Der rebellische Bauer und sein gigantisches Schwingfest-Stadion

Schwingen und Zug, passt das zusammen? Die Geschichte von Philipp Freimann zeigt, wie hin- und hergerissen die Stadt ist.

Das Schwingfest in Zug findet auf dem Boden von Bauer Philipp Freimann statt. Foto: Samuel Schalch

Das Schwingfest in Zug findet auf dem Boden von Bauer Philipp Freimann statt. Foto: Samuel Schalch

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Den Freimann Philipp kennt man in Zug. Friime sagen sie ihm im Zugerdialekt, so nimmt er selbst das Telefon ab, so stellt er sich vor seinem Hof vor. Freimann ist Bauer und ein Mann, der viel redet, wenn der Abend lang wird, sagen sie in Zug. Guter Cheib, schieben sie nach. Hat einmal einem Jogger vor Weihnachten das Leben gerettet. Der fiel vor seinem Hof einfach um – Herzkasper. Freimann sprang zu ihm und machte Herzmassage, so gut, dass der Mann Weihnachten mit der Familie feiern konnte. Das sprach sich herum in Zug.

Noch weiter rumgesprochen hat sich die Sache mit dem Bauland, englische Zeitungen schrieben gar darüber, es gab viel Bewunderung. Der 43-jährige Bauer hätte 2009 sein Land einzonen und damit 30 Millionen Franken verdienen können. Die Stadt Zug wollte wachsen und Häuser bauen. Freimann hatte etwas dagegen – und verzichtete. Zu viel Beton sah er bereits in Zug. Er wollte bauern statt bauen.

Heute steht sein Land wieder im Mittelpunkt, ein Stadion hat sich darauf erhoben. Aus Stahl und riesengross. 56'500 Leute haben darin Platz. Es ist das Herz des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests (Esaf), das Ende Woche in Zug stattfindet. Freimann blickt zum Stadion, er musste sich erst an den Anblick gewöhnen. «Es ist so gross geworden, dass es mich manchmal beinahe erschlägt», sagt er. Dieser riesige Anlass – passt der überhaupt zu Zug? Zu dieser Stadt tiefer Steuern und vieler Briefkastenfirmen, zur Heimat von Glen­core und Kryptowährungen?

In der Beiz kennt man Tännler

Einen Kilometer stadteinwärts liegt der Brandenberg, eines der wenigen währschaften Zuger Restaurants. Heinz Tännler bahnt sich den Weg zwischen den Tischen und Hallos der Gäste hindurch. Den Tännler kennt man in Zug und im Brandenberg, hier kommt er mehrmals in der Woche hin. Tännler ist Zuger SVP-Regierungsrat, war Chefjurist bei der Fifa, nun präsidiert er das Organisationskomitee des Esaf.

Bauer Freimann schimpfte ihn vor nicht allzu langer Zeit einen «Bauturbo», Tännler war Chef der Baudirektion und damit mitverantwortlich für die Zuger Bauerei. Seit 2015 ist er Finanzdirektor, als OK-Chef musste er mit Freimann wegen dessen Land verhandeln. Heute stehen die Unterschriften der beiden Männer auf demselben Papier. Sie haben sich geeinigt. Freimann gibt Tännler temporär sein Land ab, Tännler zahlt ihm für den Erwerbsausfall einen fünfstelligen Betrag und überlässt ihm Ersatzland. Heute sagt der Bauer: «Mit dem Tännler kann man arbeiten.»

Tännler und Freimann, beide Männer stehen für Zug, nur nicht für das gleiche. Der neoliberale SVPler strebt nach Wachstum und Globalisierung, der traditionelle Bauer sehnt sich nach Stillstand und intakter Natur. Das Schwingen bringt sie zusammen.

Heinz Tännler (SVP) präsidiert das OK des Esaf. Foto: Reto Oeschger

Der 59-jährige Tännler holte die Bewilligungen für das Schwingfest ein, er liess auf Freimanns Land 32 Bäume fällen und die Weide ebnen. Wenn Tännler ein Telefon abnimmt, und das kommt während des Gesprächs mehrmals vor, dann klingt das so: «Was brauchst du?» Tännler hört zu. «Das wird organisiert.» Ein Macher, der sich um 5.30 Uhr in der Früh zu Schwingfestsitzungen trifft, um seinen Alltag als Regierungsrat einhalten zu können. Nicht zu viel für einen, der auch noch für den Ständerat kandidiert? «Mich lupft es nie», sagt Tännler.

Tännler war es auch, der den Zorn der Zuger erfahren hat. Verhältnisblödsinn sei das, für drei Tage ein solches Stadion aufzustellen. Schwingen und Zug, das passe ja überhaupt nicht zusammen, und schon gar nicht in einer Wohnzone.

Der Politiker wurde als Lügner bezeichnet und bekam nicht sehr nette E-Mails. Stört den Tännler nicht, sagt er, der halte das aus. Er wettere ja auch, wenn ihm etwas nicht passe. Aber, so holt er aus, beim Fest gebe es sehr wenig zum Fluchen. Die Kritik komme von einer kleinen Minderheit. «Das Fest passt hervorragend zu Zug.» Er schwärmt von der Zuger Vielfalt, vom Mondänen und Traditionellen.

Tatsächlich hat das Fest die Stadt ergriffen. Polizeiautos patrouillieren im Edelweissmuster, ein lokaler Gelenkbus fährt als Handorgel geschmückt durch Zug. Die Stadt gibt sich Mühe. Doch wie ist er, der Zuger? «Kommt drauf an, wen man fragt», sagt Bauer Freimann. «Weltoffen und heimatverbunden», sagt Politiker Tännler, «der Zuger lebt mit Bodenhaftung.»

«Last böt not least»

Tännler spricht laut und klar und gern in Superlativen. Als er 30 Tage vor dem Fest vor den Medien den Stand der Arbeiten präsentierte, da waren die Zuger «bereit und stolz», sie hatten «alles im Griff». Man freue sich auf diese «grosse, grosse, sehr grosse Sache». Tännler kam irgendwann zum obligaten «last böt not least». Zum «Coupe». Ausgesprochen wie der Coupe Dänemark. Das Dessert. Der bombastische Abschluss. Der Schwingfestsong. Mit Göla und Trauffer. Die beiden Musiker dürfen sogar in der Schwingarena singen. Ein Novum, bislang war die Arena Schwingern, Jodlern und Bundespräsidenten vorbehalten.

Diese Premiere finden nicht alle Schwingfreunde toll, im Stil von: Jetzt übertreiben sie aber, Kommerz und Wachstum haben ihre Grenzen. Das hat mit Schwingen nichts mehr zu tun. Ähnlich muss sich Bauer Freimann gefühlt haben, als er 2002 als 26-Jähriger einen Leserbrief aufsetzte. Titel: «Wie viel Wachstum erträgt Zug?» Ihn störte, dass sich Zug veränderte, in einem Tempo, das kaum Zeit zum Nachdenken liess.

Seit 1950 und dem Beginn der Tiefsteuerstrategie stieg die Zahl der juristischen Personen im Kanton von 1000 auf 3000. Plötzlich bestimmten Neubauten und Quartalszahlen das Leben in Zug – schwierig für einen, der in Generationen denkt. Zug wuchs, immer mehr Firmen zogen in die Stadt, und mit ihnen ein Vielfaches von Mitarbeitern, «Expats». Freimann spricht das Wort aus, als würde er Tschumpel sagen.

Das Zusammenspiel zwischen dem modernen und dem traditionellen Zug funktioniere nicht mehr. Das Verständnis füreinander habe abgenommen, sagt Bauer Philipp Freimann.

Freimann sah Familien, die Zug verliessen. Er beobachtete Grünflächen, die mit Beton überzogen wurden. Sein Zug veränderte sich. Die Mieten stiegen – und die Zuzüger begegneten ihm häufig beim Arbeiten, erzählt er. Auf seinem Land gehen die Stadtzuger gern joggen und spazieren. Wenn er seine Kühe zu den Weiden oder zurück in den Stall führt, muss er für ein paar Minuten die Nebenstrassen sperren. «Manche sagen mir auf Englisch, dass ich kein Recht dazu hätte. Da hört es doch auf!» Das Zusammenspiel zwischen dem modernen und dem traditionellen Zug funktioniere nicht mehr. Das Verständnis füreinander habe abgenommen, sagt er: «Wir haben die Balance verloren.»

Es ist die alte Frage, die den Kanton schon länger begleitet und spaltet. Tännler sieht die Balance intakt und Zug auf einem guten Weg. Erstens brauche es Wachstum, um zu funktionieren. Zweitens sei der Grossteil der Zuger zufrieden, das zeigten Umfragen. Drittens würden nun mehr gemeinnützige Wohnungen gebaut. In Zug gibt es einen Anteil von knapp 10 Prozent genossenschaftlichen Wohnungen. «Viel zu wenige», monieren die Linken, zudem wachse man unkontrolliert und ohne Visionen. Ihre Meinungen sind nicht mehrheitsfähig. Zug wählt bürgerlich.

Eine seltsame Zerrissenheit

Wenn Freimann zum Stadion schaut, durchfährt ihn eine seltsame Zerrissenheit. Häufig freut er sich auf das Fest – er wird auf dem Hof ein Camping für 600 Menschen anbieten –, doch manchmal plagt ihn unversehens Bauchweh, sprichwörtlich. «Der Boden ist sehr empfindlich», sagt er. Als schwere Maschinen auffuhren, kam es vor, dass Freimann auf das Feld zu den Arbeitern rannte. Sie sollen gopfeteckel vorsichtig fahren. Und bloss nicht mit den Hartgummireifen im Stand lenken. Macht den Boden auf Jahre hin kaputt.

«Die haben das Gespür für den Boden nicht», sagt er. Auf seinem Land kann er Einfluss nehmen, nicht aber beim Stadtbild. «Das Schlimme ist», sagt er, «man gewöhnt sich daran.»

Platz für 56'000 Zuschauer: Die Schwingarena in Zug. Foto: Alexandra Wey, Keystone

Zug und das Esaf, das scheint zu passen. Beide sind stark und unkontrolliert gewachsen, jetzt suchen beide die Balance. Diese Suche ist so eine Sache. Das Schwingfest wollte sich nach dem letzten in Estavayer vom viel kritisierten Gigantismus abwenden, noch etwas über 40'000 Leute sollte die Zuger Arena fassen. Zugleich wollte der Schwingverband von den Zuger Organisatoren 33'000 Gratistickets, um sie an Sponsoren und Funktionäre zu verteilen.

Da merkte Tännler, dass er auf dem Papier plötzlich rote Zahlen schrieb. Also korrigierte er die Zahl der Zuschauer nach oben, in die schwarzen Zahlen auf 56'500. Neuer Rekord, das Fest so gross wie nie, rund 350'000 Menschen werden insgesamt erwartet. Passt zu Zug. Überrumpelt vom eigenen Erfolg.

Erstellt: 19.08.2019, 09:52 Uhr

In Zahlen

37 Millionen
Franken beträgt das Budget, 17 Millionen stammen von Sponsoren. Die Nachfrage war so gross, dass die Organisatoren Sponsorwillige vertrösten mussten.

1600
Franken kosteten die Tickets auf dem Schwarzmarkt. Das Stadion ist seit Monaten ausverkauft. In den öffentlichen Verkauf kamen 4000 Billette. Der Rest wurde an Sponsoren, Funktionäre und die lokale Bevölkerung verteilt.
(czu)

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