Streit zwischen Bund und Radgenossenschaft beigelegt

Der Bund gibt seine Rücktrittsforderungen an den obersten Jenischen auf. Die Dachorganisation Radgenossenschaft erhält wieder Geld.

Für das laufende Jahr vom Bund unterstützt: Fahrende in Bern.

Für das laufende Jahr vom Bund unterstützt: Fahrende in Bern. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Es war ein ungewöhnliches Vorgehen: Im vergangenen September entzog das Bundesamt für Kultur (BAK) der Dachorganisation der Schweizer Fahrenden das Vertrauen. In einem Brief an die Radgenossenschaft forderte BAK-Chefin Isabelle Chassot einen kollektiven Rücktritt der gesamten Führungsriege der Radgenossenschaft. Nur so sei das BAK bereit, die Radgenossenschaft künftig finanziell abzusichern. Bisher erhielt die Dachorganisation vom Bund 260'000 Franken pro Jahr. Auslöser des für Bundesverhältnisse aussergewöhnlich harschen Schreibens waren mysteriöse Geldprobleme der Radgenossenschaft gewesen. In der Kasse der Organisation fehlten letztes Jahr trotz Bundesgeldern 120'000 Franken. Wie es dazu kommen konnte, war unklar. Ein Revisorenbericht stellte fest, dass unter anderem Lohnerhöhungen und Vorschüsse aus der Kasse getätigt wurden, obwohl dafür kein Geld vorhanden war.

Nun hat das BAK entschieden. «Wir unterstützen die Radgenossenschaft für ihre Tätigkeiten im laufenden Jahr», sagt Fiona Wigger vom BAK. Der Betrag wurde im Vergleich zum Vorjahr um 30'000 Franken auf 235'000 Franken gekürzt. Für die Radgenossenschaft ist dieser Entscheid dennoch ein Erfolg: Sie erfüllt nämlich eine der Hauptforderungen des BAK nach wie vor nicht. Präsident Daniel Huber ist weiterhin im Amt und wurde Ende März an der Generalversammlung der Organisation einstimmig wiedergewählt. Er habe sich nichts vorzuwerfen und sehe deshalb keinen Grund, sein Amt aufzugeben, sagt Huber auf Anfrage.

Ungewisse Zukunft der Fahrenden

Das sieht nun offenbar auch das BAK so. Ein Revisorenbericht habe keine Hinweise auf deliktische Handlungen hervorgebracht, sagt Wigger. Zudem habe die Radgenossenschaft ihre Finanzen wieder im Griff. Sie verfüge mittlerweile wieder über eine professionelle Geschäftsführung, beteilige sich an der Arbeitsgruppe zur Zukunft der Fahrenden und halte sich an die Empfehlungen der Buchprüfer. Weiter habe die Radgenossenschaft auf die Forderung des BAK reagiert und den Verwaltungsrat fast gänzlich erneuert. Neu seien eine Frau, die Sinti und die Westschweiz vertreten. «Heute ist die Radgenossenschaft wieder zukunftsfähiger aufgestellt als noch vor einem Jahr», sagt Wigger. Zur hängigen Strafanzeige gegen Huber wollte sich Wigger nicht äussern. Die ehemalige Geschäftsführerin der Radgenossenschaft hat Huber vor wenigen Monaten wegen mehrfacher ungetreuer Geschäftsführung, wegen mehrfacher Verleumdung und Urkundenfälschung angezeigt. Dieser bestreitet die Vorwürfe.

Wie es für die Radgenossenschaft ab 2016 weitergeht, ist offen. Neben der Radgenossenschaft melden weitere Organisationen, darunter vor allem die «Bewegung der Schweizer Reisenden», beim Bund Bedürfnisse an. Zurzeit tagen zwei Arbeitsgruppen mit Vertretern von Behörden und Fahrenden zur Zukunft der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz. Unter anderem geht es um die fehlenden Stand- und Durchgangsplätze für die rund 3000 noch tatsächlich Fahrenden in der Schweiz, aber eben auch darum, wie die Bundesgelder in Zukunft verteilt werden sollen.


(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2015, 17:53 Uhr

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