Grüne Wirtschaft

Tonnenweise Essen im Abfall

Der Bundesrat will die Lebensmittelverschwendung eindämmen. Nun warnt die Wirtschaft vor neuen Gesetzen und appelliert an die Verantwortung der Verbraucher – zum Ärger der Konsumentenschützer.

Obst, Gemüse und Backwaren landen besonders häufig im Abfall: Mülltonne in Frankfurt an der Oder (Symbolbild).

Obst, Gemüse und Backwaren landen besonders häufig im Abfall: Mülltonne in Frankfurt an der Oder (Symbolbild). Bild: Keystone

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Die Mengen sind immens: In der Schweiz landen pro Jahr rund zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel im Abfall, zumeist Obst, Gemüse und Backwaren – etwa ein Drittel der produzierten Menge. In den EU-Staaten sind es über 40 Prozent. Achim Steiner, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, sagte unlängst, in einer Welt mit sieben Milliarden Menschen, deren Zahl bis 2050 auf neun steigen soll, sei es unsinnig, Lebensmittel wegzuwerfen – wirtschaftlich, ökologisch, ethisch.

Diese Haltung vertritt auch der Bundesrat. Mehrere Bundesämter prüfen derzeit, wie sich Nahrungsmittelreste reduzieren und nicht vermeidbare Abfälle besser verwerten lassen. Diese Bemühungen sind Teil des bundesrätlichen Aktionsplans Grüne Wirtschaft. Die Landesregierung reagiert damit nicht zuletzt auf die grüne Volksinitiative «Für eine nachhaltige und ressourceneffiziente Wirtschaft», die den Ressourcenverschleiss bis 2050 um den Faktor drei reduzieren will. Anders als die Initianten lehnt der Bundesrat eine quantitative Zielvorgabe ab. Konkrete Vorschläge will er im Umweltschutzgesetz verankern und der Initiative so einen indirekten Gegenvorschlag gegenüberstellen.

Pflicht zur Abfallverwertung

Wie sich die Vergeudung von Esswaren am besten eindämmen lässt, ist umstritten. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse warnt vor neuen Vorschriften und Gesetzen: «Es wäre falsch, voreilig zu Regulierungen zu greifen», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse. Doch just in diese Richtung zielt ein Vorstoss der GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley (VD), den der Nationalrat im Dezember überwiesen hat: Grossverteiler wie Migros und Coop sowie Restaurants sollen künftig alle Nahrungsmittelabfälle verwerten müssen. Sie hätten nach Vorstellung Chevalleys dabei vier Optionen: die Abfälle zu kompostieren, an Bedürftige abzugeben, an Tiere zu verfüttern oder daraus Biogas zu produzieren.

Neuland beschritte die Schweiz damit nicht. In Frankreich besteht diese Verwertungspflicht seit Anfang 2012. In anderen EU-Ländern laufen ähnliche Bestrebungen. In Deutschland will die Koalition aus CDU und FDP gemeinsam mit der rot-grünen Opposition die Lebensmittelverschwendung bis 2020 halbieren. Die Bundesregierung, so fordern sie, müsse mit der Wirtschaft branchenspezifische Zielvereinbarungen zur Reduktion von Lebensmittelabfall treffen und den jeweils Branchenbesten veröffentlichen.

Konzept, um Abfälle zu vermeiden

Auch das EU-Parlament will den Abfallberg aus Esswaren verkleinern, bis 2025 um 50 Prozent. Die Vorschläge reichen von Sensibilisierungskampagnen über Ernährungskurse für Schüler und Studenten bis hin zu strikten Regeln, etwa vorgeschriebene Verpackungsgrössen, die den Bedürfnissen auch kleiner Haushalte angepasst werden sollen. 2014 soll zum «Europäischen Jahr gegen Lebensmittelverschwendung» werden.

Die Bestrebungen in der EU dürften Strahlkraft bis in die Schweiz entfalten. In seinem Kampf gegen den Esswarenverschleiss wird sich der Bund nicht zuletzt an den politischen Massnahmen orientieren, welche in der EU mehrheitsfähig sind. Der Bundesrat will Chevalleys Vorstoss, der den gleichen Geist wie die EU-Vorschläge atmet, denn auch vertieft prüfen.

Diese wohlwollende Haltung schreckt die Wirtschaft auf. «Der angedrohte Zwang zur Verwertung droht unsere Eigeninitiative im Keim zu ersticken», sagt Bernhard Kuster, Direktor von Gastrosuisse. Der Verband für Hotellerie und Restauration mit seinen 20'000 Mitgliedern arbeitet an einem Konzept, das Abfälle dank einer Optimierung der Betriebsabläufe möglichst vermeiden will. Der Anreiz sei nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen gross, da für alle Verwertungsformen Kosten anfielen, so Kuster.

Aufklärung der Konsumenten

Auch Migros und Coop stehen neuen Vorschriften skeptisch bis ablehnend gegenüber. Beide Grossverteiler rühmen sich, ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Coop und Migros bringen eigenen Angaben gemäss um die 99 Prozent ihrer Lebensmittel an die Kunden. Der kleine Rest werde möglichst verwertet – etwa als Tierfutter, in der Vergärung oder als Kompost. Im Abfall lande fast nichts. Beide Grossverteiler haben zudem freiwillig weitere Massnahmen ergriffen.

So arbeiten sie etwa mit karitativen Organisationen wie «Tischlein deck dich» zusammen und bieten Lebensmittel kurz vor dem Ablaufdatum verbilligt an. Für Migros-Sprecher Urs Peter Naef liegt der Fokus der Debatte falsch: «Wo bleiben die Massnahmen bei den Konsumenten?» Die Haushalte verursachen fast die Hälfte des Abfalls (siehe Grafik).

Economiesuisse-Chefökonom Minsch appelliert deshalb an die Eigenverantwortung. «Es muss ein Umdenken stattfinden.» Minsch begrüsst die vom Bund initiierte Sensibilisierungskampagne – eine Wanderausstellung zur Thematik, die Anfang März in Basel gastierte und nun ins Rheintal weiterziehen wird, dann nach Zürich, Sitten, Lausanne und ins Tessin. Seien die Konsumenten aufgeklärt, entstehe automatisch ein öffentlicher Druck auf die Lebensmittelbranche, die Verschwendung weiter zu drosseln, sagt Minsch. Dies bewirke mehr als Regulierungen, die zumeist bloss gesetzliche Minimalvorgaben enthielten und «die Branche aus der Selbstverantwortung entlässt, mehr zu tun».

Akteure an einen runden Tisch bringen

Dass die Lebensmittelbranche den Schwarzen Peter an die Konsumenten weiterreicht, weckt Unmut. Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung Konsumentenschutz, kritisiert, die Lebensmittelbranche leiste der Verschwendung Vorschub, indem sie bei Produkten das Ablaufdatum möglichst kurz ansetze, um so den Absatz zu steigern. Heute könnten die Händler selber definieren, wie lang ihre Produkte haltbar seien.

Zudem gebe es drei Datierungsmöglichkeiten: «mindestens haltbar bis», «verkaufen bis» und «verbrauchen bis». «Für die Konsumenten ist das verwirrend.» Eine Vereinfachung sei nötig. Für lang haltbare Lebensmittel wie Teigwaren wollen die Konsumentenschützer das Ablaufdatum gar ganz streichen.

Solche Probleme, hofft der WWF Schweiz, sollten sich mit Branchenvereinbarungen lösen lassen. «Bei den Unternehmen ist die Sensibilität für das Thema hoch und das Momentum gut», sagt Jennifer Zimmermann, Projektleiterin Konsum. Ob der Bund auch diesen Ansatz präferiert oder neue Gesetze schaffen will, ist offen. Das federführende Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) verweist auf laufende bilaterale Gespräche mit den verschiedenen Interessengruppen. Ziel sei es, im Sommer die Akteure an einen runden Tisch zu bringen.

Erstellt: 25.03.2013, 06:29 Uhr

(Bild: TA-Grafik mrue/Quelle: Verein Foodwaste. WWF Schweiz)

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