«Thatcher verstärkte die Polarisierung»

Nationalrat und Alt-Bundesrat Christoph Blocher über die eiserne Lady und ihren politischen Einfluss.

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Roger Köppel nannte Sie eine «Kernfusion aus Margaret Thatcher, Ronald Reagan und Franz Josef Strauss». Wie viel Thatcher steckt in Ihnen?
Der Vergleich ehrt mich, das sind drei grossartige Politiker. Margaret Thatcher war die bedeutendste britische Premierministerin der Nachkriegszeit. Sie hat Grossbritannien am weitesten vorangebracht, wirtschaftlich wie politisch.

Was bewundern Sie an Thatcher?
Ich teile ihre Grundsätze: Die Freiheit des Einzelnen und die Unabhängigkeit des Landes sind zu schützen. Als sie ihr Amt antrat, lag Grossbritannien wirtschaftlich quasi am Boden. Mit Brachialgewalt hat sie die Freiheit der Wirtschaft durchgesetzt. Sie hat die Macht der Gewerkschaften gebrochen, die das Land mit Streiks praktisch lahmgelegt haben.

Gleichzeitig hat sie viele staatliche Bereiche privatisiert. An den Folgen dieser Politik leidet Grossbritannien noch heute, etwa bei der schlecht funktionierenden Bahn.
Die Privatisierung war bei vielen Bereichen nötig, weil sie schlecht funktioniert haben. Den Transport auf der Schiene zu privatisieren, ist sinnvoll. Die Privatisierung des Schienennetzes jedoch nicht. Denn man kann ja nicht ein Konkurrenznetz verlegen. Also besteht immer ein Monopol – und das ist besser in der Hand des Staates als eines Privaten. Bei einzelnen Entscheiden ist Thatcher vielleicht zu weit gegangen. Ihre Grundbestrebungen waren jedoch richtig und notwendig.

War auch der Falklandkrieg nötig?
Thatcher hat auf die Besetzung von britischem Territorium reagiert. Sie hat bewiesen, dass bei einer Verletzung der staatlichen Souveränität Nulltoleranz gilt. Der Bundesrat könnte in dieser Beziehung lernen von Frau Thatcher.

Indem er einen Krieg anzettelt?
Indem er sich wehrt gegen Angriffe aus dem Ausland. Thatcher hat der ganzen Welt gezeigt: Mit Grossbritannien lässt sich nicht spassen. Ich wünschte, der Bundesrat wäre ebenso standhaft.

Thatcher deregulierte auch den Finanzsektor und trug zur boomenden Finanzindustrie mit all ihren Exzessen bei. Am Ende dieser Entwicklung steht die Finanzkrise.
Die Finanzkrise ging nicht von London aus, sondern von den USA. Während und nach Thatchers Amtszeit hat die Finanzindustrie jahrelang gut funktioniert. Ob man schon früher hätte korrigierend eingreifen sollen, wird sich zeigen. Wir sind ja nicht am Ende einer Entwicklung.

In der Tat, wie die Enthüllungen zu den Steueroasen zeigen – von denen viele auf britischem Gebiet liegen.
Die Enthüllungen deckten nichts wirklich Neues auf. Für die Engländer sind Trusts und Offshore-Plätze ein erfolgreiches Modell. Wenn wie unter Thatcher dereguliert wird, werden auch Missbräuche möglich. Bei Überregulierung gibt es keine Missbräuche. Aber auch keine erfolgreiche Gesellschaft.

Bei Thatchers Rücktritt waren fast sieben Millionen Briten von der Sozialhilfe abhängig – 60 Prozent mehr als bei ihrem Amtsantritt.
Durch Thatchers Reformen wurde das allgemeine Lohnniveau angehoben. Und die Sozialhilfe hat sie nicht gekürzt.

Aber die Unterschiede innerhalb der Gesellschaft nahmen stark zu.
Heute ist es Mode, durch das Armmachen der Reichen die Armen reicher machen zu wollen. Das ist ein Trugschluss. Thatcher ging einen anderen Weg: Sie schuf Voraussetzungen, damit der Tüchtige Erfolg hat und Arbeitsplätze entstehen. Dabei hat sie die Polarisierung in der Gesellschaft verstärkt. Das war nicht anders möglich. Thatcher musste das Steuer mit Gewalt herumreissen. Ihr Verdienst war es, die Gegenkräfte auszuhalten, die sie daran hindern wollten. Sie hat über ihre Amtszeit hinaus gewirkt – indem Labour-Premier Tony Blair genau diese Politik weiterführte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2013, 11:04 Uhr

«Thatcher musste das Steuer mit Gewalt herumreissen»: Nationalrat Christoph Blocher über die eiserne Lady. (Bild: Keystone )

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