Sturm Trump erreicht die Schweiz

Der US-Präsident fährt ans WEF nach Davos zu Leuten, wie sie seine Wähler hassen. Warum tut er das?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man stelle sich vor, der wäre immer hier. Welche Aufregung! Welche Hysterie! «Trump macht die Schweiz nervös», titelt die «Süddeutsche Zeitung» und berichtet von der «grossen Aufregung», die in unserem Land herrsche: «Die Nachrichten überschlagen sich geradezu.»

Tun sie tatsächlich. Die dürre Ankündigung aus dem Weissen Haus, dass Donald Trump in zwei Wochen nach Davos ans Weltwirtschaftsforum in Davos reist, hat die Schweiz elektrisiert.

Von Nafta bis Nato demonstriert Trump seine Geringschätzung für in­ternationale Bündnisse.

Was er hier machen wird? Denkt Donald Trump auch darüber nach, wie er an einer «gemeinsamen Zukunft in einer fragmentierten Welt» arbeiten kann? So wie es im Motto des WEF umständlich formuliert ist? Wohl kaum. «Ich werde Amerika immer an erste Stelle setzen – so, wie ich von jedem hier im Raum erwarte, dass er sein eigenes Land an erste Stelle setzt.» Dies sagte Trump vor acht Wochen am Apec-Gipfel in Vietnam, dem Treffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft. Es war eine «America First»-Rede auf einer Freihandelsbühne, und es gibt wenig Grund, am WEF diesen Monat weniger national-protektionistische Worte von Trump zu erwarten. Alle gemeinsam? Jeder für sich.

Rückzug von der Front

Trump misstraut internationalen Abkommen und Verflechtungen. Nicht aus Prinzip, sondern weil er überzeugt ist, Amerika werde übervorteilt, ausgenutzt. Seit seinem Amtsantritt ist er bemüht, die USA zu entglobalisieren. Das als Eindämmung Chinas gedachte pazifische Freihandelsabkommen TPP ist Geschichte, das transatlantische Projekt TTIP gestoppt. Die US-Beteiligung am Pariser Klimaabkommen steht infrage, die Mitgliedschaft bei der Unesco ebenso. Von Nafta bis Nato demonstriert Trump seine Geringschätzung für in­ternationale Bündnisse. Wenn sein Vorgänger Barack Obama versucht hat, aus dem Hintergrund heraus zu führen, so müsse Trumps Politik als ein «Rückzug von der Front» verstanden werden, schrieb der «New Yorker». Amerika soll nicht wieder gross, sondern klein und übersichtlich werden.

Video: Erhöhung des Bekanntheitsgrades

Ist Donald Trump ein Tourismus-Magnet? Sein Besuch soll den Tourismus in der Region ankurbeln. Video: SDA/Tamedia

Nun fährt der Präsident in die Schweizer Berge, zu Leuten, wie sie seine Wähler hassen – zu den Davos-Menschen. Der 2008 verstorbene US-Politologe Samuel Huntington, selber Teilnehmer am World Economic Forum und ein Kritiker der Veranstaltung, hat den Begriff des Davos-Man 2004 bekannt gemacht, konsequenterweise in der Zeitschrift «The National Interest». Er klagte über die «Denationalisierung» der Eliten: Der Davos-Man, und auf Englisch klingt das verwandt mit «Neanderthal Man», ist ein Wesen, das «nur wenig Nutzen in nationalen Loyalitäten erkennt und nationale Grenzen als Hindernisse sieht, welche aber erfreulicherweise am Verschwinden sind». Über nationale Regierungen spottet der Davos-Man, Patriotismus findet er antiquiert, wie Huntington säuerlich notierte. Er hatte in seinem berühmten Essay «Kampf der Kulturen» schon 1993 klargemacht, für wie wichtig er sauber gezogene Grenzen und Identitäten hielt.

Geheime Weltenlenker

Der Davos-Man ist seit 15 Jahren die Hassfigur rechter wie linker Globalisierungsgegner. Er ist supervermögend, aber engagiert sich nicht für die Gesellschaft, die ihm den Aufstieg ermöglicht hat. Er fliegt im Privatjet, trifft nur seinesgleichen; Huntington schreibt schon 2004 von der «soziokulturellen Bubble». Dass sie in einem verschneiten Schweizer Bergdorf zusammenkommt, hinter den sieben Bergen, bewacht von Soldaten im Winterkriegstenü, reizt die Kritiker besonders: Geheime Weltenlenker essen Hummer auf dem Zauberberg.

Der Davos-Man, ist ein Wesen, das nur wenig Nutzen in nationalen Loyalitäten erkennt und nationale Grenzen als Hindernisse sieht.

Als Donald Trump vor 14 Monaten zum Präsidenten der USA gewählt wurde, feierten Rechtsnationalisten das überall als Sieg des Volkes über abgehobene Eliten: «Roher Nationalismus bringt den Davos-Man zu Fall», freute sich der Brexit-patriotische «Daily Telegraph». In der «Times of India» befanden zwei Autoren, die «westlich geführte Globalisierung des Davos-Man» sei am Ende, nun brauche es neue (lies: indische) Vorkämpfer für eine ethisch bessere Weltwirtschaft. «Bedeutet Trumps Aufstieg das Ende des Einflusses des Davos-Man?», fragte besorgt auch die globalisierungsfreundliche «Financial Times».

Die Antwort fällt nicht eindeutig aus. Ja, Trump ist gegen freien Welthandel, schützt die US-Industrie und -Landwirtschaft, droht den Chinesen mit Strafzöllen. Zugleich bekämpft er in den USA genau die Regulierungen, die den global agierenden Financiers nach der Finanzkrise aufgezwungen wurden. Er versteht sich als «Business-Präsident» und Befreier der Entrepreneure. Seine Steuerreform, über die er in Davos sicher auch sprechen wird, entlastet besonders die vermögende und global agierende Elite. Trump mag die Heimat lieben, doch er hasst den dazugehörigen Staat so leidenschaftlich wie ein klassischer Davos-Man.

Mit diesem Widerspruch ist der US-Präsident nicht alleine. Auch in der Schweiz reden manche Politiker lieber von Heimatschutz und Identität als von den Milliarden, die sie auf globalen Märkten erwirtschaften. Vielleicht ist das WEF 2018 ja Gelegenheit für eine simple Einsicht: Der polternde Nationalist ist nicht zwingend das Gegenstück zum kalten Davos-Man, sondern manchmal ein und dieselbe Figur.

Alles Licht auf Trump

Aber ob Davos-Man, ob Anti-Davos-Man: Hauptsache Trump. Möglichst viel Trump. «Was das WEF noch an einem klitzekleinen Rest an politischem Programm gehabt haben mag – mit dem Besuch von Trump wird das alles zur Makulatur.» Das sagt Oliver Classen, der lange Jahre den Public Eye Award in Davos organisiert hat, die Gegenveranstaltung zum WEF. «Und ich bin mir auch nicht sicher, wie toll es die anderen 3000 Teilnehmer finden, wenn sie von Trump total in den Schatten gestellt werden.»

Umfrage

Was halten Sie vom Besuch des US-Präsidenten in Davos?






Für Klaus Schaab, den Gründer des WEF, ist der Besuch des Präsidenten ein Coup. Sein Forum, das in den vergangenen Jahren auswucherte und zu einer «kaum mehr fassbaren Monsterveranstaltung» (Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann) wurde, erhält mit Trump so viel Aufmerksamkeit wie seit Jahren nicht mehr. Man hat sich in der Schweiz gewöhnt an Davos, es ist zum Ritual geworden, langweilig fast. Eine Veranstaltung auf dem Weg Richtung Bedeutungslosigkeit. Seit zwei Jahren gibt es nicht mal mehr ein Gegenforum, Proteste schon gar nicht. «Zur Jahrtausendwende war Davos jener Ort, an dem sich die Wirtschaft auf Augenhöhe mit der Politik begeben hat. Ein Kulminationspunkt», sagt Oliver Classen. «Davon ist heute nichts mehr übrig.»

Viel Zirkus, viel Trallala

Stattdessen: viel Zirkus, viel Trallala. Man dürfe nicht nur spotten über das WEF, sagt Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger (SP), der mehrmals ans WEF fuhr. Doch die Art und Weise, wie die Macht in Davos inszeniert werde, sei unerträglich. «Die Dimension dieses Anlasses verunmöglicht einen echten Austausch. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man Donald Trump in Davos zu einem lauschigen Kamingespräch treffen wird.»

Der polternde Nationalist ist nicht zwingend das Gegenstück zum kalten Davos-Man, sondern manchmal ein und dieselbe Figur.

Stattdessen: Handshake mit Klaus Schwab, der in einem Interview kürzlich seiner Sorge Ausdruck gegeben hat, dass «der mächtigste Mann der Welt nicht die Führung übernimmt, die man von ihm erwartet» (ob er ihm das auch persönlich sagen wird?), vielleicht ein kurzes Geplauder mit Alain Berset, eine live übertragene Rede und hundert Geschichten darüber, wie die Welt in Davos aus den Fugen gerät, wenn der amerikanische Präsident anreist. Es ist Spektakel-Zeit. Die Davos-Men tanzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 06:43 Uhr

Bündner bleiben gelassen

Trotz dem hohen Besuch aus den USA rechnen die Verantwortlichen nicht mit höheren Sicherheitskosten.

WEF-Gründer Klaus Schwab darf sich die Hände reiben: Der Coup ist geglückt. Die Reise von US-Präsident Donald Trump nach Davos bringt dem WEF zusätzliche Publicity. Weniger gross dürfte die Freude bei den Sicherheitsverantwortlichen im Kanton Graubünden sein. Sie müssen mit Trump einen der bekanntesten und umstrittensten Politiker schützen. Dennoch gibt man sich offiziell gelassen: «Unser Schutzdispositiv ist darauf ausgerichtet, dass wir hochrangige Staats- und Regierungschefs empfangen und deren Sicherheit gewährleisten können», sagt André Kraske, der den WEF-Ausschuss der Bündner Regierung leitet. «Daran ändert der Besuch von US-Präsident Donald Trump nichts.» Er verweist auf den letztjährigen Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, der übrigens im Zug nach Davos gereist sei.

Ob wegen Trumps Besuch auch mehr Polizisten zum Einsatz kommen, kann Kraske nicht sagen. 2017 waren während des gesamten Treffens 4700 Armeeangehörige im Einsatz, dazu kamen rund 1000 Polizisten aus der ganzen Schweiz. Kraske geht aber davon aus, dass die Sicherheitskosten ungefähr gleich hoch sein werden wie letztes Jahr, als sie sich auf 9,5 Millionen Franken beliefen.

Vor 2015 galt für das WEF noch ein Kostendach von 8 Millionen Franken. Doch mit der erhöhten Terrorgefahr der letzten Jahre sind auch die Sicherheitskosten angestiegen. Noch höher waren sie allerdings im Jahr 2003: Um Ausschreitungen von Globalisierungskritikern zu verhindern, kontrollierten die Behörden die Zufahrt zu Davos aufs Strengste, was zu Kosten von 13 Millionen Franken führte. Daraufhin blieben die Ausschreitungen in Davos aus, verlagerten sich aber nach Bern.

Ob Trump in Davos auch auf Mitglieder des Bundesrats treffen wird, ist bis anhin noch nicht sicher. Der Bundesrat würde sich über ein Treffen freuen, teilte Bundesratssprecher André Simonazzi mit. Welche Bundesratsmitglieder nach Davos reisten und allenfalls mit Präsident Trump zusammenkämen, sei noch Gegenstand von weiteren Abklärungen. (ala)

Artikel zum Thema

Trump am WEF, der Anti-Davos-Mann kommt

Kommentar Am World Economic Forum wird die internationale Zusammenarbeit beschworen. Der US-Präsident steht für das Gegenteil. Mehr...

Interview: «Trumps Besuch wird dramatisch»

Ernst Wyrsch machte das Hotel Belvédère zur bekanntesten Adresse am WEF. Er sagt, ob Davos dem geplanten Besuch des US-Präsidenten gewachsen ist. Mehr...

Umfrage: Was von Trumps Besuch zu erwarten ist

Stimmen von links bis rechts zur Aufwartung des US-Präsidenten am WEF. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Profis lassen sich nicht von Emotionen leiten

Intelligente Roboter verbessern unseren Alltag. Warum nicht auch unsere Investments?

Die Welt in Bildern

Freudensprung: Ein türkischer Mann zelebriert das Ende des Fastenmonats Ramadan in Istanbul. (17. Juni 2018)
(Bild: Emrah Gurel/AP Photo) Mehr...