Stürmer im Abstimmungskampf

ZSC-Spieler Morris Trachsler tritt als einziger Sportler offen gegen die Durchsetzungsinitiative an. Dies, obwohl die Chefs seines Clubs gewichtige SVP-Exponenten sind.

Engagierter Eishockeyprofi: Morris Trachsler sagt, die Durchsetzungsinitiative greife elementare Dinge an. Foto: Urs Jaudas

Engagierter Eishockeyprofi: Morris Trachsler sagt, die Durchsetzungsinitiative greife elementare Dinge an. Foto: Urs Jaudas

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Wenn Sportler über politische Fragen sprechen sollen, werden sie kleinlaut. «Privatsache», heisst es dann meist. Ein verbaler Misstritt ist schnell begangen, ein Fan oder ein Sponsor schnell ver­ärgert. Da bewegt man sich thematisch lieber auf dem sicheren Terrain von ­Toren, Punkten und Trophäen.

Umso beachtenswerter ist das Engagement von Morris Trachsler. Der Eishockeyspieler der ZSC Lions tritt offen gegen die Durchsetzungsinitiative an. Als einziger Sportler befindet er sich unter den Erstunterzeichnenden des «Dringenden Aufrufs», eines Nein-Komitees, dem sich rund 200 Prominente angeschlossen haben.

«Ich finde es normalerweise auch besser, wenn sich Sportler ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren», sagt der Hombrechtiker. «Aber diese Initiative geht mir zu weit. Sie greift elementare Dinge unserer Gesellschaft an: die Menschenrechte, den Rechtsstaat mit der Gewaltentrennung. Das gilt es zu schützen. Es war wichtig, dass sich eine Gegenbewegung aus der Zivilbevölkerung heraus bildete. Auch ich konnte mich dem Thema nicht einfach so entziehen.»

«Frey kann damit umgehen»

Ein Freund aus Gymnasiumzeiten hatte Trachsler angefragt, ob er dem «Dringenden Aufruf» beitreten würde. «Mir war wichtig, dass es eine unabhängige Aktion ist, die nicht an eine bestimmte ­Partei geknüpft ist», sagt er. «Wer die Liste durchgeht, entdeckt viele gemässigte Leute aus allen Branchen. Ich kann hundertprozentig dahinter­stehen.»

Brisant ist seine Beteiligung indes, weil die ZSC Lions auf Chefebene eng mit der SVP verbandelt sind: Präsident Walter Frey und Verwaltungsrat Peter Spuhler sind Schwergewichte der Partei und die wichtigsten Geldgeber des Clubs. Auch ­Simon Schenk, der Sportchef des NLB-Teams GCK Lions, war einst SVP-Nationalrat. Begibt sich da Trachsler mit seinem Vorstoss intern nicht aufs Glatteis? «Herr Frey kann damit umgehen, dass jemand anders denkt als er. Er ist schon so lange in der Politik», widerspricht der 31-Jährige. «Das ist auch das Gute an ­unserer Demokratie. Dass jeder seine Meinung äussern kann, ohne Repressalien befürchten zu müssen.»

Trachsler hat seine Vorgesetzten vorgängig über sein politisches Engagement informiert, was diese wertneutral zur Kenntnis genommen hätten. Er betont, dass er sich als Privatperson und nicht im Namen des Clubs äussert. «Ich bin ja kein Demagoge, der seine Mitspieler ­bekehren will», sagt er. «Ich respektiere jeden, der anders denkt und wählt. Und ich werde mich künftig auch nicht in jede Debatte einschalten.»

Volkswirtschaft neben dem Hockey

In der ZSC-Garderobe sei Politik ohnehin kaum je ein Thema. Den einen oder anderen Spruch musste er sich trotzdem anhören. Immerhin berichtete der «Blick» über ihn, kaum war sein Name unter den Nein-Stimmern aufgetaucht. «Ich war etwas überrascht über das Echo», sagt Trachsler. «Aber ich ­exponiere mich mit dieser Aktion. Also muss ich nun auch hinstehen.»

Vermutlich ist es für ihn aufgrund seiner Stellung einfacher, sich ­offen und selbstbewusst zu äussern, als für andere Sportler. Trachsler gehört zu den Führungskräften der Lions, ist langjähriger Nationalspieler, gewann 2013 mit der Schweiz WM-Silber. Unlängst verlängerte er seinen Vertrag beim ZSC bis 2017, vielleicht den letzten in seiner Profikarriere.

Er war schon immer einer, für den der Horizont über das Eisfeld hinausreichte. Einst stürmte er sieben Jahre in der Fremde bei Genf, studierte da ­nebenbei Volkswirtschaft, jetzt arbeitet er Teilzeit bei einer kleinen Pensionskassen­beratung: «Das brauche ich für den Ausgleich neben dem Sport.»

Der nächste Kampf steht an

Die jüngsten Prognosen bei der Durchsetzungsinitiative, die ein knappes Nein voraussagen, hat Trachsler positiv aufgenommen, «aber sie sind mit Vorsicht zu geniessen». Er wartet gespannt auf den Sonntag. Und ist dann auch froh, wenn dieser passé ist. Trachsler hat sich erst gerade von einem Bruch im Handgelenk erholt, nächste Woche starten die ZSC ­Lions als Favorit ins Playoff. Dann gibt es wieder Titel- statt Abstimmungskampf.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.02.2016, 23:51 Uhr

Zürcher Schauspielhaus

Politische Werbung verärgert SVP

«Die Durchsetzungsinitiative bricht mit einer der Schweizer Traditionen, auf die ich immer besonders stolz war: der Humanität.» Unter anderem mit diesem Satz des Schriftstellers Martin Suter hat das Zürcher Schauspielhaus auf seiner Website gegen die SVP-Volksinitiative geworben – zum Ärger der Stadtzürcher SVP. Nun wollen die Parlamentarier Stefan Urech und Roger Liebi in einem Vorstoss wissen, ob es der Stadtrat für zulässig hält, dass subventionierte Institutionen in einem Abstimmungskampf Position beziehen. Und ob er in der Aktion – wie die SVP – eine «Instrumentalisierung der Zuschauer» sieht.

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