Hintergrund

Strafverfahren bedroht Sikh-Gemeinde

Seit sechs Jahren ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Ranjit Masuta – ohne Ergebnis. Die gesperrten Konten des Selfmade-Millionärs setzen den Sikhs zu.

Seit sechs Jahren wartet der bekannteste Sikh des Landes auf eine Anklage: Die Gemeinde in der Schweiz.

Seit sechs Jahren wartet der bekannteste Sikh des Landes auf eine Anklage: Die Gemeinde in der Schweiz. Bild: Keystone

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Ranjit Masuta hat das Vertrauen verloren. Nicht in die Schweiz als Land, aber in Institutionen wie die Bundesanwaltschaft. «Mir kommt es vor, als würden die Behörden mit Kanonen auf Spatzen schiessen», sagt der Schweizer mit indischer Abstammung. Seit sechs Jahren wartet der bekannteste Sikh des Landes auf eine Anklage. Der Vorwurf der Bundesanwaltschaft: Betrug und Geldwäscherei. Masuta, der bis 2006 eine Tellerwäscherkarriere hinlegte und im Telekommunikationsgeschäft Millionen verdiente, habe auf seinen Telefonkarten mehr Gesprächsminuten versprochen, als er effektiv verkauft habe.

Der Beschuldigte bestreitet dies. Grosse Unternehmen wie die Swisscom hätten ähnlich geschäftet. Nie habe sich ein Kunde bei ihm beschwert. «Wenn die Anklage endlich käme, könnte ich beweisen, dass ich unschuldig bin», sagt Masuta und bläst zum Gegenangriff. Er fordert vom Staat 130 Millionen Franken Schadenersatz. «Mein Ruf und mein Unternehmen sind ruiniert.» Die hohe Summe begründet er damit, dass ihm vor sechs Jahren ein Geschäftsmann weit über 100 Millionen für seine Firma geboten habe. Doch wegen seiner achtmonatigen Untersuchungshaft musste er Konkurs anmelden. Masuta sagt, er habe Dokumente, die diesen hohen Kaufpreis belegen würden. Was er in jahrelanger Arbeit aufgebaut habe, habe die Bundesanwaltschaft in kurzer Zeit vernichtet.

Blockierte Konten

Bedroht fühlt sich mittlerweile auch die knapp 1000 Personen umfassende Sikh-Gemeinschaft in der Schweiz. Sie hat sich diese Woche in einem besorgten Brief an Justizministerin Simonetta Sommaruga gewandt. «Es geht um unsere Existenz», sagt Karan Singh, Präsident der Sikh-Gemeinde. Die Sikhs brauchen Geld, weil sie die Hypothek für ihren Tempel in Langenthal noch nicht abbezahlt haben. Masuta ist der wichtigste Sponsor. Wegen des hängigen Verfahrens bei der Bundesanwaltschaft sind seine Konten jedoch blockiert. Er und seine Familie zahlten bereits mehrere Millionen, als 2006 der gemäss Singh «schönste und traditionellste Sikh-Tempel Europas» entstand, der viele Gläubige aus nah und fern anlockt.

So verwundert es nicht, dass der Fall mittlerweile bis nach Indien Wellen geschlagen hat. Die Onlineausgabe der «Times of India» berichtete diese Woche über Masuta und dessen «Fight for Justice in Switzerland». Die Schweiz gerate in Misskredit, wenn nicht demnächst etwas passiere, sagt Singh.

Komplexes Verfahren

Ob sich diese Hoffnungen erfüllen, steht in den Sternen. Bei der Bundesanwaltschaft (BA) weiss man auch nach sechs Jahren Ermittlungen nicht genau, wann das Verfahren zu einem Ende kommen soll. Immerhin sagt BA-Sprecherin Jeannette Balmer: «Wir ziehen in Betracht, es bis Ende 2011 abzuschliessen.» Das Verfahren habe sich als äusserst komplex erwiesen. Wegen der internationalen Verflechtung habe man eine enorme Menge an ungeordneten Akten und Daten auswerten müssen.

Diese Begründung macht Kritiker der Bundesanwaltschaft wie Hells-Angels-Anwalt Valentin Landmann hellhörig. Sie sehen sich in ihrer Meinung bestätigt, die Bundesanwaltschaft verliere sich in einem selbst fabrizierten Datendschungel, statt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – mit entsprechenden Folgen für den Beschuldigten. Schon bei den Fällen Holenweger oder Hells Angels wurde der Behörde vorgeworfen, sie sorge für Aufsehen mit einem spektakulären Anfangsverdacht, der sich dann nur schwer beweisen lasse.

Sikhs sind gut integriert

Die Bundesanwaltschaft kann mit solcher Kritik wenig anfangen. Sie hält im Fall von Masuta fest, dass es beim Vorwurf des Betrugs nicht allein um die Manipulation von Telefonkarten gehe, sondern auch um «mögliche Betrugsvorgänge innerhalb des internationalen Firmengeflechts». Die BA räumt aber ein, dass sich die schweren Anschuldigungen der ersten Hauptbelastungszeugin, einer ehemaligen Mitarbeiterin Masutas, als weitgehend nichtig herausstellten. Andere Verdachtsmomente hätten sich indes erhärtet.

«Meine Familie hat ein mentales Trauma hinter sich», sagt Masuta. Unterstützung erhofft er sich nicht nur von Justizministerin Sommaruga, sondern auch von anderer politischer Seite. So sagte der Berner FDP-Regierungsrat und ehemalige Stadtpräsident von Langenthal, Hans-Jürg Käser, gegenüber der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens, er könne es sich nur schwer vorstellen, dass Masuta ein Krimineller sei. Der Geschäftsmann sei in die Mühle der BA geraten. «Die Bundesanwaltschaft müsste jetzt entscheiden, ob sie Anklage erheben will oder nicht.»

Auch in Langenthal selbst geniesst die Sikh-Gemeinschaft und ihr bekanntestes Mitglied Masuta einen guten Ruf. Selbst in SVP-Kreisen heisst es, die Gemeinschaft sei gut integriert.

Erstellt: 26.02.2011, 07:42 Uhr

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