Streit um das richtige Wachstum

Die Ecopop-Initianten glauben, dass eine gemässigte Zuwanderung die Wirtschaftskraft pro Kopf sowie die Lebensqualität verbessern würde. Laut Economiesuisse hat die Immigration hingegen eine Rezession verhindert.

Immobilienboom als Wachstumsstütze: Eine Schweizer Fahne weht an einem Baukran.

Immobilienboom als Wachstumsstütze: Eine Schweizer Fahne weht an einem Baukran. Bild: Urs Flüeler /Keystone

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Das Bruttoinlandprodukt, kurz BIP: Diese drei Buchstaben sind gewissermassen der Heilige Gral der Ökonomie. Wächst das BIP, werten dies die meisten Wirtschaftsexperten und Politiker als Erfolg. Stagniert es, trübt sich ihre Laune ein, sinkt es, blinkt die Warnlampe «Rezession».

Betrachtet man die Entwicklung des BIP in der Schweiz, so könnte man von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Lag es im Jahr 2000 bei 502 Milliarden Franken*, waren es letztes Jahr rund 640 Milliarden Franken. Das ist ein Plus von 27 Prozent. Doch diese Zahlen seien irreführend, sagen die Ecopop-Initianten. Es sei wenig verwunderlich, wenn bei einer stark wachsenden Bevölkerung die Wirtschaftsleistung und damit das BIP steige. Aussagekräftiger seien Zahlen mit Bezug auf die Bevölkerungszahlen, also das BIP pro Kopf. Hier präsentiert sich die Rechnung anders. Zwar ist das BIP pro Kopf zwischen 2000 und 2013 ebenfalls gewachsen, allerdings nur um 14,5 Prozent. Zudem erfolgte der Hauptteil dieses Wachstums – gut 12 Prozent – vor 2007, also vor Einführung der vollen Personenfreizügigkeit. Zwischen 2000 und 2007 betrug die Wachstumsrate 1,67 Prozent. Nach Einführung der vollen Personenfreizügigkeit, also ab zweiter Jahreshälfte 2007, bis 2013 waren es jedoch nur noch 0,33 Prozent.

Einwanderung stützt Wachstum

Benno Büeler vom Ecopop-Initiativkomitee spricht angesichts dieser Zahlen von einer faktisch stagnierenden Wirtschaftsleistung pro Kopf – trotz rekordhoher jährlicher Nettozuwanderung von rund 80 000 Personen in den letzten Jahren. «Gleichzeitig haben sich jedoch die Lebensbedingungen in der Schweiz verschlechtert, weil die stark wachsende Bevölkerung die Umwelt übermässig belastet», sagt er und nennt als Beispiel die fortschreitende Zersiedlung und wachsende Mobilität. Die Grenzen des Wachstums könnten auch die glühendsten Wachstumsdogmatiker auf die Länge nicht aushebeln, so Büeler.

Den Effekt der Zuwanderung auf die Wirtschaftsleistung pro Kopf genau zu messen, ist jedoch schwierig, weil die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft von diversen anderen Faktoren abhängt. «Bis 2007 herrschte ein globaler Konjunkturaufschwung, während die letzten Jahre durch die globale Finanzkrise sowie die europäische Schuldenkrise geprägt waren. Entsprechend hat sich das Pro-Kopf-Wachstum in den «­letzten Jahren nicht nur in der Schweiz, sondern in vielen Ländern deutlich ­abgeschwächt», sagt Antje Baertschi, Leiterin Kommunikation beim Staats­sekretariat für Wirtschaft (Seco). ­Dabei schneide die Schweiz im Ländervergleich beim BIP-Wachstum pro Kopf sogar für die bescheidenen letzten Jahre noch relativ gut ab. «Diverse Länder ­verzeichnen für die letzten Jahre ein rückläufiges BIP pro Kopf. Mit anderen Worten, die Schweizer Wirtschaft hat sich in den schwierigen letzten Jahren auch bei einer Pro-Kopf-Betrachtung ­relativ gut gehalten», so das Seco.

Schützenhilfe gibt es vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Rudolf Minsch, Mitglied der Geschäftsleitung, unterstreicht das bereits hohe wirtschaftliche Niveau in der Schweiz. Entsprechend fielen die Wachstumsraten nicht so hoch aus. Dennoch habe das BIP pro Kopf, in Euros umgerechnet, stärker zugenommen seit 2002 als beispielsweise in Deutschland. Die Schweiz sei im Vergleich seit 2002 also reicher geworden. «Die Firmen haben viele Stellen für Schweizer und Ausländer geschaffen», sagt Minsch. Nur dank ihres attraktiven Standortes habe die Schweiz im internationalen Vergleich eine sehr tiefe Arbeitslosenquote. Dem entgegnet Benno Büeler, dass es zwischen 2000 und 2007 auch Krisen gab, etwa die geplatzte Spekulationsblase und den Krieg im Irak. Gleichwohl sei das BIP pro Kopf bei ­einer damals weniger starken Zuwanderung üppiger gewachsen.

Für den Ökonomen Reiner Eichenberger ist die Erkenntnis entscheidend, dass die Zuwanderung ein Selbstläufer sei: «Wir brauchen in erster Linie deshalb immer mehr ausländische Arbeitskräfte, weil die Bevölkerung und die Wirtschaft durch die Zuwanderung aufgebläht werden», sagt er und verweist auf die grosse internationale Literatur dazu. Sie finde weder relevante positive noch negative Wirkungen der Zuwanderung auf das BIP pro Kopf. Zudem betont Eichenberger, dass die wirklich wichtigen Auswirkungen der Zuwanderung in der Verknappung von Boden, Infrastruktur, Umwelt und Energie lägen. Dadurch habe sie bedeutende negative Effekte auf die Wohlfahrt.

Deshalb hofft Benno Büeler auf eine Annahme der Ecopop-Initiative: «Eine Mässigung der Zuwanderung würde nicht nur die Wirtschaftskraft pro Kopf wieder erhöhen, sondern auch die ­Lebensqualität verbessern.»

Nicht mehr Lebensqualität

Zwar teilt der SP-Ökonom Rudolf Strahm die Meinung, dass die Immigration vor allem ein «blosses Wachstum in die Breite» gebracht habe. Insbesondere in den «monacoisierten Gebieten mit massivem Wohnkostenwachstum» habe die Bevölkerung per saldo gar weniger verfügbares Einkommen gegenüber 2007. Dennoch glaubt Strahm nicht, dass die Ecopop-Initiative zu einer Verlagerung zum qualitativen Wirtschaftswachstum führen würde: «Es braucht dazu griffigere Massnahmen als eine demografische Regulierung.» So müsste man bei der Energie- und Verkehrspolitik, der Raumplanung, aber auch bei der Produktlebensdauer ansetzen. Dass die ­Industrie teils mit günstigeren, aber gleichzeitig qualitativ schlechteren Geräten die Wirtschaft am Laufen hält, ist aber Teil einer anderen Wachstumskritik (siehe Artikel unten).

* Sämtliche Zahlen inflationsbereinigt.

Erstellt: 16.11.2014, 23:11 Uhr

BIP-Wachstum in der Schweiz: Zum Vergrössern auf die Grafik klicken.

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