Stöckli verliert die Fassung

Im Kanton Bern holt Werner Salzmann den SVP-Sitz zurück, während Regula Rytz scheitert und Hans Stöckli (SP) sich trotz Wiederwahl masslos ärgert.

Musste bangen: Hans Stöckli mit Mirjam Veglio, Co-Präsidentin der SP Kanton Bern, vor der Bekanntgabe des Wahlresultats im Berner Rathaus. Foto: Adrian Moser

Musste bangen: Hans Stöckli mit Mirjam Veglio, Co-Präsidentin der SP Kanton Bern, vor der Bekanntgabe des Wahlresultats im Berner Rathaus. Foto: Adrian Moser

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Um 14.45 Uhr bricht Jubel aus im Berner Rathaus. Zuerst in der SP-Ecke, ­dann bei der SVP. Mit ernstem Blick schauen die Grünen, als Staatsschreiber Christoph Auer die Resultate vermeldet. «Gewählt ist mit 157'750 Stimmen Hans Stöckli. Gewählt ist mit 154'586 Stimmen Werner Salzmann. Stimmen haben erhalten: Regula Rytz 141'337, Christa Markwalder 115'163.» Eine Enttäuschung für Grünen-Präsidentin Rytz, der nach dem ersten Wahlgang Chancen eingeräumt wurden. Sie sagte gestern jedoch: «Es gibt mehrere Optionen.» Möglich, dass sie als Bundesratskandidatin antritt, sofern die Grünen sich für eine Kandidatur entscheiden (lesen Sie hier mehr über die möglichen Anwärter auf einen grünen Bundesratssitz).

Der 20. Oktober war ein Tag der Sensationen gewesen. Grün hatte gewaltig zugelegt, der Frauenanteil ist deutlich gestiegen. In manchen Kantonen gab es ein politisches Erdbeben, auch in Bern schien das möglich. Eine links-grüne Vertretung im Ständerat mit Stöckli und Rytz, in einem Kanton, in dem die Bürgerlichen das absolute Mehr haben. Rytz lag im ersten Wahlgang dicht hinter dem erstplatzierten Stöckli und vor SVP-­Konkurrent Salzmann.

«Ein Skandal!»

Die zweiten Wahlgänge brachten mancherorts wieder Normalität, auch in Bern. Die SVP bekommt ihren Sitz im Ständerat zurück, den sie elf Jahre lang der BDP überlassen musste, seit Werner Luginbühl damals nach der Abspaltung die Partei gewechselt hatte. Hans Stöckli, der seit 15 Jahren im eidgenössischen Parlament politisiert, davon seit 8 Jahren im Ständerat, behält seinen Sitz.

Wie unsicher die Ausgangslage gewesen war und wie sehr Stöckli um seine Wiederwahl gebangt hatte, zeigte sich im Moment der Entspannung. Da kam es zum Eklat, der die Freude und Eintracht für einige Minuten störte.

Stöckli machte zweimal das beste Resultat. Und nun diese faktische Aufforderung zum Verzicht.

Ob er denn nicht zugunsten von Regula Rytz hätte verzichten müssen, wurde Hans Stöckli während eines Interviews gefragt. Er habe die Frauenwahl ja nun faktisch ausgebremst. Da verlor der ansonsten freundliche Stöckli die Fassung. Über 16'000 Stimmen mehr hatte er bekommen als Regula Rytz, und muss sich sagen lassen, er hätte zugunsten seiner Konkurrentin verzichten sollen? «Das erklären Sie mir jetzt», herrschte er den Journalisten an. Nein, jetzt höre der Spass auf, die Frage sei «ein Skandal», rief Stöckli und war kaum mehr zu beruhigen.

Seine Kinder pflichteten ihm bei. Eine Frechheit, daneben, diskriminierend. Wie oft habe sich ihr Vater anhören müssen, dass er ein alter, weisser Mann sei, sagt seine Tochter. Auch medial habe ihm das Nachteile gebracht. Doch die öffentliche und die veröffentlichte Meinung seien zum Glück nicht dasselbe. Wie verrückt habe man gekämpft, mit Erfolg. Stöckli machte zweimal das beste Resultat. Und nun diese Aufforderung zum Verzicht. Der Sohn schüttelt den Kopf.

Das Thema prägte den Wahlkampf. Nicht nur die Euphorie der Bewegung und die Erneuerung, sondern auch die Kehrseite. Männer, die auf der Liste nach hinten rückten, und der öffentliche Diskurs, in dem sich männliche Kandidaten dafür rechtfertigen mussten, einer weiblichen Konkurrentin potenziell den Sitz wegzunehmen. Stöckli musste das in Interviews immer wieder. Bis er irgendwann entnervt sagte: «Ich kann ja nicht als Frau kandidieren.»

Not schweisst zusammen

Ein weiteres Merkmal dieser Wahlen: In der Not rücken die Parteien zusammen. SP und Grüne entschieden sich, gemeinsam in den zweiten Wahlgang zu gehen, und sahen über die Differenz hinweg, die normalerweise für offenen Streit gesorgt hätte: Rytz und Stöckli hatten vereinbart, dass der Schlechterplatzierte aufgibt und Links-Grün mit einem einzigen Kandidaten in die zweite Runde geht. Die Grünen brachen den Pakt. Zu gut hatten die Partei und ihre Präsidentin abgeschnitten, und eine links-grüne Sensation schien zum Greifen nah. Die SP wäre schlecht dagestanden, wenn sie diese Vision durchkreuzt hätte.

Für Hans Stöckli hatte dies den Preis, dass er die letzten vier Wochen sehr angespannt war. Was seinen Ratskollegen Werner Hösli (SVP) und Filippo Lombardi (CVP) geschehen war, drohte auch ihm. Am Wahlsonntag konnte man es ja sagen. Das Verhalten der Grünen sei bei den Sozialdemokraten nicht gut ­angekommen, sagte SP-Co-Präsidentin Mirjam Veglio gegenüber den Medien. Es sei abgemacht gewesen, dass Rytz sich zurückziehen sollte. Stöckli hingegen betonte, dass Rytz ihm Stimmen der Frauen und Grünen gebracht habe (wegen der Mobilisierung zusätzlicher Wähler, die ihn mitgewählt haben), und verschwieg kollegial, dass Rytz ihm vor allem Stimmen weggenommen und schlaflose Nächte bereitet hat. Schliesslich war man wochenlang gemeinsam im Morgengrauen an SBB-Perrons herumgestanden, um Wähler anzusprechen. Das verbindet.

In der Not verbunden war auch das bürgerliche Duo Salzmann und Markwalder. SVP und FDP, die politisch weit auseinanderliegen, sich mit Apfel-Wurm-Sujets schlecht machen, kämpften Seite an Seite.

Ein lachender Albert Rösti

Zwar wurde die Harmonie kurz gestört, als Adrian Amstutz zum Boykott der FDP-Kandidatin aufrief. Das sorgte in beiden Parteien für Unmut, selbst Vertreter von Wirtschaftsverbänden hätten zum Hörer gegriffen, heisst es. Salzmann selber sagte, er sei über Amstutz’ Äusserung nicht glücklich, und dieser korrigierte sich. Ab dann herrschte Eintracht. Und so machte Markwalder beim zweiten Mal ein besseres Resultat.

Ungewöhnliche Wahlhilfe gab es auch bei Hans Stöckli. Dieser hat seinen Ruf als eingemitteten Linken hervorgestrichen – was in einem Facebook-Eintrag von SVP-Bundesrat Ueli Maurer gipfelte, der Stöckli rhetorisch geschickt zur Wahl empfahl (wörtlich: zur Ständeratspräsidenten-Wahl) (lesen Sie hier mehr darüber). Apropos Maurer: Die SVP hatte gestern erstmals seit längerem wieder Grund zum Lachen. Nach einem Sitzverlust im Ständerat machte sie am Sonntag zwei Sitze vorwärts, im Tessin und in Bern. Und so sah man am Nachmittag einen gut gelaunten Albert Rösti im Berner Rathaus.

Erstellt: 17.11.2019, 22:52 Uhr

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