«Städter und Linke sind seltener in der Armee»

Ist die Wehrpflicht mehr als ein Mythos? Ein Gespräch mit ETH-Militärsoziologe Tibor Szvircsev Tresch.

Versteck: «Städter und linke sind seltener in der Armee.»

Versteck: «Städter und linke sind seltener in der Armee.» Bild: Christian Beutler/Keystone

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Herr Szvircsev, 73 Prozent der Schweizer lehnen eine Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht ab. Überrascht Sie dieses Resultat?
Ja, sehr. Denn unsere langjährigen Umfragen für die Sicherheitsstudien haben ein anderes Bild ergeben. Diese Umfragen haben im Durchschnitt 45 Prozent an Wehrpflichtgegnern eruiert. Auch Gesamteuropäisch stand die Wehrpflicht in letzter Zeit unter Druck und wurde hinterfragt. Schaut man sich die Sache genauer an, dann sieht man, dass der Ausgang der Abstimmung ein starkes Verdienst der Gegner der Initiative war. Diese waren sehr präsent.

Wen meinen Sie genau?
Zum Beispiel den Verein für gemeinsame Sicherheit Schweiz und die Offiziersgesellschaften. Die bürgerlichen Vereinigungen haben am selben Strick gezogen. Dazu kommt, dass die Frage nach der Wehrpflicht nicht im Zentrum der Diskussion gestanden ist. Die Abstimmung wurde zu einem Ja oder Nein zur Armee stilisiert. Man fokussierte auf die Notwendigkeit der Armee zur Gewährleistung der Sicherheit. Das wiederum korrespondiert auch mit unseren Zahlen: 72 Prozent der Bevölkerung sehen die Armee als eine Notwendigkeit an.

Vergleichsweise gehen immer weniger junge Männer in die Armee. Theoretisch ist man für die Armee, praktisch versucht man einen Einsatz fürs Vaterland zu vermeiden, und setzt auf Untauglichkeit. Das ist doch paradox.
Das ist schon ein Paradox. Die Bevölkerung findet es aber prinzipiell richtig, wenn die Jungen irgendeinen Dienst für die Schweiz leisten müssen: Sei es Militärdienst, Zivildienst oder Zivilschutz. 70 Prozent plädieren gemäss unserer Sicherheitsstudie für einen Dienst fürs Gemeinwohl.

Was sagt Ihre Studie denn zu einem Dienst der Frauen am Gemeinwohl?
Hier würde etwas mehr als die Hälfte der Befragten auch einen Dienst für beide Geschlechter befürworten.

In Appenzell leisten 80 Prozent der jungen Männer Dienst, in Zürich gerade mal 50 Prozent. Ist die allgemeine Wehrpflicht und der sogenannte Bürgersoldat nicht einfach ein Mythos?
Ein Mythos – ich weiss nicht. Die restlichen 50 Prozent in Zürich machen ja auch irgendwas, zahlen Erwerbsersatz oder leisten Zivilschutz. Aber Sie haben recht, es gibt Bildungs- und Schichtunterschiede. Höher Gebildete scheinen in der Armee unterdurchschnittlich repräsentiert. Städter und politisch eher Linke sind wahrscheinlich ebenfalls seltener in der Armee, es gibt aber dazu keine konkreten Zahlen. Auf dem Land hingegen spielt die soziale Kontrolle viel mehr: Militärdienstuntauglichkeit kann da durchaus als Makel wahrgenommen werden.

Muss die Schweizer Armee dieser Entwicklung nicht Gegensteuer geben?
Das Aushebungssystem sollte flexibler werden. Wenn heute jemand beispielsweise einen Bodymass-Index über 30 hat, ist die Person militärdienstuntauglich. Die Person ist aber vielleicht intellektuell sehr gut, hat ein grosses Know-how im Computerbereich – solche Personen sollte man trotzdem einsetzen.

Die Bevölkerung will keine Berufsarmee mit begeisterten Rambos. Gewissermassen will sie gerade die Unwilligen ausgehoben haben und sieht dies als Güte einer gesunden Armee.
Überraschend ist da zum einen, dass es mehr Einsprachen gegen Militärdienstuntauglichkeit als gegen Militärdiensttauglichkeit gibt. Zum anderen zeigt sich, dass bei den Stellungspflichtigen eine neutrale bis leicht positive Grundhaltung vorherrscht, und zwar unabhängig vom Bildungsgrad. Das Ideologisierte ist weg: Man hat eine lockerere Haltung gegenüber der Armee, ist nicht mehr fundamental gegen sie oder für sie.

Sie wehren sich gegen die Darstellung, dass man locker von der Armee wegkommt. Das entspricht aber nicht den Erfahrungen aus meinem Umfeld.
Nehmen wir ein Beispiel: Jemand hat ein Rückenleiden, das man nicht sofort medizinisch erkennt. Wer armeefreundlich ist, wird dieses bei der Aushebung nicht erwähnen, jemand, der nicht in die Armee will, hingegen schon. Es gibt Spiel- und Grauräume. Leute aus unserem Freundeskreis haben wohl den einen oder anderen Grauraum stärker genutzt als andere. Dann darf man aber nicht vergessen, dass es wohl auch eine Scham gibt, einzugestehen, dass einen die Armee bei der Aushebung nicht genommen hat. Die Leute sagen dann aus Selbstschutz, sie hätten geschummelt, um wegzukommen, obwohl sie objektiv nicht tauglich waren.

Glauben Sie das wirklich?
Ja, denken Sie etwa an einen Bettnässer, der will das seinen Kollegen nicht unbedingt eingestehen. Ich kenne solche Fälle.

Wie viele Prozent der Männer absolvieren heute die ganze RS?
62 Prozent sind militärdiensttauglich. 45 Prozent leisten letztlich den ganzen Militär- oder Zivildienst.

Der Rest ist untauglich?
Ja, das ist so. Zu meiner Zeit, 1986, waren noch um die 80 Prozent militärdiensttauglich. Damals sind aber 20 bis 25 Prozent aus dem Dienst vorzeitig ausgeschieden. Die Dienstleistung bis zum Schluss hat sich also wohl nur geringfügig verschlechtert. Übersetzt gesagt: Früher musste man nur das Sturmgewehr herumtragen können. Die Ansprüche an die Dienstleistenden sind heute stark gestiegen.

Erstellt: 24.09.2013, 09:59 Uhr

Interview: Tibor Szvircsev ist ETH-Militärsoziologe. (Bild: Keystone Lukas Lehmann)

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