Hätte Alexei Morenets doch die Taxi-Quittung entsorgt

Der russische Militärgeheimdienst griff noch mehr Ziele an als bisher bekannt – darunter die Fifa. So wurden die Spione enttarnt.

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Umgerechnet 13 Franken und 50 Rappen zahlt Alexei Morenets für die Taxifahrt ins Verderben. 842 Rubel kosten die 32 Kilometer vom Hintereingang eines Gebäudekomplexes des russischen Militärgeheimdiensts GRU zum Moskauer Flughafen Scheremetjewo. Dort besteigt der unscheinbare Mann mit dem schwarzen Mantel am 10. April 2018, begleitet von drei weiteren GRU-Spionen, eine Maschine nach Amsterdam. Vier Tage später sitzt das Agenten-Quartett im Flug zurück in die russische Hauptstadt, vorzeitig, unfreiwillig, ­enttarnt.

Nichts ist geworden aus der geplanten gemeinsamen Weiterreise in die Schweiz. Vielmehr hat sich der Freitag, der 13. April 2018, als Unglückstag herausgestellt für die vier und für Wladimir Putins militärischen Geheimdienst. Die Mission, die in die Alpen führen sollte, nimmt bereits hinter den holländischen Deichen einen schlimmen Ausgang: Das Quartett fliegt auf. Und mit ihm gleich noch eine Reihe seiner weltweiten Operationen aus den vergangenen Monaten und Jahren.

Für die Weiterreise: Vier Tickets nach Basel. Bild: Niederländisches Verteidigungsministerium

Morenets und seine Begleiter haben eine Reihe von Fehlern begangen. So bringen sie auf ihre Holland-Schweiz-Mission einen Laptop mit, der schon bei früheren Aktionen eingesetzt wurde. Darauf wird die holländische Spionageabwehr verräterische Spuren finden, die auch in die Schweiz führen. Immerhin sind die Handys neu, mit denen die Russen nach Den Haag unterwegs sind; benutzt wurden sie aber erstmals in unmittelbarer Nähe des GRU-Komplexes. Ein ziemlich deutliches Indiz für die Zugehörigkeit ihrer Besitzer zum russischen Militärgeheimdienst. Zu guter Letzt hat der Mann, dessen Diplomatenpass auf Alexei Morenets lautet, die ­Taxiquittung über 842 Rubel nicht ­einfach in einen russischen Abfalleimer geworfen. Auch sie wird bald schon in Den Haag sichergestellt und zu einem weiteren Beweisstück.

Per 1. Klasse in die Schweiz

Für die holländische Spionageabwehr wird der Freitag, der 13. April, zum Glückstag: Sie kann allerlei Agenten-Werkzeuge sicherstellen, als sie um 16.45 Uhr die vier GRU-Offiziere mit ihren Diplomatenpässen stoppt.

Morenets und seine Begleiter begehen eine Reihe von Fehlern.

Dann folgen monatelange Auswertungen, in die auch der Schweizer Nachrichtendienst eingebunden wird. ­Gestern haben die holländische Verteidigungsministerin, der Chef des niederländischen Militärgeheimdiensts sowie der britische Botschafter in Den Haag die Resultate präsentiert. Für sie ist klar: Der Kreml liess penetrante Spionageoperationen in Holland, Brasilien, Malaysia und in der Schweiz durchführen.

Das sichergestellte Mietauto. Bild: Niederländisches Verteidigungsministerium

Beschlagnahmt worden sind auch Bahnbillette aus Holland in die Schweiz. Auf einer konfiszierten «Passagierslijst» der niederländischen Bahnen tauchen die Namen der vier Russen auf. Eine 1.-Klass-Reservierung dokumentiert, dass die Spione einen Zug nehmen wollten, der am 17. April um 14.47 Uhr in Basel angekommen wäre. Von dort ­wären sie gemäss dem holländischen Militärgeheimdienst-Direktor nach Bern weitergereist, um dann das Labor Spiez ins Visier zu nehmen. Dafür wurden gestern zwar keine Belege präsentiert. Doch am Tag vor der Abreise aus Moskau haben die Agenten die Website der ­Atom-, Bio- und Chemiewaffen-Spezialisten im Berner Oberland und Medienberichte über die Einrichtung des Bundes konsultiert.

Spezialisiert auf Absaugen

Es wäre wohl nicht die erste Schweizreise der kleinen Cyber-Truppe, spezialisiert auf Absaug-Aktionen aus unmittelbarer Nähe, geworden. Mit dem Laptop der Russen, den die Holländer konfiszierten, hatte sich jemand schon mal am 20. September 2016 in den Lausanner Hotels Alpha Palmiers und Palace ins Wi-Fi eingeloggt. Zu jener Zeit fand in Lausanne eine Konferenz der Welt-Antidoping-Agentur Wada statt. Ein kanadischer Sportfunktionär wurde da Opfer einer Cyberattacke, wie der britische Botschafter in Den Haag gestern ausführte. Auf dem Laptop des Kanadiers habe sich Schadsoftware befunden, die der GRU-Truppe APT28 zugerechnet wird, die auch das Netzwerk des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) angriff.

Zum Zeitpunkt der Attacken hatten die Wada und das IOK Untersuchungen zum russischen Staatsdoping durchgeführt, die mit dem Ausschluss von Athletinnen und Athleten aus Russland bei Olympischen Spielen endeten. Die Schweizer Bundesanwaltschaft führt schon seit rund eineinhalb Jahren ein Strafverfahren wegen einer Cyberattacke auf die Wada. Sie wartet noch immer auf das grüne Licht des Bundesrats, um weiterzuermitteln.

Im Kofferraum: Hack-Gerätschaften. Bild: Niederländisches Verteidigungsministerium

Schneller ist das amerikanische Justizministerium: Es hat gestern eine Anklage gegen sieben Russen publiziert, darunter die vier Männer, die in Den Haag gestoppt wurden. Darin geht es um Spionageaktionen in den USA, Grossbritannien, den Niederlanden und in der Schweiz. Büssen sollen sie unter anderem wegen der Angriffe auf die Kämpfer gegen Chemie-Waffen von der ­Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die Doping-Jäger von der Wada, aber auch für jene auf ein Atomkraftwerk in Pennsylvania. Beim Wada-Hack in Lausanne war laut der Anklage auch Alexei Morenets vor Ort. Der Spion, der Spesenbelege nicht gerne wegwirft.

Im Dezember 2016 und Januar 2017 konnten die angeklagten Russen gemäss den US-Staatsanwälten auch erfolgreich ins Netzwerk des Weltfussballverbandes Fifa eindringen und Zugangsdaten sowie Laborergebnisse, Ärzteverträge, Informationen über medizinische Tests und Strategiepapiere zur Anti-Doping-Politik stehlen.

Enttarnt: Der Pass eines mutmasslichen Spions. Bild: Niederländisches Verteidigungsministerium

Als das Agenten-Quartett den Zug in die Schweiz nehmen will, macht auch das Spiezer Labor gerade Analysen, die für den Kreml von höchstem Interesse sind – zu Giftgas-Einsätzen in Syrien und zur Vergiftung des russischen Doppelagenten Sergei Skripal im südenglischen Salisbury. Die Schweizer Experten tun dies im Auftrag der OPCW, die ihren Sitz in Den Haag hat. Davor haben die vier GRU-Agenten am Freitag, dem 13. April, ihren Mietwagen ­geparkt, rückwärts. Im Kofferraum des Citroën befinden sich Gerätschaften, mit den sich Wi-Fi-Netzwerke hacken lassen. Die Antenne, die etwas herausragt, ist mit einem schwarzen Mantel abgedeckt. Doch zum Absaugen kommt das Quartett nicht. Die holländische Abwehr schlägt zu. Und damit ist das Spionagedesaster perfekt.

In einer früheren Version wurde APT28 als Schadsoftware bezeichnet, doch damit gemeint ist eine Hackergruppe aus Russland. Dies wurde im Text korrigiert.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.10.2018, 22:11 Uhr

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