Steuergeschenk für Fahrer von Geschäftsautos

Die Wirtschaftskommission des Nationalrats will eine Pendlergruppe privilegieren. Experten und Grünliberale üben Kritik.

Im gleichen Stau, aber ungleich besteuert: Im Firmenwagen könnte der Arbeitsweg bald günstiger sein als im Privatauto. Foto: Urs Jaudas

Im gleichen Stau, aber ungleich besteuert: Im Firmenwagen könnte der Arbeitsweg bald günstiger sein als im Privatauto. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Viele Pendler werden sich wundern, wenn sie ihre Steuererklärung 2016 ausfüllen. Erstmals können sie bei den Bundessteuern nur noch Fahrtkosten von maximal 3000 Franken abziehen. Das Stimmvolk hat diese generelle Begrenzung des Pendlerabzugs 2014 im Rahmen des Fabi-Beschlusses gutgeheissen. Allen Langstreckenpendlern steht nun eine kalte Steuererhöhung ins Haus.

Allen? Nicht ganz. Wer mit dem Geschäftsauto zur Arbeit fährt, kann seit kurzem auf ein Steuergeschenk hoffen. Geht es nach der Wirtschaftskommission des Nationalrats (WAK), soll für Inhaber von Geschäftsfahrzeugen die Obergrenze beim Pendlerabzug faktisch nicht gelten. Still und leise hat die WAK Ende Januar eine entsprechende Motion verabschiedet. SVP, FDP, CVP und BDP unterstützen diesen Vorschlag.

Die Begründung: Die Begrenzung des Pendlerabzugs auch für Firmenautos verursache «einen unver­hältnismässigen administrativen Aufwand». Als der Fahrtkostenabzug begrenzt wurde, sei diese Bürokratie «zweifelsohne weder vom Parlament noch vom Volk gewollt gewesen».

Mehrere Tausend Franken pro Jahr

Tatsächlich ist die Berechnung des Fahrtkostenabzugs seit 2016 komplexer geworden. Doch zieht es das Volk nun deshalb vor, die Pendler ungleichzu­behandeln, je nachdem, ob sie im privaten Auto oder im Firmenwagen unterwegs sind? Das Steuergeschenk für Geschäftsautopendler kann sich nämlich durchaus sehen lassen. Jakob Rütsche, Präsident der Schweizerischen Steuerkonferenz, rechnet damit, dass die Steuererleichterung in Einzelfällen mehrere Tausend Franken pro Jahr betragen dürfte. Für Rütsche steht der WAK-­Vorschlag im Konflikt mit der Verfassung: «Geschäftsfahrzeuginhaber werden gegenüber anderen Pendlern klar bevorzugt. Diese Lösung widerspricht dem Prinzip der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Sie ist ungerecht.»

Umfrage

Die neue Pendlerabzug-Regelung...






Kritik kommt auch von Umweltpolitikern. Für Kathrin Bertschy (GLP, BE) dreht die WAK das Rad der Zeit zurück: Früher habe ein umweltschädlicher Fehlanreiz im Steuersystem existiert. Je weiter entfernt eine Person von ihrem Arbeitsort lebte, desto höhere Steuerabzüge konnte sie geltend machen. «Dieser Fehlanreiz konnte durch die Begrenzung des Pendlerabzugs entschärft werden. Aus ökologischen Überlegungen steht dieser WAK-Entscheid komplett quer in der Landschaft», so Bertschy.

Sie befürchtet zudem, dass das Par­lament ein neues Steuerschlupfloch schafft: «Wenn ein Selbstständiger sein Privatauto zu einem Geschäftsfahrzeug umwandelt, kann er seine Abgabenlast reduzieren. Es würde mich sehr erstaunen, wenn dieser Steuertrick nicht genutzt würde.»

«Demokratischer Entscheid hintertrieben»

Beim Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) fühlt man sich von der WAK getäuscht. Im Gegenzug für die Begrenzung des Pendlerabzugs zog der VCS 2013 seine ÖV-Volksinitiative zurück. «Werden Inhaber von Geschäftsautos jetzt von dieser Regelung ausgenommen, so wird ein demokratischer Entscheid hintertrieben», sagt VCS-Sprecher Matthias Müller.

WAK-Sprecher Olivier Feller (FDP, VD) verteidigt den Entscheid seiner Kommission: Mit der seit 2016 gültigen Praxis der Steuerverwaltung müssten Arbeitgeber berechnen und auf dem Lohnausweis erwähnen, welcher geldwerten Leistung das Geschäftsfahrzeug für den Mitarbeiter entspreche. «Der zusätzliche Aufwand ist speziell gross für Arbeitgeber mit externen Mitarbeitenden», so Feller. Hinzu komme, dass bei den Fahrkosten ohnehin bereits Ungleichbehandlungen existierten. So müssten Besitzer eines Generalabonnements, die für ihren Arbeitsweg Spesen bezögen, die Speseneinnahmen auch nicht versteuern, selbst wenn diese über 3000 Franken pro Jahr liegen würden.

Trotz der Kritik dürfte der Vorschlag der WAK am nächsten Montag im ­Nationalrat eine Mehrheit finden. Auch der Ständerat müsste dieser Motion noch zustimmen. Einen Vorstoss mit ähnlicher Intention hat er 2016 knapp überwiesen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2017, 22:25 Uhr

Die Krux mit den Fahrtkosten

Erklärt am Beispiel zweier Gipser

Eine Gleichbehandlung von Autopendlern ist durch die 2016 in Kraft getretene Begrenzung des Fahrtkostenabzugs relativ kompliziert geworden. Folgendes Beispiel zeigt die Schwierigkeiten:


  • Gipser A fährt mit seinem Privatauto zur Arbeit. Die Kosten (Treibstoff, Abnützung etc.) konnte er bislang unter bestimmten Voraussetzungen voll von seinem steuerbaren Einkommen abziehen (Pauschale: 70 Rappen pro km).

  • Gipser B fährt mit dem Geschäftsauto zur Arbeit. Da die Fahrtkosten zulasten des Arbeitgebers gehen, kann Gipser B sie nicht steuerlich abziehen. Da Gipser B das Geschäftsfahrzeug auch privat nutzen kann, wird es steuerlich wie ein Lohnbestandteil behandelt. Jedes Jahr werden ihm 9,6 Prozent des Kaufpreises des Autos auf seinen Lohn aufgerechnet.



Seit 2016 kann Gipser A nur noch maximal 3000 Franken Fahrtkosten von seinem steuerbaren Einkommen abziehen. Weil A eine grosse Distanz zurücklegt, muss er einen Teil der Fahrtkosten ohne Steuerabschlag selbst bezahlen. Zwecks Gleichbehandlung werden neu bei Gipser B die Arbeitswegkosten als fiktives Einkommen auf den Lohn aufgerechnet. Dann werden maximal 3000 Franken abgezogen. Allerdings: Die Ermittlung der Arbeitswegkosten von Gipser B ist aufwendig. Deshalb schlägt der Bund vor, dass man für Firmenwageninhaber zum System vor der Begrenzung der Pendlerkosten zurückkehrt. (lnz)

Artikel zum Thema

So schummeln Pendler

Hintergrund Ein Teil der Automobilisten versucht, sich mit falschen Angaben zum Arbeitsweg hohe Steuerabzüge zu erschleichen. Mehr...

Nach dem Bund die Kantone – Autopendler an die Kasse

3000 Franken Obergrenze für den Pendlerabzug. Das sieht der Bund vor. Damit hat es sich bei den geringeren Steuerabzügen aber noch nicht. Mehr...

Kantone wollen von Pendlern Geld

Ab dem nächsten Jahr begrenzt der Bund den Pendlerabzug bei der Bundessteuer. Die meisten Kantone ziehen nach – doch es gibt Widerstand. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...