Starker Franken lockt ausländische Handwerker an

Neue Zahlen zur Zuwanderung zeigen, wer am ehesten vom starken Franken profitiert – und wer darunter leidet.


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Zwölf Wochen ist es her, seit die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Schweizer Arbeitsmarkt durchgerüttelt hat. Mit dem Fall der Eurountergrenze kündigten zahlreiche Firmen an, Stellen zu streichen oder ins Ausland zu verlagern, im Februar sind die Exporte um knapp 4 Prozent gesunken. Wie sich der SNB-Entscheid auf die Zuwanderung auswirken wird, war bisher umstritten. Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbands, erwartete einen «tendenziellen Rückgang», SP-Ökonom Rudolf Strahm erklärte, der starke Franken erhöhe den Lohn- und Kostendruck auf die Arbeitnehmer, was zu einer verstärkten Rekrutierung von günstigen ausländischen Arbeitskräften führen könnte.

Weniger kurzfristige Stellenantritte

Nun zeichnen sich erste Auswirkungen des starken Frankens auf die Zuwanderung ab. Eine gestern veröffentlichte Statistik des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt primär zwei Entwicklungen: Die kurzfristigen Stellenantritte sind im Februar 2015 verglichen mit dem Februar 2014 um 5 Prozent auf 19'570 zurückgegangen. Dabei handelt es sich um Arbeitnehmer, die während weniger als 90 Tagen eine Dienstleistung in der Schweiz erbringen.

Der Arbeitsmarkt ist volatil – und jede Veränderung hat zahlreiche Ursachen. Es sei noch zu früh, um einen Effekt des starken Frankens auf die Zuwanderung feststellen zu können, wie SEM-Mediensprecherin Léa Wertheimer auf Anfrage sagt. Allerdings zeigt eine Auswertung des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), dass sich der Rückgang von kurzfristigen Stellentritten auch im März bestätigte. Die SGB-Zahlen schlüsseln die Anzahl Arbeitstage von kurzfristig angestellten Arbeitnehmern aus dem EU/Efta-Raum auf – diese haben in den beiden ersten vollen Monaten nach dem SNB-Entscheid um 5 respektive um 5,8 Prozent abgenommen.

Schwieriges Jahr für die Temporärbranche

Besonders hart getroffen hat es die Temporärbranche. Die Zahl von Arbeitnehmern, die durch einen Personalverleiher in die Schweiz gekommen sind, ist im Februar gegenüber dem Vorjahr um 17,2 Prozent zurückgegangen, im März um 14,7 Prozent. Der Branchenverband Swissstaffing hat bereits vor drei Wochen vermeldet, dass der «Frankenschock auf die Temporärbranche durchschlägt». Die Geschäftstätigkeit sei um über 10 Prozent abgerutscht. In Anbetracht dieser Zahlen lasse sich bereits erahnen, dass das Jahr 2015 für die Personalverleiher «ein besonders schwieriges Jahr werden wird», schreibt Swissstaffing-Ökonom Marius Osterfeld in einem Beitrag auf der Website des Verbands.

In der Statistik des SEM wird auch ein möglicher Profiteur des starken Frankens sichtbar: EU-Firmen, die ihre Mitarbeiter in die Schweiz schicken. Dabei handelt es sich oft um Unternehmen aus dem grenznahen Ausland und Aufträge in der Schweiz ausführen. Für sie stellt der starke Franken einen Wettbewerbsvorteil gegenüber inländischen Firmen, die ihre Mitarbeiter in Schweizer Franken bezahlen müssen, darf. Die Statistik des Staatssekretariats für Migration zeigt, dass die Zahl der sogenannt entsandten Arbeitnehmer im Februar gegenüber dem Vorjahresmonat um 4,3 Prozent auf 17'244 zugenommen hat.

Auch hier bestätigt die Auswertung des SGB die Entwicklung: Im Februar leisteten Entsandte 4,3 Prozent mehr Arbeitstage in der Schweiz, im März 4,9 Prozent. Aufgeschlüsselt nach Sektoren, zeigt sich, dass ausländische Firmen vor allem jenen Sektor mit Mitarbeitern versorgen, der keinen verbindlichen Mindestlohn festgelegt hat: die Industrie. «Hier können ausländische Firmen ungestraft Schweizer Löhne unterbieten», sagt SGB-Chefökonom Daniel Lampart. Die Zahl der geleisteten Arbeitstage ist in den ersten beiden vollen Monaten gegenüber dem Vorjahr um 18 Prozent gestiegen. Im Bau, einem Sektor mit geregeltem Mindestlohn, wurde praktisch gleich viel gearbeitet wie 2014.

Alleine mit dem starken Franken ist diese Zunahme nicht zu erklären, da bereits im Dezember eine 14 Prozent mehr von Entsandten im Industriesektor registriert wurden. Laut Lampart deuten die jüngsten Zahlen jedoch auf eine Verstärkung des Effekts.

Langfristige Arbeitsverhältnisse stabil

Keinen Einfluss hatte der SNB-Entscheid bisher auf die längeren Arbeitsverhältnisse. Aus den 25 EU-Staaten, mit denen die Schweiz das Personenfreizügigkeitsabkommen unterzeichnet hat, sind im Februar mehr Menschen in die Schweiz gekommen als im Vorjahresmonat. Während der Bund im Februar 2014 4965 B-Bewilligungen ausgestellt hatte, waren es ein Jahr später 5597 (plus 12 Prozent). Für die zwei EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien gelten nach wie vor Kontingente.

Eine kurzfristige Veränderung wäre hier überraschend, weil Arbeitsverträge meist mehrere Monate im Voraus abgeschlossen werden. Die Arbeitslosigkeit ist in dieser Zeit unverändert bei 3,5 Prozent geblieben, was zeigt, dass der Arbeitsmarkt die ausländischen Mitarbeiter weiterhin absorbiert.

Schliesslich zeigt die SEM-Statistik auch, dass die ständige ausländische Wohnbevölkerung weiter steigt – trotz starkem Franken und trotz der bevorstehenden Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Im Februar lebten 1,96 Millionen Ausländer in der Schweiz, 3,3 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Grafiken: Martin Wilhelm

Erstellt: 08.04.2015, 20:08 Uhr

Vorboten von Auswirkungen des starken Frankens: Mitarbeiter von Firmen aus dem grenznahen Ausland kommen häufiger über die Schweizer Grenze. (Bild: Keystone)

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