Bern

«Tanz dich frei»: Nause will Militante identifizieren

Nach den Ausschreitungen am «Tanz dich frei» spricht Gemeinderat Reto Nause von «militanten Kriminellen» und verspricht, «alles Erdenkliche» zu tun, um die Gewalttäter zu identifizieren.

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An einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz schauten am Sonntag Führungskräfte aus Polizei und Politik auf eine Nacht zurück, die Bern noch lange beschäftigen wird. Stefan Blättler, Kommandant der Kantonspolizei, äusserte sich «bestürzt über die hohe Gewaltbereitschaft», die an «Tanz dich frei» zum Ausdruck gekommen sei. Er sprach von «mehreren Hundert Personen, die gezielt Menschen verletzen und Sachen zerstören wollten». Auch die Polizei war laut Blättler mit «mehreren Hundert» Beamten und Verstärkung aus anderen Kantonen im Einsatz.

Zwar habe sich die Einschätzung aus dem Vorfeld bestätigt, dass die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer friedliche Absichten habe, fuhr Blättler fort. «Mit der Skrupellosigkeit, mit der die friedliche Masse als menschliches Schutzschild missbraucht wurde, musste aber nicht gerechnet werden.» Der Schwarze Block, der vorneweg marschierte, habe «geschickt» verhindert, dass man ihn ohne Risiko für Dritte hätte isolieren können. Die Polizei werde die Vorfälle aufarbeiten und «alles daransetzen, Verantwortliche der Justiz zuzuführen», so Blättler. Auch die 61 Personen, die von der Polizei angehalten worden seien, hätten mit Strafen zu rechnen.

Polizei hatte Kontakt zu verschiedenen Soundmobilen

Der Polizeichef der Region Bern, Manuel Willi, schilderte, wie es zur Eskalation gekommen ist. An der Ecke Bundesgasse/Christoffelgasse hätte der Umzug nach links Richtung Schauplatzgasse abbiegen sollen. Weil Bundes- und Gurtengasse «als Fluchträume dienten», habe die Polizei vor dem verbotenen Abschnitt nur leichte Sperren aufgebaut. Willi betonte erneut, dass die Rettungsachse entlang des Bundeshauses «für Krankenwagen und Feuerwehr absolut zwingend» habe eingerichtet werden müssen. Auf mehreren Schildern auf dem Zaun stand, dass sich dahinter die Rettungsachse befindet.

Laut Willi haben Zivilpolizisten von Beginn der Veranstaltung an Kontakt zu einzelnen Soundmobilen gehabt und sich mit diesen auf die offizielle Route verständigt. «Die Spitze des Umzugs hat sich aber anders entschieden.» Vermummte durchbrachen die Sperre, worauf sich die Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehr und der Sanitätspolizei zum Bundesplatz zurückzogen.

Polizei warnte Gewalttäter vor «stufenweiser» Eskalation

Wer den Ausbruch der Krawalle auf dem Bundesplatz zu verantworten hat, daran liess Polizeichef Willi nicht den geringsten Zweifel. Mit Videoaufnahmen zeigte er, mit welcher Entschlossenheit und Brutalität Mitglieder des Schwarzen Blocks am Absperrzaun zerrten und versuchten, die Rettungsachse zu durchbrechen. «Die Situation war brandgefährlich», so Willi. Die Videos belegen, wie Polizisten mit Absperrgittern, Pflastersteinen und Signalraketen beworfen wurden.

Die Polizei habe ihrerseits «den Einsatz der Mittel stufenweise erhöht», sagte Willi. Tatsächlich wurden die Vermummten mindestens zweimal über ein Megafon aufgefordert, ihre Angriffe zu beenden. Danach sprühte die Polizei zunächst Pfefferspray über den Zaun. Schliesslich setzten die Einsatzkräfte Gummischrot und Tränengas ein und fuhren mit dem Wasserwerfer auf.

«Den Wasserwerfer hielten wir bis zu seinem Einsatz versteckt, um jede Provokation zu verhindern», so Willi. Gegen Ende der fast einstündigen Ausschreitungen auf dem Bundesplatz rief die Polizei die Teilnehmer auf, die Innenstadt zu verlassen. Kleinere Gruppen lieferten sich im Laufe der Nacht aber immer wieder Scharmützel mit der Polizei und verursachten weiteren Sachschaden.

Sicherheitsdirektor Nause will Militante identifizieren

«Schockiert» sei er, sagte Gemeinderat Reto Nause (CVP). Schockiert über «die Gewalt und über die sinnlose Zerstörungswut militanter Krimineller». Nause selber begleitete den Einsatz zu Fuss, wie er sagte, und war auch entlang der Umzugsroute unterwegs. Was die Angehaltenen anbelangt, will Nause «alles Erdenkliche tun», um den militanten Kern ausfindig zu machen.

Den Gewerblern, die Schäden zu beklagen haben, empfiehlt Nause, Anzeige zu erstatten, weil dies die Ermittlungen vereinfache. Auf die Frage, ob Behörden und Polizei den Anlass unterschätzt hätten, sagte Nause: «Wenn Menschen als Schutzschild missbraucht werden, ist jeder Polizeieinsatz schwierig.» Die Behörden hätten sich in einem «bisher einzigartigen» Ausmass auf diesen Anlass vorbereitet.

Behörden prüfen Klage gegen Facebook

Heute will der Gemeinderat an einer Sitzung die Nacht analysieren. In einer Mitteilung verurteilt die Stadtregierung die Ausschreitungen «in aller Schärfe». Die Absicht vieler Tausenden, eine friedliche Party zu feiern, sei von einer kleiner Minderheit Gewaltbereiter missbraucht worden. Ob die Stadt ein «Tanz dich Frei 4» zulassen werde, könne er noch nicht sagen, so Nause.

Hingegen will er prüfen, welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt, das soziale Netzwerk Facebook zur Verantwortung zu ziehen. Ein Präzedenzfall könnte die Frage klären, inwieweit Facebook für anonyme Aufrufe mit derartigen Folgen Verantwortung übernehmen muss.

Erstellt: 27.05.2013, 10:07 Uhr

Ist über die Ausschreitungen schockiert: Gemeinderat Reto Nause (CVP). (Bild: Keystone )

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