Studie zeigt: Gemeindefusionen haben kaum Spareffekt

Die Kostensenkung gilt oft als Hauptargument für einen Zusammenschluss. Eine neue Untersuchung verpasst dieser Idee einen Dämpfer.


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In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Trend der Gemeindefusionen in der Schweiz beschleunigt: 237 gab es allein zwischen 2001 und 2014. Das Hauptargument dafür waren fast immer finanzielle Einsparungen. In Tat und Wahrheit können Gemeinden ihre Ausgaben nach Zusammenschlüssen aber nicht signifikant senken. Dies zeigt eine neue Studie der Universität St. Gallen, die der «Rundschau» bereits am Mittwoch vorlag.

Für die Studie wurden 142 der besagten 237 Fusionen in zehn Kantonen analysiert. Jede untersuchte Gemeinde wurde mit einer «Doppelgängergemeinde» verglichen, die vor der Fusion (finanziell und sozioökonomisch gesehen) so identisch wie möglich war, selbst aber nicht fusionierte. Auf diese Weise ist sichtbar, wie sich die Finanzen entwickelt hätten, wäre die Gemeinde unabhängig geblieben.

Die Verfasser der Studie kommen zum Schluss: Zwischen fusionierten und eigenständig gebliebenen Gemeinden gibt es punkto Ausgaben keinen signifikanten Unterschied. Der gewünschte Spareffekt durch Zusammenschlüsse bleibt in der Regel aus.

Die Gesamtausgaben pro Kopf stiegen in den untersuchten Gemeinden nach dem Fusionsentscheid sogar kurzfristig an, weil Vorbereitungen auf den Zusammenschluss Kosten verursachten. Ab dem Zeitpunkt der Fusion entwickelten sich die Ausgaben von fusionierten und nicht fusionierten Gemeinden fast identisch.

Erst nach etwa sieben Jahren senken sich die ursprünglich höheren Gesamtausgaben der Fusionsgemeinden auf das Niveau derjenigen der «Doppelgängergemeinden». Dies ist auf unterschiedliche Gründe zurückzuführen. «Je mehr Jahre vergehen, desto schwieriger ist es, die Kostenentwicklung auf die Fusion zurückzuführen», erklärt Christoph Schaltegger, der die Studie betreut hat, auf Nachfrage. Denn Faktoren wie die grundsätzliche Wirtschaftslage oder die Zuwanderung würden ebenfalls eine Rolle spielen.

Im Einzelfall können Spareffekte nicht ausgeschlossen werden. Insgesamt betrachtet, sparen fusionierte Gemeinden laut der Untersuchung aber nicht mehr Kosten ein als solche, die unabhängig bleiben.

«Der Ausgabenappetit steigt, wenn das Budget auf einmal grösser wird.»Christoph Schaltegger, Betreuer der Studie

Hauptgrund für den ausbleibenden Spareffekt ist laut der Studie, dass viele Gemeinden – gerade die kleineren – ihr Sparpotenzial schon vor der Fusion durch interkommunale Zusammenarbeit ausschöpfen. «Zudem steigt der Ausgabenappetit, wenn das Budget auf einmal grösser wird. Die Gemeinden wollen neue Projekte lancieren und sich professionalisieren», so Schaltegger.

Obwohl der erhoffte finanzielle Nutzen von Fusionen bis heute nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist, fördern die Kantone Gemeindefusionen seit Jahren – einige besonders. In Freiburg beispielsweise kam es zwischen 2001 und 2014 zu 43 Fusionen. Im Tessin, in Bern, Graubünden und der Waadt schlossen sich ebenfalls viele Gemeinden zusammen.

Am grössten war das sogenannte Gemeindesterben im untersuchten Zeitraum jedoch im Kanton Glarus. Durch zwei kleinere und drei grosse Fusionen verschwanden dort 90 Prozent (26 von 29) der ursprünglichen Gemeinden. Auch im Tessin und in Neuenburg verkleinerte sich die Zahl der Kommunen markant.

«Fusionen sollten nicht primär aus finanziellen Gründen gefördert werden.»Fazit der Studie

Viele Kantone unterstützen Fusionen finanziell, um den Gemeinden Anreize dafür zu liefern. Die Subventionen könnten aber auch dazu genutzt werden, die Zustimmung der Bevölkerung zu Fusionsprojekten sicherzustellen, schreiben die Studienautoren.

Sie kommen zum Schluss, dass Zusammenschlüsse nicht primär aus finanziellen Gründen gefördert werden sollten. Bei den Administrationsausgaben bestehe zwar Sparpotenzial, über alle Ausgaben hinweg gesehen sei jedoch kaum Einsparungspotenzial vorhanden. Zudem gebe es keine Beweise dafür, dass sich die Qualität der öffentlichen Dienste dadurch verbessere.

Erstellt: 15.12.2016, 18:18 Uhr

Die Studie

Die Studie wurde von Janine Studerus, Doktorandin an der Universität St.Gallen, verfasst und von Christoph Schaltegger, Professor für politische Ökonomie an der Universität Luzern sowie Privatdozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen, betreut.

Sie untersucht durch einen Vergleich mit «Doppelgängergemeinden», wie sich die Finanzen von fusionierten Gemeinden entwickelt hätten, wenn sie eigenständig geblieben wären – eine Forschungsmethode, die in der Schweiz zum ersten Mal angewendet wurde. Bisher wurde einfach gemessen, welche finanziellen Folgen ein Zusammenschluss von Gemeinden hatte, aber nicht, ob sich dieser auch wirklich auszahlte.

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