Hintergrund

Stempel gegen unerwünschte Lebensrettung verkauft sich gut

Seit einem Monat vertreibt eine Firma mit Erfolg einen Stempel für Leute, die im Notfall nicht reanimiert werden wollen. Doch Sanitäter sind skeptisch.

Nachfrage nach dem Stempel ist «sehr gross»: Wer nicht mit dem Defibrillationsgerät wiederbelebt werden möchte, kann ihn bei der Firma No CPR im Thurgau bestellen.

Nachfrage nach dem Stempel ist «sehr gross»: Wer nicht mit dem Defibrillationsgerät wiederbelebt werden möchte, kann ihn bei der Firma No CPR im Thurgau bestellen. Bild: Beat Marti

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Seit dem 1. September ist der «No CPR»-Stempel auf dem Markt. Die Abkürzung steht für «Keine Cardiopulmonale Reanimation», sprich: keine Beatmung oder Herzmassage im Notfall (TA vom 27. 8.). Bereits hat die Vertreiberin des Stempels, die Firma No CPR im thurgauischen Güttingen, rund hundert Stück verkauft. Weitere vierhundert Anfragen für Bestellkarten sind eingegangen.

Diese müssen ausgefüllt und unterschrieben an No CPR zurückgeschickt werden, damit die Stempel ausgeliefert werden. «Übers Telefon bestellen kann man bei uns nicht», sagt die Initiantin des Stempels, die Pflegefachfrau Angelina Horber. «Wir wollen ein schriftliches Dokument vorliegen haben, um sicher zu gehen, dass es keine Spontanbestellungen sind.» Viel wichtiger als die Verkäufe sei aber sowieso die «Diskussion, die der Stempel auslöst», so Horber. Einen Monat nach dem Markteintritt des Stempels ist die Pflegefachfrau «überrumpelt zufrieden» mit dem bisherigen Erfolg.

Den Angehörigen nicht zur Last fallen

Die Nachfrage sei «sehr gross» – besonders bei älteren Menschen: «Rund 70 Prozent unserer Anfragen bekommen wir von Leuten über 70.» Sie seien nicht etwa alle todkrank, sondern würden generell befürchten, in einer Notlage reanimiert zu werden – und dann, wenn etwas schieflaufe, den Angehörigen zur Last fallen. Rund 60 Prozent aller Käufer leiden nach Schätzung von Horber an Krankheiten wie Parkinson oder multipler Sklerose. Der Rest sei gesund oder habe Angehörige, bei denen eine Reanimation nicht wie geplant verlaufen sei.

Wer nicht reanimiert werden will, bezieht auf Nocpr.ch oder – sobald letzte «logistische Probleme der Grosshändler» gelöst sind – in Apotheken für 141 Franken einen selbstfärbenden Stempel, füllt die beiliegende Patientenverfügung und die No-CPR-Ausweiskarte aus und steckt die beiden Dokumente ins Portemonnaie. Nur mit diesen Papieren zusammen sei der Stempel gültig – und von Rettungssanitätern im Notfall akzeptierbar, wie Horber betont. Dann drückt sich der Käufer den Stempel im Bereich des Herzens auf die Haut – und erneuert den Vorgang jeweils nach dem Duschen. Die Farbe ist im Gegensatz zu einer Tätowierung abwaschbar.

«Zurzeit trotz Stempel reanimieren»

«Wir haben uns bewusst für abwaschbare Farbe entschieden», sagt Horber. «Der Aufdruck auf der Haut soll immer einer aktuellen Entscheidung entsprechen.» Wenn die Sanitäter auf einen Stempelträger treffen würden, wüssten sie so innert Sekunden: «Der Patient hat sich erst vor wenigen Stunden gestempelt, also will er wirklich nicht reanimiert werden», sagt Horber. Im vergangenen Monat ist es ihres Wissens noch zu keinem Aufeinandertreffen von Sanitätern und Stempelträgern gekommen.

Wenn es doch so weit kommt, würden die Sanitäter «zurzeit trotz Stempel reanimieren», sagt Roland Portmann, Sprecher von Schutz und Rettung Zürich, der grössten zivilen Rettungsorganisation der Schweiz. «Rettungssanitäter sind im Zweifelsfall dazu verpflichtet, lebensrettende Massnahmen einzuleiten.» Einzige Ausnahme sei, wenn der Patient sichere Todeszeichen wie beispielsweise Leichenflecken oder Todesstarre aufweise.An dieser Regel ändere auch eine Verfügung nichts, die der Patient allenfalls auf sich trage. Denn die Sanitäter müssten die Reanimation möglichst rasch einleiten: «Je schneller sie handeln, desto grösser die Überlebenschancen. Suchen sie im Portemonnaie nach einer Patientenverfügung, geht wertvolle Zeit verloren.»

Wenn man eine solche Verfügung aber bereits kenne, sei diese «selbstverständlich» zu akzeptieren, sagt Portmann. So etwa dann, wenn die Sanitäter einen todkranken Patienten, dessen Willen klar geregelt ist, ins Spital transportierten und dieser unterwegs sterbe. Mit anderen Worten: «Wenn die Fakten nicht klar sind, fangen wir mit der Reanimation an. Alles andere können wir uns nicht leisten.» Derzeit kläre der Rechtsdienst die Situation jedoch genauer ab. Laut eigenen Angaben hat Horber von mehreren Sanitätern andere Rückmeldungen erhalten. Sie hätten «mit grosser Erleichterung» auf den Stempel reagiert und ihr «Mut gemacht». Namentlich genannt werden möchten sie jedoch «wie so viele» nicht.

«Lasst mich in Ruhe»

«Grosse Mühe» mit dem Stempel hat derweil Jacques de Haller, Präsident der Ärzteverbindung FMH: «Es ist, als würde der Träger zu den Rettern sagen: Lasst mich in Ruhe. Ich will sterben.» Das könne von einem «Todeswunsch» zeugen, der «unbedingt» mit einem Arzt besprochen werden sollte. Eine Rettung gänzlich zu unterlassen, nur weil sie vielleicht nicht gelinge, sei aus seiner Sicht «nicht vertretbar». Auch er ist aber der Ansicht, dass Patientenverfügungen «klar respektiert werden» müssten.

Patientenverfügung ja, Stempel nein – und das, obwohl dieser ja gerade unmissverständlich auf die Verfügung aufmerksam macht? «Man kann es so sehen», sagt de Haller. «Doch was mir beim Stempel fehlt, ist die Menschlichkeit.» Dies wohl vor allem deshalb, weil er jegliche Diskussion zwischen Patient und Arzt verunmögliche. Portmann sagt: «Es mag spitzfindig klingen, aber: Wer gibt mir die Garantie, dass sich der Stempelträger den Stempel tatsächlich selbst auf die Brust gestempelt hat?» Für Sanitäter dürften keine Zweifel bleiben.Auf Interesse stösst der Stempel hingegen bei der Krebsliga Schweiz: «Wir begrüssen das Engagement der neu gegründeten GmbH», schreibt sie in einem Brief an No CPR, der dem TA vorliegt. Für eine Stellungnahme war die Krebsliga gestern nicht zu erreichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2011, 22:06 Uhr

«No CPR»: Der Stempel muss nach dem Duschen immer wieder auf die Haut gedrückt werden.

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