Streicht die Unternehmenssteuer!

Die Kantone sollten aufhören, einander Unternehmen abzujagen. Das Ausland ist heute die grösste Konkurrenz.

Wollerau im Kanton Schwyz: Die Gemeinde mit dem günstigen Steuerfuss.

Wollerau im Kanton Schwyz: Die Gemeinde mit dem günstigen Steuerfuss. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Steuerwettbewerb ist in der Schweiz so etwas wie ein Glaubensbekenntnis: Wer sich nicht dazu bekennt, gilt als dubioser Mensch. Dem landläufigen Credo zufolge hat der Steuerwettbewerb nur Gutes: Er verhindert, dass der Staat seine Bürger übermässig zur Kasse bittet, er lockt tüchtige Unternehmen und Privatpersonen ins Land und sorgt dafür, dass die Behörden sorgfältig mit unseren Steuerfranken umgehen.

Zug und Schwyz machens vor

Die Kantone Zug und Schwyz sind die real existierenden Beweise dieser These. Nach dem Krieg waren sie Armenhäuser und Steuerhöllen. Dann haben sie die Steuern gesenkt. Heute sind sie Wohlstandsinseln und Steuerparadiese. Aber selbst im Paradies breitet sich jetzt Unruhe aus (TA vom 21. Juli). Der Zuger Finanzdirektor Peter Hegglin ärgert sich darüber, dass Kantone wie Luzern und Glarus Unternehmen mit noch tieferen Steuern abspenstig machen wollen. Und der Schwyzer CVP-Nationalrat Reto Wehrli befürchtet gar, dass «wir beim Steuerwettbewerb langsam den Zenit überschritten haben». Was läuft da schief?

Der Fiskus zeigt sich sehr kreativ, wenn es um die Ausgestaltung von Steuern und Abgaben geht. Es gibt eine Benzin-, eine Tabak- und eine Alkoholsteuer, aber auch Kehrichtsackgebühren und Autobahnvignetten. Volkswirtschaftlich entscheidend jedoch ist einzig der Unterschied zwischen Einkommens- und Konsumsteuern. Die Schweiz ist nach wie vor ein klassisches Einkommenssteuerland. Wettbewerb gibt es nur in dieser Steuerdisziplin. Eine Konsumsteuer, die diesen Namen auch verdient, haben wir erst seit Mitte der Neunzigerjahre. Sie heisst Mehrwertsteuer, ist eine nationale Steuer und im internationalen Vergleich sehr tief. Der Steuersatz liegt im Normalfall bei 7,6 Prozent – gerade mal die Hälfte des EU-Minimums von 15 Prozent.

Unter den Bedingungen der Nachkriegszeit war es sinnvoll, das Einkommen zu besteuern. Die Wirtschaft war damals nur wenig globalisiert, und sie wurde angetrieben von einer boomenden Binnennachfrage: Das erste Auto, die erste Waschmaschine, der erste TV-Apparat musste angeschafft werden, Strassen, Schulen und Kraftwerke galt es zu errichten. Gleichzeitig stand ein wachsendes Heer von Arbeitnehmern zur Verfügung: Die Generation der Babyboomer trat in die Arbeitswelt erst ein. Internationaler Standortwettbewerb war damals noch ein Fremdwort, darum konnte man die gut verdienenden Unternehmen auch gefahrlos zur Kasse bitten. Die Arbeitnehmer ihrerseits bewegten sich von Lohnerhöhung zu Lohnerhöhung, die paar Lohnprozente zur Finanzierung der Sozialwerke taten ihnen kaum weh.

Internationaler Wettbewerb

Heute leben wir in einer radikal veränderten Welt. Die Globalisierung des Handels hat dazu geführt, dass unsere Konsumgüter viel günstiger geworden sind. Lebensmittel, Kleider, Autos – alles ist im Vergleich zu früher billiger geworden. Gleichzeitig jedoch stagnieren die Löhne oder sind teilweise sogar rückläufig. Internationaler Standortwettbewerb bestimmt unseren Alltag am Arbeitsplatz. Mit weniger mehr leisten, lautet der Schlachtruf im Kampf um gut bezahlte Jobs. Macht es da Sinn, Unternehmen mit Steuern und Arbeitnehmer mit Lohnnebenkosten zu belasten? Oder ist das nicht ein selbst auferlegtes, eigentlich stupides Handicap? Unter Ökonomen herrscht in dieser Frage seltene Einigkeit. Ob neoliberal oder postkeynesianisch: Alle setzen auf die Konsumsteuer.

Überträgt man diese Einsicht auf die Schweiz, so kommt man zum Schluss: Schaffen wir die Unternehmenssteuer ab! Damit befreien wir die unter hohen Löhnen ächzenden Unternehmen von einer zusätzlichen Belastung und erhöhen ihre Chancen auf den internationalen Märkten. Im Gegenzug erhöhen wir die Mehrwertsteuer und regeln die Verteilung von Bund und Kantonen neu. Auf den Steuerwettbewerb müssen wir nicht verzichten. Nur geht es dann nicht mehr um Zug gegen Luzern, sondern um die Schweiz gegen den Rest der Welt.

Erstellt: 22.07.2010, 21:43 Uhr

Artikel zum Thema

Selbst Bürgerliche warnen vor überhitztem Steuerwettbewerb

Entgegen dem weltweiten Trend sinken bei uns die Steuern für Firmen weiter. Die Kantone graben sich dabei das Wasser ab. Mehr...

Steuerwettbewerb führt zu Verlusten, nicht zu höheren Einnahmen

Wenn Kantone die Steuern senken, ziehen sie reiche Einwohner an und nehmen mehr Geld ein. Dieses Standardargument für den Steuerwettbewerb erweist sich laut einer neuen Studie als Irrtum. Mehr...

Im Steuerwettbewerb sind sechs Kantone europäische Spitze

Die Schweiz behauptet sich laut einer weltweiten Studie als steuerlich hochattraktiver Unternehmensstandort. Nur Hongkong schlägt die steuergünstigen Kantone, die in Europa führend sind. Mehr...

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...