Tüü-taa-tot – ein Mythos auf Talfahrt

Warum geht uns ein Fall abgezweigter Bundesmillionen so nahe? Weil Postauto kein gewöhnliches Unternehmen ist

Postautochauffeur Guido Francioli auf der Route Interlaken-Ringgenberg-Interlaken-Bönigen. Foto: Adrian Moser

Postautochauffeur Guido Francioli auf der Route Interlaken-Ringgenberg-Interlaken-Bönigen. Foto: Adrian Moser

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Es war vor einigen Jahren, und es geschah im Entlebuch. Die Strasse zwischen Flühli und Schüpfheim, Wintereinbruch in der Weihnachtszeit, ein Lastwagen rutscht von der Fahrbahn, und zwar, weil er einem Postauto auszuweichen hatte, das ihm entgegenkam. So stand es im «Entlebucher Anzeiger». Er kenne das Problem, schrieb darauf ein Leser: Postautos mit «unverantwortlichem Tempo» seien keine Seltenheit auf jener Strecke, er sei selber schon «von einem Postauto attackiert» worden.

Der Vorwurf blieb nicht lange stehen. Die Chauffeure seien keine rücksichtslosen Blocher, teilte der zuständige Postautohalter mit. Die Anschuldigungen seien so haltlos wie die Idee, das Postauto könnte etwas zu tun haben mit dem Vorfall. Das müsse eine «Zeitungsente» sein. Offenbar gehört das zur Standardausstattung des Postautos, neben der gelben Farbe und dem Tüü-taa-too: die Idee, dass hier Pflichtgefühl und Zuverlässigkeit am Steuer sitzen. Und weiter hinten, auf den Fahrgastplätzen, das Vertrauen, dass einem nichts passieren kann. Falls doch, dann durch die Schuld der anderen.

Video - «Eine Vorverurteilung wäre falsch»

Urs Schwaller erklärt im Interview, weshalb der Verwaltungsrat der Post weiterhin hinter Susanne Ruoff steht. Video: Lea Blum/SDA

Der Knopf, der hilft

«Ja, was ist jetzt?» Guido Franciolis Zeigefinger verfärbt sich gelb, so fest presst er ihn auf den Knopf neben dem Tacho. Aber es regt sich nichts. Die mittlere Tür: immer noch blockiert.

Eigentlich müsste er schon unterwegs sein. Kurs 103, 14.29 Uhr, von Interlaken-West Bahnhof nach Bönigen See. Eine anspruchsvolle Strecke. 17 Minuten, 10 Haltestellen, 7 Kreisel, 2 Fussgängerzonen, dazu unzählige Rechtsvortritte, Bremsschwellen und Verengungen. Und schon zwei Minuten Verspätung. Sie ist rot eingeblendet auf einem Display neben dem Steuer. Auf die Sekunde genau. Ticktack. Ticktack.

Francioli wirft einen Blick in den Rückspiegel, alles ruhig, und startet sein Postauto, einen Elektrobus der jüngsten Generation, neu. «Wusch» tönt es von hinten. Tür zu. Dann ein leises Summen. Das Postauto rollt. Er wolle sich nicht beklagen, sagt Guido Francioli (52). Früher hätten die Chauffeure noch aussteigen müssen, um die Türen von Hand zu schliessen. «Jetzt drücke ich einfach diesen Knopf da, wenn das Betriebssystem nicht mehr nachkommt.»

So ist das beim Postauto. Ein Problem – ein Handgriff – ein Held.

«Endstation Bschiss!»

So war es jedenfalls. Bis vor zwei Wochen. Seither fragt sich die Schweiz, wie es möglich war, dass Finanzverantwortliche der Postauto AG mit grösstem Aufwand und illegalen Tricks von 2007 bis 2015 über 90 Millionen Franken an Subventionen abzweigten. Dass sie Betrug begingen am Bund, ihrem Besitzer, und auch am Volk, das sich doch Tag für Tag vertrauensvoll ins Postauto setzt. Es ist der perfekte Skandal.

Die Entrüstung, auf der Strasse, am Stammtisch, im Bundeshaus: riesig. Wer wusste vom Betrug? Was war das Motiv? Renditedruck? Boni-Gier der Manager? Postchefin Susanne Ruoff wankt, obwohl ihr der Verwaltungsrat das Vertrauen ausgesprochen hat. Auch Verkehrsministerin Doris Leuthard (CVP) muss nach zwölf beinahe makellosen Jahren in der Landesregierung plötzlich einstecken. «Endstation Bschiss!» titelte der «Blick». Selbst die NZZ fordert «maximale Aufklärung».

Warum diese Aufregung? Hat die Postspitze den Fehler nicht längst eingeräumt? Sich bestmöglich entschuldigt? Eine rigorose Untersuchung angeordnet? Die Rückzahlung der ertrogenen Gelder versprochen? Und die ersten Verantwortlichen geschasst?

Wo die Schweizer Seele ruht

Es gibt nur eine Antwort: Der politische Skandal geht weit über den Subventionsbetrug hinaus. Hier wankt ein Heiligtum. Immerhin ist die Schweiz die einzige Nation der Welt, die einen Bus verehrt. Schon als der Bundesstaat von 1848 das Postwesen von den Kantonen übernahm, ging es ihm nicht nur um die Wirtschaft und den Binnenmarkt. Sondern ebenso um die «Hebung des nationalen Elementes», wie es damals hiess: «Durch ein Institut wie die Post, welche tagtäglich dem Bürger an jedem Orte die Einheit der Eidgenossenschaft vor Augen führt, muss das Gefühl der Zugehörigkeit an Lebendigkeit gewinnen.» So gab sich der neue Staat – heterogen in seinen Kulturen, Sprachen, Konfessionen – mit der Post eine Infrastruktur, die den abstrakten Bund im ganzen Land erfahrbar machte. Und als dann 1906 das erste «Postautomobil» fuhr (von Bern über Wohlen nach Detligen), da ging es auch umgehend eine Symbiose mit den grossen politischen Ideen dieses Landes ein. «Die Nachfahren der hundertfältig besungenen Postillons führen das Steuer», heisst es in einer Kunstedition der Post von 1928. So erschloss der gelbe Wagen die Alpen, wo die Seele dieses Landes ruht. Er brachte «alle sozialen Schichten in den Genuss der Vorteile der Motorisierung» (das Buch «Die Strasse lebt» von 1959). Und er wurde zum Vehikel der Willensnation, weil er in die hintersten Winkel fährt und so die Schweiz zusammenhält.

Das ist das Ideal, und im kollektiven Gedächtnis findet sich das prototypische Bild dazu. Ein Postauto auf einer Passstrasse in den Bergen, links und rechts ragt drei, vier Meter hoch der Schnee, und im offenen Wagen sieht man die Schar der Passagiere behütet wie in einer Schatulle – eine Schicksalsgemeinschaft, vereint durch ihr gemeinsames Ziel. Und gehört nicht auch das zur Fahrt im gelben Wagen: die Autos, die auf der Bergstrecke zurückweichen? Der Vortritt für die Mehrheit? Und ist nicht gerade das sehr schweizerisch?

Eben. Das Postauto ist ein wahrer Volkswagen, sein Fahrer ein treuer Diener der Demokratie – auch wenn man ihn früher «Führer» nannte. So wie 1942 in einem Buch über die Berufe bei den PTT: «Wir sind die Landsknechte der Strasse. Unser Stolz: Die gelben Wagen. In den Garagen werden sie von ihren Führern gehätschelt und betreut. Sogar der Pullover eines englischen Vizekönigs von Indien musste einst herhalten, den Postwagen vom Staube zu befreien und das weisse Kreuz im roten Feld aufzupolieren.»

Jetzt gibt es Sprüche im Bus

Die grossen Räder, die mächtigen Motoren, das leuchtende Gelb: Auch Guido Francioli war als Bub fasziniert davon. Zum Postauto gefunden hat er aber erst vor gut drei Jahren. Ein pragmatischer Entscheid: «Wer braucht heute noch einen Radio- und Fernsehelektroniker?» Postautochauffeur, das schien ihm sicherer.

Francioli mag den Kontakt zu den Passagieren, die schönen Kurse an den Talflanken Interlakens. Und er ist stolz auf seinen Arbeitgeber. «Im Team werde ich dauernd gefragt, wie es mir geht, ob ich ‹zwääg› bin. Das habe ich früher nie erlebt.» Auch sonst würden die Chauffeure gut umsorgt. In der Garage stehe immer ein Korb mit Früchten. Es gebe sogar ein Teamabo fürs Fitness.

Aber ja, dass sich die Stimmung seit dem Betrug verändert hat, das hat auch Guido Francioli festgestellt. Sprüche höre er immer wieder. Dass so etwas bei Postauto passieren könne! Jetzt sei aber wirklich der Lack ab! «Doch die Leute können schon unterscheiden. Das ist ja oben passiert, in der Chefetage, nicht hier bei uns an der Front.» Trotzdem: Auch die Chauffeure würden sich nun noch ein bisschen mehr anstrengen müssen. Pünktlich sein, hilfsbereit, freundlich. Francioli lächelt. «Es kann Jahre gehen, bis diese Sache vergessen ist.»

Neue Wege für die Post

Aber möglicherweise hat sich die Post ja schon längst verabschiedet von ihrem Ideal, ihrem historisch-politischen Kapital. 2004 kam die Initiative «Postdienste für alle» an die Urne. Und während die Initianten von «Identität» und «Nähe» sprachen, von einem «Kitt für die Gemeinschaft» und einem «Bindeglied unserer vielfältigen Kultur», konnte die Post selber mit alledem kaum noch etwas anfangen.

Postchef war damals noch nicht Susanne Ruoff, die Frau von IBM, sondern Ulrich Gygi, Sozialdemokrat und Ökonom, und auch er fand, die Post sei «kein gewöhnliches Unternehmen», sondern ein «nationales Symbol». Doch das war nur ein Aber, eine Störung betriebswirtschaftlicher Rationalität. Ja, fand Gygi seinerzeit, die Post sei «ein Stück Heimat», aber entscheidend sei die Kostenfrage. Ja, die Post «weckt enorme Emotionen», «aber sie muss neue Wege gehen». Eine brüchige Identität, tatsächlich.

An der Endstation in Bönigen See steigt ein junges Paar aus Fernost zu Francioli ins Postauto und möchte ein Ticket kaufen, zurück zum Hotel. Ob sie die kleine blaue Karte des Hotels nicht bei sich hätten, fragt Francioli. Das Paar verneint. Mit der «little blue card» sei die Fahrt nämlich gratis, sagt Francioli, sie müssten unbedingt an der ­Réception danach verlangen. Und ohne Karte? «Seven twenty for two», sagt Francioli. «Very expensive. Welcome to Switzerland!»

* Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Februar 2018 auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 14:35 Uhr

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