Türkischer Kulturverein: «Wir radikalisieren keine Kinder»

Ein Sprecher der Basler Mevlana-Moschee weist Vorwürfe der Indoktrinierung zurück.

Der umstrittene Wolfsgruss. Foto: Bas Czerwinski (Keystone)

Der umstrittene Wolfsgruss. Foto: Bas Czerwinski (Keystone)

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Haydar Asik ist aufgebracht, der 37-jährige gelernte Elektromonteur fühlt sich missverstanden: «Wir sind ganz normale Leute, die arbeiten und Kinder erziehen. Wir sind keine Faschisten.»

Asik amtet als Sprecher des Türkischen Kulturvereins Basel. Die Organisation, die der nationalistisch-türkischen MHP nahesteht (Milliyetçi Hareket Partisi oder Nationale Bewegungspartei), betreibt in Basel die Mevlana-Moschee. Seit letzter Woche steht der Verein unter Beschuss – seit bekannt wurde, dass er vorgestern Samstag einen Anlass plante: Eingeladen waren zwei bekannte Vertreter der Grauen Wölfe, wie der militante Arm der MHP-Bewegung auch genannt wird. Einer davon ist Cemal Çetin, Präsident des europäischen Dachverbands der Wölfe. Er ist zurzeit auf Polittournee und wirbt offensiv für ein Ja beim Referendum vom 16. April, unterstützt also Präsident Erdogan.

Der geplante Aufmarsch der Wölfe in Basel sorgte in der Schweiz für Aufregung. Politiker dachten über ein Verbot nach, Antifaschisten kündigten eine Demonstration an. Schliesslich entschied die Baselbieter Polizei, den Anlass aus Sicherheitsgründen zu verbieten.

Kinder machen den Wolfsgruss

Gestern legte die «SonntagsZeitung» nach und erhob den Vorwurf, in der Mevlana-Moschee werde dem Nachwuchs der Traum eines türkischen Grossreichs eingeimpft. Für Fotos müssten die Kinder dem Arm zum Wolfsgruss erheben – dem Zeichen der Grauen Wölfe. Wer die Facebook-Seite der Mevlana-Moschee besucht, findet unter anderem Fotos von einer Gruppe von Männern, die in einem Skigebiet mit Schlitten posieren. Dabei formen mehrere von ihnen das markante Handzeichen: Rechter Arm erhoben, Zeigefinger und kleiner Finger ausgestreckt, die restlichen Finger bilden eine stilisierte Schnauze – der Wolfsgruss. Auf einer Seite des Portals Pinterest finden sich zudem Fotos, die Kinder in einem Schulraum der Mevlana-Moschee zeigen; auch sie haben die Arme zum Wolfsgruss erhoben.

Es gebe eine ganze Reihe von Missverständnissen, sagt Haydar Asik: «Plötzlich schreiben die Medien über uns, ohne mit uns zu sprechen.» Ja, es gebe in der Moschee Kurse, Deutsch, Mathe und auch Koranunterricht. «Aber wir radikalisieren keine Kinder.» Der Wolfsgruss sei in der MHP, mit der man sympathisiere, als Zeichen weit verbreitet. «Das ist nichts Illegales.» Und: Die Mehrheit der Vereinsmitglieder wolle beim Referendum ein Nein einlegen.

Um die Grauen Wölfe war es in der Schweiz lange ruhig, aber die Gruppierung ist nicht neu. 2004 schrieb der Bundesrat in einem Extremismusbericht: Die Wölfe seien als «rechtsextreme Gruppierung» einzustufen, die als «paramilitäre Einheit» der Partei MHP auftrete. Sie pflegten einen «ausgeprägten Nationalismus und Extremismus gegen ethnische Minderheiten in der Türkei» und würden auch Mitglieder von türkischen linken Gruppierungen angreifen.

«Wir sind nationalistisch eingestellt», sagt Asik. «Aber wir sind nicht extremistisch oder rassistisch. Und mit Gewalt haben wir auch nichts zu tun.» Er glaube ans Schweizer System, er sei seit seiner Geburt hier: «Ich fühle mich als Tourist, wenn ich in der Türkei bin.»

Der Anlass vom Samstag sei schon seit sechs bis sieben Monaten geplant gewesen, damals sei das türkische Referendum noch gar kein Thema gewesen. Man habe das zwanzigjährige Jubiläum des Vereins feiern wollen, der 1997 gegründet worden sei. Cemal Çetin habe man gesagt, dass er eine kurze Dankesrede halten könne – «aber wir sagten ihm ausdrücklich, dass er nicht über das Referendum sprechen darf. Politik sollte draussen bleiben.»

Laut Asik überlegt sich der Verein nun, den Anlass neu anzusetzen – nach dem Referendum.

Strafanzeige wegen Spionage

Auch Bundesanwalt Michael Lauber beschäftigt sich inzwischen mit den Auswirkungen des türkischen Abstimmungskampfs. Der Urner Ständerat Josef Dittli (FDP) hat in Bern Strafanzeige wegen Verdachts auf politischen Nachrichtendienst eingereicht. «Die Medien haben über zahlreiche Spitzeleien und Spionagetätigkeiten berichtet; dagegen muss etwas getan werden», sagt er. Die Bundesanwaltschaft prüft nun die Anzeige, wie eine Sprecherin bestätigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 23:33 Uhr

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