Torschlusspanik bei Frankreichs Reichen

Immer mehr vermögende Franzosen suchen Hilfe bei Steueranwälten und -beratern am Genfersee. Sie fürchten einen Steuerschock nach den Wahlen – selbst dann, wenn Sarkozy an der Macht bleiben sollte.

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Wenn der Sozialist François Hollande die französischen Präsidentschaftswahlen gewinnt, so wie es praktisch alle Umfragen nahelegen, werden Personen mit hohen Einkommen und grossen Vermögen vom Fiskus stärker zur Kasse gebeten. Immer mehr reiche und superreiche Franzosen prüfen ernsthaft die Auswanderung in die Schweiz, wie Westschweizer Steueranwälte und -berater übereinstimmend berichten. Infrage kommt vor allem die Region am Genfersee. Nicht zuletzt wegen der Pauschalbesteuerung, die die Kantone Waadt und Genf reichen Ausländern gewähren.

Die Anfragen aus Frankreich hätten deutlich zugenommen, sagte Philippe Kenel im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Kenel berät und begleitet Ausländer beim Umzug in die Schweiz. In den ersten Monaten 2012 hatte er so viele Mandate wie sonst in einem ganzen Jahr.

Einkommenssteuer: Höchstgrenze von 50 Prozent bereits aufgehoben

Auch andere Kenner der Materie sagen, dass die Schweiz als Exil für Reiche und Vermögende aus Frankreich an Attraktivität gewonnen habe. Dies liegt aber nicht nur an den Unsicherheiten, die die laufenden Präsidentschaftswahlen ausgelöst haben. Als weiteren Grund nennt François Micheloud, Chef einer Westschweizer Steuerberatungsfirma, die Abschaffung des sogenannten «bouclier fiscal», die die französische Nationalversammlung im Juni des letzten Jahres beschlossen hatte. Gemäss diesem Entscheid kann die Steuerbelastung auf Einkommen wieder 50 Prozent übersteigen. Auch die Verschlimmerung der Wirtschaftskrise befördere die Auswanderung. «Die Leute mit hohen Einkommen haben genug von diesen Dingen», sagt Steuerberater Micheloud.

Thierry Henry, Partner eines Lausanner Unternehmens, das Franzosen in Steuer- und Domizilfragen unterstützt, macht ähnliche Beobachtungen. Viele französische Unternehmer, die in die Schweiz gezogen seien, hätten genug von den ständigen Kontrollen der Steuerbehörden. «Das in Frankreich herrschende Klima ertragen sie nicht mehr», sagt Henry. Wegen der «politischen und fiskalen Instabilität in Frankreich» hätten diese Unternehmer keine Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. Letztlich spiele es auch keine Rolle, ob der neue französische Präsident links oder rechts stehe. Auch bei einem Sieg von Nicolas Sarkozy rechnen die Reichen und Vermögenden mit höheren Abgaben an den Fiskus, wie Henry zu verstehen gibt.

2000 pauschalbesteuerte Franzosen in Genf und der Waadt

Das Schreckensszenario würde ganz klar bei einem Wahlsieg von François Hollande eintreten – sofern er an seinem Vorschlag einer Steuer von 75 Prozent für Einkommen ab einer Million Euro festhielte. Gemäss einer Berechnung der Nachrichtenagentur AFP wären 7000 bis 30'000 Franzosen von der hollandeschen Steuer betroffen. Diese Personen wären Kandidaten für einen Umzug in die Steuerparadiese der Romandie. Gemäss Experten lohnt sich das Auswandern für Personen, die über ein Vermögen von mindestens sechs bis acht Millionen Euro verfügen. In den Kantonen Waadt und Genf liegt die derzeitige Zahl der pauschalbesteuerten Franzosen zwischen 1500 und 2000. Die «Bilanz»-Liste der 300 Reichsten in der Schweiz zählt 44 Exilfranzosen, darunter figurieren 13 Milliardäre.

Gemäss einem Bericht der Zeitung «Le Monde», der sich auf Aussagen eines Vermögensverwalters eines Genfer Family Office beruft, haben die meisten noch keinen definitiven Auswanderungsentscheid gefällt. Sie hätten jedoch die notwendigen Vorkehrungen getroffen, um relativ rasch ihr Domizil in die Schweiz verlegen zu können. Dennoch: Die Zahl der Auswanderer von Frankreich in die Romandie wird deutlich kleiner sein als vor 30 Jahren, als mit François Mitterand erstmals ein Sozialist in den Elysée-Palast eingezogen war. Das waren noch ganz andere Zeiten.

Artikel mit Material der Nachrichtenagentur AFP

Erstellt: 19.04.2012, 09:48 Uhr

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