Tessin gewährte Gucci-CEO fragwürdige Pauschalsteuer

Vertrauliche Dokumente enthüllen erstmals das aggressive Steuerkonstrukt von Modezar Patrizio di Marco in der Schweiz. Dem italienischen Fiskus entgingen wohl Millionen.

Patrizio Di Marco (r.) mit Frida Giannini (l.) in einem Gucci-Laden in Shanghai. (Archiv)

Patrizio Di Marco (r.) mit Frida Giannini (l.) in einem Gucci-Laden in Shanghai. (Archiv) Bild: Nir Elias/Reuters

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Im Jahr 2010 beantragte Patrizio di Marco, damals Chef des italienischen Modekonzerns Gucci, beim Kanton Tessin für sich eine Pauschalbesteuerung. Als Ausländer musste er dafür in der Schweiz wohnen. Also mietete sich der Mode-Star kurz vor dem Antrag eine kleine 4,5-Zimmer-Wohnung in der Tessiner Gemeinde Paradiso. Die Wohnung lag im ersten Stock in einem eher düsteren Vorort von Lugano.

Das Gesetz zur Pauschalsteuer verlangt, dass di Marco nun mindestens 90 Tage pro Jahr in dieser Wohnung lebt, und zwar zusammenhängend. Wie oft der Gucci-Star in der Wohnung auftauchte, ist unklar. Er arbeitete von Rom und Mailand aus, hatte eine Villa in Rom. Seine Freundin, mit der er später ein Kind hatte, ist die Designerin Frida Giannini, damals Mode-Direktorin von Gucci. Sie arbeitete in Florenz.

Nicht nur bescheidene Wohnung mutet seltsam an

Zum Lebensstil des Glamour-Paares passte die Vorortswohnung jedenfalls nicht. Di Marco ist Teil des internationalen Jet-Sets. Der 56-jährige Italiener war nicht nur Chef von Gucci, sondern später auch von Dolce & Gabbana und Golden Goose. Bei Gucci verdiente er mit Bonus rund zwei Millionen Euro pro Jahr. Dazu kamen weitere Millionen für Spesen. Allein seine Kleiderpauschale betrug jährlich 50'000 Euro, dazu kamen ein Auto samt Fahrer und ein Privatjet.

Nicht nur die bescheidene Wohnung mutet seltsam an. Ein pauschalbesteuerter Ausländer darf laut Gesetz auch nicht in der Schweiz arbeiten. Kurz vor seinem Antrag beim Kanton erhielt di Marco aber noch Millionenbeträge von einer Tessiner Firma, die zu Guccis Mutterhaus Kering gehörte. Das zeigen vertrauliche Dokumente, die zum Internetportal Mediapart gelangten. Das Recherchedesk von Tamedia wertete sie gemeinsam mit dem Journalistennetzwerk EIC aus.

Die Unterlagen zeigen, wie diese Bezüge von di Marco mit seltsamen Verträgen umgeleitet wurden, und zwar genau im Jahr 2010, als er seinen Antrag auf Pauschalbesteuerung im Tessin stellte. Statt aus der Schweiz kamen seine Millionen auf einmal aus Luxemburg und wurden via eine Offshorefirma in Panama auf ein Konto in Singapur weitergeleitet.

«Herr di Marco ist zuversichtlich, dass sein Vorgehen korrekt war.»Anwälte von Patrizio di Marco

Weil er nun nicht mehr aus der Schweiz bezahlt wurde, musste di Marco diese Einnahmen auch nicht mehr in der Schweiz versteuern. Das Tessin legte seinen Lebensaufwand schliesslich auf 400'000 Franken pro Jahr fest. Heute ist dies das absolute gesetzliche Minimum. Die Tessiner Steuerverwaltung ging also de facto davon aus, dass der mehrfache Einkommensmillionär di Marco pro Jahr nur 400'000 Franken ausgibt und den Rest seiner Millionen auf die hohe Kante legt. Angesichts seines Lebensunterhaltes samt Privatjet scheint das fraglich. Jedenfalls musste di Marco dank den Tessinern von 2010 bis 2014 nur noch etwa 500'000 Franken Steuern in der Schweiz bezahlen.

Die Dokumente zeigen jedoch, dass er in seiner Zeit bei Gucci gegen 23 Millionen Euro erhielt, über die schattigen Wege via Panama und Singapur. Der italienische Fiskus müsste eigentlich di Marcos Einkünfte besteuern. Ob er von diesen verborgenen Geldströmen wusste, ist unklar.

Die Mailänder Staatsanwaltschaft führt derzeit ein Steuerverfahren gegen Kering und Gucci, in das auch di Marco involviert ist. Die Anwälte des Italieners versichern, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei: «Herr di Marco ist zuversichtlich, dass sein Vorgehen korrekt war, und er wird dies gegenüber den Behörden beweisen.»

Angesichts der Manöver des Gucci-Chefs stellt sich allerdings die Frage, ob nicht nur in Italien, sondern auch in der Schweiz die rechtlichen Grenzen überschritten worden sind. Die Dokumente werfen nicht nur Fragen bezüglich der kleinen Wohnung und der Finanzströme via Luxemburg und Panama auf. Experten, die die Unterlagen prüften, weisen darauf hin, dass di Marco in der Zeit seines Antrags auf Pauschalsteuer im Tessin ein Verwaltungsratsmandat in der Schweiz hatte.

Kam der Kanton Tessin dem Modekonzern zu stark entgegen?

Der Gucci-Chef war mindestens von 2009 bis 2012 Verwaltungsratspräsident der Firma Luxury Timepieces International in Neuenburg. Di Marco beschäftige dort über 500 Angestellte, die für Gucci Uhren herstellten. Wie er eine solche Schweizer Firma führen konnte, ohne im Land zu arbeiten, ist eine offene Frage.

Sollte er im Rahmen seiner Funktion als Gucci-Chef Sitzungen des Verwaltungsrates in der Schweiz geleitet haben – was er eigentlich müsste –, hätte das Tessin ihm vermutlich keine Pauschalsteuerung gewähren dürfen. Damit stellt sich die Frage, ob der Kanton dem Modekonzern zu stark entgegenkam. Klar ist jedenfalls, dass Gucci und die Mutterfirma Kering beste Kontakte im Tessin haben. Im Verwaltungsrat einer der Kering-Firmen sitzt der Schwager von Marina Masoni, der ehemaligen FDP-Staatsrätin des Kantons. Sie ist heute Präsidentin der Modelobby Ticinomoda.

Masoni wollte nichts zum Fall sagen. Auch der Tessiner Wirtschafts- und Finanzvorsteher Christian Vitta sagt, er äussere sich nicht über «spezifische Steuergeschäfte». Er versichert hingegen, «dass der Kanton Tessin weiterhin dafür arbeiten wird, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Konzerne im Kanton zu behalten und neue hinzuzugewinnen.»

«Die Aufsicht des Bundes muss hier eingreifen»

Für linke Politiker geht das Konstrukt von di Marco hingegen zu weit. «Dieser Fall verstösst klar gegen das Gesetz», findet Margrit Kiener-Nellen. Die Nationalrätin und Anwältin ist Steuerspezialistin der SP. «Auf diese Weise könnte ja jeder Direktor eines multinationalen Konzerns in der Schweiz die Pauschalbesteuerung verlangen, einzig mit einem kleinen Studio hier.» Ein Manager mit mehreren Millionen Euro Einkommen pro Jahr müsse jedes Jahr neu nach seinen weltweiten Lebenshaltungskosten vom Vorjahr besteuert werden, sagt Kiener-Nellen weiter, und nicht auf dem Minimum von 400'000 Franken pauschal. «Die Aufsicht des Bundes muss hier eingreifen», fordert sie.

Für den Kanton Tessin, der sich stets bedeckt hielt über seine Pauschalsteuern, kommen die Enthüllungen ungelegen. In den letzten Jahren hat sich der Kanton den italienischen und französischen Modegiganten als Steueroase angeboten. In Lugano ist man stolz auf das «Fashion Valley». Angesiedelt haben sich auch grosse Luxuslabels wie der französische Mischkonzern Kering, dem nicht nur Gucci gehört, sondern auch Yves Saint Laurent, Bottega Veneta, Balenciaga, Brioni, Boucheron und Pomellato. Die Modebranche wurde so zum wichtigsten Steuerzahler des Kantons.

Letztes Jahr berichtete das Recherchedesk von Tamedia erstmals über die Tessiner Pauschalsteuer eines anderen Gucci-Chefs, Marco Bizzarri. Ausserdem über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Mailand gegen Kering. Die Behörden gehen davon aus, dass die Luxuslabels von Kering nur zum Schein vom Tessin aus geführt wurden, um Steuern in Italien zu sparen. Kering streitet das ab.

Die Fälle lösten einiges aus im Südkanton. Im letzten Herbst kündigte Kering den Abzug von 150 Arbeitsplätzen aus dem Tessin an. Sollte es zum Prozess gegen Gucci und deren Manager in Mailand kommen, dürften die Praktiken des Kantons im Detail und vor der Weltöffentlichkeit bekannt werden. Das könnte den Tessinern einen erheblichen Reputationsschaden bescheren.

Hinweise: recherchedesk@tamedia.ch

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.01.2019, 18:02 Uhr

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