leer bleibt, ist nicht gesichert, dass die Banken alle Zahlungen überweisen. So wollte eine Frau aus St. Gallen letzten Monat via Online-Banking die Ballett- und Nachhilfestunden ihrer Tochter bezahlen. Die CS verweigerte jedoch die Zahlung. Auch telefonisches Nachfragen half nichts, wie das Konsumentenmagazin «Espresso» von Radio SRF publik machte. Der Grund: Die Tochter der Kundin heisst Siria, und die Frau hatte diesen Namen im Betrefffeld angegeben. Das Bankkonto hat sie inzwischen aufgelöst.

Erstellt: 26.12.2016, 22:12 Uhr

Artikel zum Thema

«Du bist dumm!»

Asylsuchende werden bei Befragungen eingeschüchtert, angeschrien und beschimpft. Das sagen Dolmetscher, Hilfswerke und Rechtsvertreter. Mehr...

1,8 Milliarden Dollar für marode Hilfswerke

Die G-7-Staaten, mehrere europäische Länder und die Golf-Staaten kündigten an, zusätzliches Geld zur Bewältigung der Flüchtlingskrise zur Verfügung zu stellen. Mehr...

Gerangel um die Armenkasse

Im Departement von Didier Burkhalter läuft ein Verteilkampf: Der Entwicklungshilfe soll Geld entzogen und zur Friedensförderung verschoben werden. Jetzt mischen sich die Hilfswerke ein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Mehr Freizeit dank iRobot

Diese intelligenten Alleskönner übernehmen das Reinigen für Sie: gründlich, zuverlässig und vollautomatisch.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...