Interview

«Thomas Borer erreichte sicher völlig neue Zielgruppen, aber ...»

Der frühere Diplomat Max Schweizer legt mit «Diplomatenleben» ein neues Buch vor. Im Interview äussert er sich zu Diplomatenberuf und Politikerkritik, unschönen Schlagzeilen und stillen Helden.

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Mit dem Buch «Diplomatenleben» dokumentieren Sie die Geschichte der Schweizer Diplomatie seit dem Zweiten Weltkrieg. Wer waren aus Ihrer ganz persönlichen Sicht die herausragenden Schweizer Diplomaten? Und warum?
Das EDA verfügt über hervorragendes Personal, nicht unbedingt weil heute Psychologen eifrig ihre Assessments auf Kosten der Steuerzahler machen dürfen. Die Frage ist: Was macht man mit dieser Frau- und Mannschaft, die ganz unterschiedliche Funktionen haben und erst im Zusammenspiel ein Ganzes bilden. Ich möchte keine Namen von «hervorragenden Diplomaten» nennen. Das diplomatische Personal besteht aus vielen Personen, die oftmals Heldenhaftes in ihren Bereichen leisten, ohne dass davon je jemand Notiz nimmt. Sie müssen an der Front, mitunter gefangen im bürokratischen Dschungel, Lösungen für real existierende Schwierigkeiten finden. Stellvertretend für diese nicht kleine Gruppe steht für mich der Gesandte Harald Feller, der 1944/45 in Budapest auch Juden rettete. Nach seiner sowjetischen Gefangenschaft erwartete ihn in Bern ein Disziplinarverfahren: Das ist natürlich brisant.

Schweizer Diplomaten sorgen gelegentlich für negative Schlagzeilen. Bekannt wurden zum Beispiel die Fälle Jagmetti und Borer und zuletzt der Fall des Botschafters bei der OECD-Mission in Paris, der bei einer Blaufahrt von der Polizei gestoppt worden sein soll.
Das sind ganz unterschiedlich gelagerte Beispiele, die nicht miteinander verglichen werden können. Der einzige gemeinsame Nenner besteht in den Schlagzeilen. Der von Ihnen so benannte «Fall Jagmetti» geht auf ein Versagen der EDA-Zentrale in Bern zurück, er muss in erster Linie der Führung angelastet werden. Die Causa Thomas Borer ist vielschichtig, es gab Fehler auf verschiedenen Seiten. Zum Schweizer OECD-Botschafter Stefan Flückiger in Paris so viel: Ich verfüge weiter nicht über die «harten Fakten», doch sollte er tatsächlich in alkoholisiertem Zustand selber chauffiert haben, so plädiere ich für Sanktionen mit Augenmass. Ich bin überzeugt, dass die aktuelle Departementsführung ausreichend darüber verfügt.

Wie gross ist in solchen Fällen der Schaden für die Schweiz?
Schaden kann vor allem bei einer unprofessionellen Aufarbeitung anfallen. Die Schlagzeilen in der Schweiz oder im Ausland von gestern werden schnell von neuen verdrängt. Ein Aussendepartement, eine nationale Führung, muss in den Aussenbeziehungen eine Kultur der «lessons learnt» entwickeln. Sonst gibt es keinen Fortschritt.

Thomas Borer, der wegen einer angeblichen Sexaffäre als Botschafter in Berlin abtreten musste, prägte die «Öffentliche Diplomatie», die beim EDA nicht gern gesehen wurde. Was ist daran so schlimm? Möglicherweise erreichte Borer mit seiner Art mehr für die Schweiz als Diplomaten der alten Schule.
Die «Public Diplomacy» kann letztlich nur erfolgreich sein, wenn sie in einem harmonischen Gleichschritt «Zentrale-Aussenposten» – oder umgekehrt – erfolgt. Thomas Borer erreichte sicher völlig neue Zielgruppen. Das aber ist nicht das erstrangige Ziel klassischer Diplomatentätigkeit. Wenn das «Funktionieren» durch innenpolitische Turbulenzen infrage gestellt wird, dann wird die Luft zunehmend dünn. Insofern erreichte Borer tatsächlich mehr als sogenannte Diplomaten alter Schule – nämlich seinen Rücktritt.

Seit ein paar Jahren steht die Schweiz unter starkem Druck – etwa im Steuerstreit mit den USA sowie in den Beziehungen mit der EU. In diesem Zusammenhang äussern manche Politiker Kritik an der Diplomatie. Und frühere Botschafter meinen, dass die Schweiz auf dem internationalen Parkett härter auftreten müsste. Ist die Kritik berechtigt? Oder werden die Möglichkeiten der Diplomatie von ihren Kritikern überschätzt?
Die Politik wird von der Landesführung, also dem Bundesrat, formuliert. Er – und nicht die Diplomaten – müssen diese verantworten. Die Politik gilt es gegebenenfalls zu kritisieren. Diplomaten versuchen, die Vorgaben so gut wie möglich umzusetzen. Dass dies aus verschiedenen Gründen nicht immer gelingen kann, wissen wir alle. Das kann zum Lernprozess gehören. In der Schweiz schwanken wir konstant zwischen Überschätzung und Unterschätzung. Wir haben viel von unserem früheren Sinn für das Begreifen der wirklichen Verhältnisse eingebüsst. Ich plädiere für einen «geschmeidigen Realismus» in den Aussenbeziehungen. Idealistische Konzepte sollen ihren Platz haben, aber den Blick auf die Wirklichkeiten nicht verschleiern oder einengen.

Sind die Probleme der Diplomatie nicht in erster Linie ein Problem des schweizerischen Regierungssystems mit sieben gleichberechtigten Ministern, das nicht auf Führung und strategische Aussenpolitik ausgerichtet ist?
Wir leben und wirken leider konstant in suboptimalen Systemen. Unser Regierungssystem war bislang innenpolitisch ein Erfolgsmodell, das Frieden und Wohlstand brachte. Im Aussenpolitischen hat es seine Schwächen, umso wichtiger ist ein konstanter Lernprozess des Bundesrates, jedes einzelnen – und des Kollektivs. Im Übrigen mussten viele Präsidenten der USA auch erfahren, dass ihnen die Hände aussenpolitisch oft gebunden sind. Ich erinnere zum Beispiel an den amerikanischen Nicht-Beitritt zum Völkerbund.

Wie hat sich der Diplomatenberuf in den letzten 50, 60 Jahren verändert?
Der Diplomatenberuf und die ihn umgebenden Strukturen verändern sich konstant: der Trend geht in Richtung «Welt-Innenpolitik», das globale Dorf rückt schnell näher. Teil davon sind die gigantischen weltwirtschaftlichen Verflechtungen sowie die andauernden Innovationen im Kommunikationsbereich, die das Weltgeschehen mehr oder weniger in Echtzeit übermitteln. Einher geht eine Multiplikation von Themen, die vor wenigen Jahren nicht denkbar waren und die damit das Spektrum «diplomatischer Tätigkeit» ausweiten. Die EDA-Schaffung von sogenannten Laptop-Botschaften und die Konzentration auf konsularische Hubs, die jeweils für mehrere Staaten wirken, sind mehr oder weniger glückliche Lösungen im Rahmen des technischen Fortschrittes.

Was ist eigentlich das Wesen der Diplomatie?
Das ist der kontinuierliche Informationsaustausch und Interessenausgleich zwischen den einzelnen Staaten sowie zwischen Staaten und Internationalen Organisationen. Die Art und Weise, wie dies geschieht und die Geschwindigkeit des Austausches wird von der Technik mitbestimmt. Dass dabei das Spielfeld heute von einer Grossmacht und diversen Regionalmächten beherrscht wird, wird bei der Beobachtung rasch klar, davon sollten auch noch so grosse Völkerrechtsabteilungen in Aussenministerien nicht ablenken. George Orwells «Animal Farm» wurde offenbar nicht nur für die Wirklichkeit in einzelnen Staaten geschrieben. Auch in der Welt der sogenannt souveränen Staaten sind in Gottes Namen die einen gleicher als die anderen.

Und wie sind Top-Leistungen in der Diplomatie möglich?
Solche Leistungen entstehen in aller Regel durch ein gutes Zusammenspiel verschiedener Kräfte, die schweizerische Mithilfe zum russischen WTO-Beitritt gehört dazu. Die öffentliche, innenpolitische Vermarktung eines Erfolgs geht mir dann zu weit, diesbezüglich gerät man schnell von Infotainment zu Diplotainment. Klaus Jacobi, ein früherer Staatssekretär, hat in diesem Zusammenhang vom «Missbrauch guter Dienste» geschrieben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.08.2013, 20:00 Uhr

Max Schweizer arbeitete als Diplomat in Schweizer Botschaften unter anderem in Südafrika, Saudiarabien, Finnland und Spanien. Er ist Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Unter der Begriffskreation «Applied Diplomacy» gibt er dort in der Lehre und Weiterbildung Erfahrungen aus seinem «Diplomatenleben» an Studierende weiter. Beim Verein Swiss-Diplomats-Zurich-Network amtet er als Geschäftsführer. (Bild: ZHAW)

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Lesebuch «Diplomatenleben»

Blockade des EDA

Das EDA hat das von Ex-Diplomat Max Schweizer herausgegebene Buch «Diplomatenleben» jahrelang blockiert. Waren Teile des Buchs derart brisant, dass sie nicht veröffentlicht werden durften? Dazu sagt Schweizer: «Nach umfassenden internen Konsultationen hat der EDA-Rechtsdienst so viele Auflagen formuliert, dass ich von einer Neuveröffentlichung bereits früher publizierter Texte absah.» Ja, es habe sich tatsächlich um staatspolitisch brisante Texte gehandelt, «über die man ernsthaft diskutieren muss». Er habe aber den Entscheid des EDA respektiert.

Laut Schweizer richtet sich der Sammelband mit rund 60 Texten von früheren Diplomaten, Historikern und Journalisten an eine «interessierte Öffentlichkeit». «Die an Zeitgeschichte interessierten Citoyens möchten doch zum Beispiel den Fall von Minister Hans Frölicher (Gesandter in Berlin während des Zweiten Weltkriegs) doch etwas gründlicher verstehen», sagt Schweizer, «Paul Widmer hat die Thematik gründlich aufgearbeitet». Weshalb der Schweizer Botschafter in Washington, Carlo Jagmetti, 1997 vorzeitig zurücktrat, sei auch heute bedenkenswert. «Und wenn Staatssekretär Franz Blankart noch vor seiner Pensionierung in einer Rede die EWR-Verhandlungen kritisch durchgeht, und der Vortrag dann von der Basler Wirtschaftskammer gedruckt wird, so darf er in einem Sammelband nicht fehlen, obwohl unbequem.» (vin)

Max Schweizer (Hg.): Diplomatenleben. Akteure, Schauplätze, Zwischenrufe. August 2013, Chronos-Verlag Zürich.

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