Tierschützer kritisieren lasche Kontrollen beim Pferdefleisch

Die Zertifikate für die Pferdefleischproduktion in Übersee seien ungenügend, sagen Tierschutzorganisationen.

Werden laut Tierschützern schlecht gehalten: Pferde der argentinischen Firma Lamar. Foto: PD

Werden laut Tierschützern schlecht gehalten: Pferde der argentinischen Firma Lamar. Foto: PD

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Dreimal hat der Tierschutzbund Zürich (TSB) auf schlimme Missstände bei der Produktion von Pferdefleisch in Nord- und Südamerika hingewiesen. Nach den Enthüllungen über die Zustände in Schlachthöfen in Argentinien, Mexiko und Kanada, über die der «Tages-An­zeiger» und die Fernsehsendung «Kassensturz» vor einem Jahr erstmals berichtet hatten, waren Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten entsetzt. Die Bilder von gequälten, sich selbst überlassenen Pferden auf ihrem letzten Weg zur Schlachtbank liessen auch die Schweizer Detaillisten nicht kalt: Pferdesteaks und Mostbröckli aus Übersee wurden fast überall aus den Regalen genommen. Und die Importeure versprachen Kontrollen und eine bessere, tierschutzkonforme Pferdefleischproduktion.

Seither ist einiges geschehen: Zwar verkauft die Migros ihre Pferdesteaks weiter, sie versucht aber, mit ihrem Importeur Skinpacking vor Ort in Kanada den schweizerischen Vorschriften entsprechende Bedingungen einzurichten. Und Coop bezieht nur noch Pferdefleisch aus Frankreich. Andere Firmen hingegen unternahmen wenig: Der Schweizer Hauptimporteur, die GVFI International AG in Basel, die 2012 rund 2400 Tonnen Pferdefleisch im Wert von 29 Millionen Franken importierte, ­reagierte mit Beschwichtigungen. Und viele Detaillisten von Aldi über ­Denner bis Spar nahmen den Verkauf von ­Pferdefleisch aus Amerika bald ­wieder auf. Pünktlich zur Grillsaison gab es ­wieder «Knallerangebote» von Pferdesteaks.

Späte Reaktion der Importfirma

Nach weiteren Recherchen der Tierschützer musste die GVFI den Import aus Argentinien abbrechen: Der TSB wies im letzten November nach, dass im Schlachthof der GVFI-Lieferfirma Lamar in Buenos Aires auch gestohlene Pferde landeten, und reichte gegen die GVFI eine Strafanzeige wegen Hehlerei ein (TA vom 28. November). Bis März dieses Jahres galt indes wieder business as usual. Erst eine weitere Dokumentation der Tierschützer über die Qualproduktion auch in Kanada und den USA verdarb das Geschäft mit dem Pferdefleisch erneut (TA vom 12. März).

Jetzt reagiert auch die GVFI. Die Firma verspricht, künftig nur noch ­Pferdefleisch zu importieren, das gemäss europäischen und schweizerischen Tierschutzvorschriften produziert wird. Sie beauftragte den in Genf domizilierten internationalen Warenprüfkonzern Société Générale de Surveillance (SGS) mit der Kontrolle und Zertifizierung ihrer Lieferanten in Übersee. «Die GVFI hat dazu ein Handbuch erarbeitet, welches alle Aspekte der Lieferkette im Umgang mit Pferden abdeckt und auf den Mindestanforderungen der eidgenössischen Tierschutzgesetzgebung basiert», sagt der zuständige GVFI-Mann Oliver Freiburghaus und verspricht: «Zusätzlich werden auch angemeldete und ­unangemeldete Kontrollen durch die GVFI in den Produktionsländern durchgeführt.» Nicht einhalten könne man ­lediglich die Bestimmungen zu den ­Maximal-Transportzeiten der Pferde.

Aldi, Denner und Spar verlassen sich auf die GVFI und kündigten an, Pferdefleisch erst wieder zu verkaufen, wenn die von der GVFI für Juli angekündigten Kontrollen erfolgt seien.

Den Tierschützern genügt das allerdings nicht: «Wir haben in Argentinien erlebt, was die Zertifikate der SGS wert sind», sagt TSB-Präsident York Ditfurth. Selbst gegen die im Vergleich zur Schweiz und zur EU weniger strengen argentinischen Tierschutzvorschriften sei trotz der Zertifizierungen eklatant und regelmässig verstossen worden. «Es werden verletzte, kranke und schwache Tiere verladen, Hunde zum Treiben eingesetzt und Pferde in ungeeigneten Transportern über 12 bis 24 Stunden ohne jede Versorgung transportiert. Die Prüfpraxis der SGS ist zweifelhaft», so der Tierschützer.

Herkunft der Tiere unklar

«Wegen geringer Kundennachfrage und Beschaffungsschwierigkeiten» beziehe die GVFI seit letztem Herbst kein Pferdefleisch mehr aus Argentinien, versucht Freiburghaus die Kritik zu kontern. Doch laut Ditfurth ist es auch «in den USA und Kanada mit den grenzüberschreitenden Transporten ein Ding der Unmöglichkeit, auch nur annähernd EU- und Schweizer Tierschutzstandards zu erfüllen». So könne weder die Herkunft der Pferde sichergestellt werden, noch sei die Behandlung der Tiere auf den Auktionen, an den Sammelstellen und in den Mastanlagen korrekt. Die Tierschützer kritisieren auch grundsätzlich, dass angemeldete Prüfungen, die sogenannten Audits der SGS, unzureichend seien: Die vielen alltäglichen Tierquälereien im Umgang mit den Pferden würden ­dabei nicht aufgedeckt. Die bisherige Prüfungspraxis sei daher «eine Ver­brauchertäuschung».

Vom TA mit der Kritik der Tierschützer konfrontiert, reagiert der zum Schweizer Börsenindex SMI gehörende Weltkonzern mit einem Jahresumsatz von über 5 Milliarden Franken und über 80'000 Mitarbeitern weltweit wenig ­interessiert: Wiederholte Anfragen auch bis nach Argentinien blieben ­unbeantwortet.

Erstellt: 22.04.2014, 23:39 Uhr

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