Swisscom-Panne trifft Herz der Luftwaffe

Hätte die WEF-Tagung bereits vor einigen Wochen stattgefunden, wäre die Schweizer Armee dafür nicht gerüstet gewesen.

Die alternden F/A-18 Hornets bereiten der Luftwaffe vor dem WEF Kopfzerbrechen. Die Hälfte der Flotte steht nicht zur Verfügung. Foto: Keystone

Die alternden F/A-18 Hornets bereiten der Luftwaffe vor dem WEF Kopfzerbrechen. Die Hälfte der Flotte steht nicht zur Verfügung. Foto: Keystone

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Wenn die Weltspitze von Wirtschaft und Politik dieser Tage zum Weltwirtschaftsforum (WEF) eintrudelt, herrscht in Dübendorf höchste Alarmbereitschaft. Dann lassen die Offiziere im Air Operation Center (AOC) die Radarschirme nicht aus den Augen, mit denen sie den Luftraum über Davos überwachen. Auf einem gigantischen Bildschirm fliessen all ihre Informationen zusammen: Kreuz und quer bewegen sich kleine, grüne Symbole, die identifizierte Zivilflugzeuge darstellen. Gelb eingefärbt sind jene Maschinen, die dem Militär nicht bekannt sind. In Blau bezeichnen Namen wie «Shark» oder «Beast» die patrouillierenden Flieger der Luftwaffe.

Das AOC ist während des WEF rund um die Uhr voll besetzt und dient der Armee als Führungsraum. Dort koordinieren die Offiziere alle Einsätze, beurteilen die Gefahrenlage – und alarmieren im Ernstfall Verteidigungsministerin Viola Amherd, die den Abschuss eines bedrohlichen Fliegers im Ernstfall anordnen müsste.

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Doch just als die Luftwaffe am Freitag ihre Kräfte bündelte und sich wegen des Forums in höchste Alarmbereitschaft begab, versagte die Telefonleitung ihren Dienst. Über eine Stunde lang dauerte die Panne der Swisscom, die nicht nur ganze Teile der Schweizer ­Telefonnetze lahmlegte, sondern auch jene im AOC. Die Folgen: Der Draht der Luftwaffe zu den Polizeikorps, zu zivilen Behörden, aber auch zu den Operationszentralen der Luftstreitkräfte der benachbarten Länder war gekappt.

Äusserst wichtige Verbindung unterbrochen

Wie Armeesprecher Daniel Reist bestätigt, konnte das AOC übers Festnetz nicht nach aussen kommunizieren. Immerhin seien andere Kommunikationskanäle zur Verfügung gestanden: «Funktioniert haben Funk und Mobiltelefone.» Zudem stehe im AOC das verschlüsselte Bundesnetz zur Verfügung, das die Verbindung innerhalb des Verteidigungsdepartements sicherstelle. Doch, wie es in einem Beitrag auf der Website der Schweizer Armee heisst, war eine «äusserst wichtige Leitung» unterbrochen.

Welche Konsequenzen eine ­derartige Panne im Ernstfall gehabt hätte, ist unklar. Unumstritten ist, dass jede Sekunde zählt, würde ein Flugzeug mit feindlichen Absichten in den Luftraum über Davos einfliegen.


Video: Amerikanische und Schweizer Helikopter trainieren gemeinsam

Helikopter der amerikanischen Air Force am Flughafen Zürich und bei einer Übung mit der Schweizer Luftwaffe. Video: Leserreporter/20min


Die Störung der Swisscom traf die Armee, kurz nachdem diese ihrerseits für das WEF Entwarnung ­gegeben hatte. Denn: Nur wenige Tage vor dessen Start gibt die Luftwaffe bekannt, ihre Einsatzbe­reitschaft sei während der Tagung ­gewährleistet. Allerdings mussten die Mechaniker der Luftwaffe sowie die Ingenieure des Wartungsbetriebs der Ruag dazu erst einen «Kraftakt» vollbringen, wie es Luftwaffenkommandant Bernhard Müller nennt. «Nur so konnten wir die verlangte Bereitschaft für das WEF erreichen», sagt er. Hätte die Tagung bereits vor einigen Wochen stattgefunden, wäre die Luftwaffe dafür nicht gerüstet gewesen.

Grund für den Hauruck sind die alternden F/A-18 Hornets. An den Scharnieren der Landeklappen einer Maschine haben Ingenieure im vergangenen Oktober anlässlich von Kontrollarbeiten ­Ermüdungsrisse entdeckt. Worauf der Kommandant der Luftwaffe Flugeinschränkung für sämtliche Hornets sowie die Überprüfung aller Maschinen anordnete. Dabei stellte sich heraus, dass rund zwei Drittel der überprüften Scharniere von Ermüdungsrissen betroffen sind. Wie die Luftwaffe kurz vor dem WEF mitteilt, ist inzwischen ein grosser Teil der Landeklappen repariert worden. Laut einer ­Sprecherin der Ruag habe dies zu einem «gewissen Mass an Zusatzaufwand» geführt. Diesen präzise zu beziffern, sei aber unmöglich.

Derzeit ist nur die Hälfte der F/A-18-Kampfjets verfügbar

Wie Recherchen zeigen, sind aber keineswegs alle F/A-18 einsatzbereit, denn die Arbeiten dauern an. Wann diese abgeschlossen sein werden, ist unklar. Fest steht: Von den 30 Maschinen ist derzeit etwa die Hälfte verfügbar. Luftwaffenkommandant Müller betont: «Das variiert von Tag zu Tag und ist unter anderem abhängig von den regulären Instandhaltungsarbeiten an den einzelnen Jets.»

Die Schweiz sichert den Luftraum für das WEF aber nicht al­lein. Die Österreicher leisten ihr Schützenhilfe. Ein Blick über die Grenze zeigt aber, dass die benachbarte Luftwaffe dieses Jahr nicht wie üblich im Einsatz steht. Auch sie kämpft mit alternden Fliegern und muss sich nach der Decke strecken. Normalerweise stellen die Österreicher zwei Eurofighter-Jets und zwei Düsenflieger des Typs Saab 105 für das WEF zur Verfügung. Wegen beschädigter Bolzen ist jedoch die Saab-Flotte seit ­mehreren Monaten gegroundet.



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Erstellt: 19.01.2020, 09:04 Uhr

So sichert die Armee den Luftraum über Davos

Für den Schutz der Teilnehmer am WEF kommen Kampfflugzeuge, Lenkwaffensysteme und Späher zum Einsatz.

Während des Weltwirtschaftsforums (WEF) spannt die ­Luftwaffe einen sogenannten dreischichtigen Schild mit einem Radius von 46 Kilometern über Davos: Zuoberst kreisen bewaffnete F/A-18 Hornets. Die Radarsysteme der Kampfjets erfassen dabei nicht nur die Umgebung in der Luft, sondern vermögen auch in Täler zu spähen. In geringerer Höhe patrouillieren im Sichtflug die Piloten der Beobachtungsflugzeuge PC-7 – diese sind im Unterschied zu den Jets unbewaffnet. Vom Boden aus überwachen verschiedene, fest installierte Radarstationen im ­Gebirge den Luftraum. Sie werden ergänzt von eigens für die Tagung in Davos aufgestellten mobilen Geräten. Hinzu kommen Späher der Armee, die mit Feldstechern und von blossem Auge das Luftbild von ihren Beobachtungsposten aus vervollständigen. Die sogenannte letzte ­Meile – sprich der Raum unmittelbar über Davos – schützt die gefechtsbereite Fliegerabwehr vor feindlichen Angriffen.

Immer wieder kommt es zu unerlaubten Einflügen

Für die Dauer des WEF ist der Luftraum gesperrt, und nur wer über eine Spezialbewilligung der Armee verfügt, darf darin einfliegen. Alle anderen Flugzeuge fängt die Luftwaffe ab und eskortiert sie aus die verbotene Zone heraus. Wer den Anweisungen der Luftpolizei nicht folgt, muss damit rechnen abgeschossen zu werden. Diesen Entscheid fällt Verteidigungsministerin Viola Amherd. Ihr folgt während des WEF ein Verbindungsoffizier auf Schritt und Tritt, der mit der Einsatzzentrale in Dübendorf in Kontakt steht. Er würde Amherd im Ernstfall über die Art der Bedrohung informieren – dieser ist bisher nicht eingetreten.

In den letzten Jahren kam es während des WEF jedoch immer wieder zu unerlaubten Einflügen in den gesperrten Luftraum über Davos, meist geschah dies unabsichtlich.

Pia Wertheimer

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