Stipendien statt Sozialhilfe für Junge ohne Ausbildung

Die meisten jungen Sozialhilfebezüger haben keinen Abschluss. Fachleute wollen das ändern und fordern einen neuen Ansatz. Die Mehrkosten schätzen sie auf rund 140 Millionen Franken

Ohne Ausbildung kann auch das RAV nicht helfen: Ein arbeitsloser Jugendlicher beim Berater.

Ohne Ausbildung kann auch das RAV nicht helfen: Ein arbeitsloser Jugendlicher beim Berater. Bild: Keystone

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Zwei von drei jungen Menschen, die Sozialhilfe beziehen, haben keine fertige Ausbildung. Um ihnen den Weg zum Abschluss zu ebnen, empfiehlt die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) Stipendien, von denen diese Jugendlichen während der Ausbildung leben können.

Jugendliche Sozialhilfebezüger sollen nach den Vorstellungen der SKOS statt Sozialhilfegeld vom Sozialamt Stipendien erhalten, wenn sie eine Ausbildung beginnen. Diese Zuschüsse sollen die Existenz der jungen Leute sichern und die Sozialhilfebeiträge an die Familie nicht konkurrieren.

Die SKOS stellte ihren Vorschlag an die Kantone am Dienstag in Bern den Medien vor. Demnach sollten Ausbildungsbeiträge so bemessen sein, dass Jugendliche aus bildungsfernen Familien und aus armen Familien davon profitieren könnten. Die Kantone müssten das Stipendienwesen und die Sozialhilfe harmonisieren und koordinieren.

Auch für einfache Ausbildungen

Stipendien erhalten sollen laut der Empfehlung der SKOS Jugendliche ab 16 Jahren, sowohl Schweizerinnen und Schweizer als auch Ausländerinnen und Ausländer mit geregeltem Aufenthalt. Neben tertiären Ausbildungsgängen sollen insbesondere auch niederschwellige Berufslehren finanziert werden.

Die Jugendlichen sollen aber nicht nur Geld erhalten, sondern während der Lehrzeit und beim Eintritt in die Arbeitswelt auch begleitet und betreut werden. «Es gibt noch Potenzial», sagte SKOS- Präsident Walter Schmid über die Möglichkeit, Jugendliche für eine Ausbildung zu motivieren.

Nach Angaben der SKOS brauchen 3,9 Prozent der 18- bis 25- Jährigen in der Schweiz Sozialhilfe. Der Anteil der Sozialhilfebezüger ist unter den jungen Erwachsenen höher als bei älteren.

Rund zwei Drittel der jungen Sozialhilfebezüger haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ohne Diplom und nach einem verpassten Einstieg in den Arbeitsmarkt sei es für sie schwierig, später auf eigenen Füssen stehen zu können, sagte Schmid.

Waadt hat «gewagt und gewonnen»

Die Harmonisierung von Stipendien und Sozialhilfe «gewagt und gewonnen» hat nach den Worten von SKOS-Geschäftsführerin Dorothee Guggisberg der Kanton Waadt. Der Kanton hat mit dem Ziel, jungen Erwachsenen den Weg zu einer Lehre zu ermöglichen, 2006 ein Pilotprojekt gestartet.

Philippe Müller, stellvertretender Generalsekretär des Waadtländer Sozial- und Gesundheitsdepartements, nannte Zahlen: Rund 1400 junge Erwachsene traten bisher ins Programm ein, gegen 300 beendeten die Lehre. 35 Prozent aller Aufgenommenen stiegen vorzeitig aus.

Die Resultate des Projekts seien mehr als befriedigend, sagte Müller. Auch die ausbildenden Unternehmen hätten positiv reagiert.

Zeitpunkt für Empfehlung günstig

Die bessere Unterstützung von Jugendlichen aus armen Familien würde auf alle Kantone aufgerechnet zu Mehrkosten von rund 140 Millionen Franken jährlich führen, wie SKOS-Präsident Walter Schmid sagte. Bei der Hochrechnung bezieht sich die SKOS auf Zahlen der Waadt.

Der Zeitpunkt sei günstig für ihre Empfehlung, findet die SKOS. Denn viele Kantone überprüften im Rahmen des Stipendien-Konkordats zurzeit, wer unter welchen Voraussetzungen was für Ausbildungsbeiträge erhalten soll.

Dem Stipendien-Konkordat sind bisher acht Kantone beigetreten, wie die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren auf ihrer Internetseite schreibt. In Kraft treten kann das Konkordat, wenn mindestens zehn Kantone beigetreten sind. (ami/sda)

Erstellt: 03.01.2012, 13:30 Uhr

Thema bei Kantonen und Studierenden

Eine Harmonisierung des Stipendienwesens streben auch die Kantone an. Eine interkantonale Vereinbarung befindet sich zurzeit im Beitrittsverfahren. Studierende dagegen wollen mit einer Volksinitiative landesweit einheitliche Ausbildungsbeiträge erreichen. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat im Juni 2009 ein Stipendien-Konkordat verabschiedet. Es umfasst Berufslehren, Ausbildungen an Gymnasien, Hochschulen und höhere Berufsbildung. Unterstützt werden Schweizerinnen und Schweizer und seit mindestens fünf Jahren niedergelassene Ausländer. Für Lehrlinge und Gymnasiasten beträgt ein Vollstipendium jährlich mindestens 12'000 Franken, für Ausbildungen der Tertiärstufe mindestens 16'000 Franken. Acht Kantone (BS, FR, GR, NE, TG, VD, BE und TI) sind dem Konkordat bisher beigetreten. Damit es in Kraft treten kann, müssen sich mindestens zehn Kantone anschliessen.


Der Verband der Schweizer Studierendenschaften wiederum fordert mit einer Volksinitiative landesweit einheitliche Stipendien und Regelungen vom Bund für Beiträge an Ausbildungen nach Matura oder Lehre. Für die SKOS ist das Volksbegehren von «nachgeordnetem Interesse». Denn nur eine Minderzahl der jungen Leute, mit denen die Sozialhilfe zu tun habe, strebe einen Hochschulabschluss an. (sda)

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