Umstrittener schwedischer Botschafter wird abgelöst

Einen Tag nachdem der aktuelle Botschafter Per Thöresson in der Schweiz erneut in die Negativschlagzeilen geriet, gibt Schweden seinen Nachfolger bekannt. Thöresson wird nach New York versetzt.

Abberufen: Per Thöresson, der schwedische Botschafter in der Schweiz.

Abberufen: Per Thöresson, der schwedische Botschafter in der Schweiz. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die schwedische Regierung hat Magnus Holm zum neuen Botschafter in der Schweiz ernannt. Holm hat bereits in Tallinn, Berlin und Tokio gearbeitet. Zurzeit ist der Botschafter bei der nordischen Kooperation.

Wie es in einer Mitteilung der schwedischen Regierungskanzlei heisst, wird der neue Botschafter seine Arbeit in Bern im Herbst 2014 aufnehmen. Dabei handle es sich um eine normale Ablösung, die schon länger geplant gewesen sei, sagte ein Sprecher der schwedischen Regierung gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Empörung in Schweden geringer

Der aktuelle Botschafter, Per Thöresson, war seit 2006 in der Schweiz. Er war im Zusammenhang mit dem Lobbying für den Gripen-Kampfjet des schwedischen Herstellers Saab in die Negativschlagzeilen geraten. So wurden den Medien im Februar geheime Dokumente zugespielt, in denen er seine Beeinflussungsversuche Schweizer Politiker schilderte. Gestern wurde schliesslich bekannt, auf welche Weise er kritische Parlamentarier zu einem Meinungswechsel bewegen wollte – und wie intensiv er Verteidigungsminister Ueli Maurer bei dessen Strategie für das Gripen-Geschäft beraten hatte. Thöresson äusserte sich wenig schmeichelhaft über zahlreiche hiesige Politiker. Seiner Karriere scheint das allerdings nicht zu schaden. Wie die schwedische Regierung bereits vor einer Woche vermeldete, wird Thöresson ab 1. September 2014 neuer Botschafter von Schweden am UNO-Hauptsitz in New York. Die zeitliche Differenz zwischen der Ankündigung von Thöressons neuem Posten und der Bekanntgabe seines Nachfolgers in Bern begründete ein Sprecher in Stockholm damit, dass die Nachfolgeregelung vor einer Woche noch unklar gewesen sei.

Wie Journalist Alexander Gagliano vom schwedischen Radio gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt, hätten die gestrigen Enthüllungen seines Senders zwar in Schweden keine so hohen Wellen wie in der Schweiz geworfen, doch aufgrund der bereits im Februar publik gewordenen Indiskretionen sei es durchaus möglich, dass die Abberufung Thöressons hinter den Kulissen schon beschlossene Sache gewesen sei. Gagliano vermutet, dass Thöresson seiner Arbeit in der Schweiz wegen der umstrittenen Äusserungen nur noch unter erschwerten Bedingungen fortsetzen konnte. Womöglich sei es bei diesem Schritt darum gegangen, «die Situation zu beruhigen». Auf seine entsprechende Nachfrage in Regierungskreisen hiess es, die Personalrochade sei «unverdächtig».

Hurter forderte gestern Rücktritt des Botschafters

Die neusten Geheimdokumente hatten gestern in der Schweiz für erheblichen Wirbel gesorgt: Aussenpolitiker erachteten die Einmischung des schwedischen Botschafters in die Entscheidungsfindung des Schweizer Parlaments als unzulässige Kompetenzüberschreitung. Thomas Hurter, SVP-Nationalrat und Präsident der zuständigen Sicherheitspolitischen Kommission (SIK), forderte gar, Thöresson müsse Konsequenzen ziehen. «Der Botschafter ist nicht mehr tragbar», sagte er im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Thöresson hatte zuhanden seiner Regierung ein Gespräch mit Hurter rapportiert, bei dem er diesem angeblich ein Argumentarium unterbreitet habe, wie er einen Meinungswechsel zur Gripen-Beschaffung öffentlich begründen könnte. Hurter bestreitet dies indes vehement.

Auch andere Parlamentarier wurden in den Geheimdokumenten namentlich erwähnt. Sie weisen die Aussagen des Botschafters ebenfalls mehrheitlich von sich, wie sie gestern gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagten. So versicherte etwa SP-Nationalrätin und Ex-SIK-Präsidentin Chantal Galladé, Thöresson habe keinen Einfluss auf die Sitzungsplanung der Kommission genommen, wie er es dargestellt hatte. Und Walter Müller ärgerte sich über die Einschätzung des Botschafters, er würde die Jet-Milliarden lieber für die Landwirtschaft ausgeben. Beide Sicherheitspolitiker attestierten Thöresson ein «fragwürdiges Demokratieverständnis». Einzig Gripen-Befürworterin und FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger zeigte Verständnis für den Botschafter: Der ausführliche Rapport über die politischen Chancen des Deals nach Schweden sei schliesslich dessen Aufgabe.

«Das Vertrauensverhältnis war gestört»

Thomas Hurter begrüsst die Absetzung des schwedischen Botschafters. Es spiele letztlich keine Rolle, ob Thöresson wegen seines Verhaltens in der Gripen-Abstimmung als Botschafter abgesetzt wurde oder im Rahmen einer normalen Rotation. «Schweden musste etwas unternehmen. Das Vertrauensverhältnis war gestört.»

FDP-Präsident Philipp Müller wiederum hatte dem schwedischen Botschafter am Dienstag geraten, «ernsthaft über die Bücher» zu gehen. Der Botschafter rapportiere jeden «Hafenkäse» nach Schweden. Die Versetzung des Botschafters will der FDP-Präsident allerdings nicht kommentieren: «Er ist Angestellter von Schweden, nicht der Schweiz.» Einen kleinen Seitenhieb kann sich Müller aber nicht verkneifen: Ihn interessiere es, ob der Botschafter für die «optimale Betreuung» der hiesigen Politiker einen schwedischen Verdienstorden bekomme. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.04.2014, 11:56 Uhr

Der neue schwedische Botschafter in der Schweiz heisst Magnus Holm.

Bildstrecke

Gripen-Abstimmung

Gripen-Abstimmung Am 18. Mai 2014 wurde das «Bundesgesetz über den Fonds zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen» abgelehnt.

Artikel zum Thema

Rätsel Maurer

Porträt Je mehr Ueli Maurer austeilt, desto undurchschaubarer wird er. Wie viel Kalkül steckt hinter den Provokationen des Verteidigungsministers? Mehr...

Geheimbriefe nach Stockholm

Berichte des schwedischen Botschafters zeigen die engen Kontakte zu FDPlern und zu Ueli Maurer. Und dass die Schweiz nicht überall einen guten Preis bezahlt. Mehr...

Schwedens Botschafter fürchtete sich vor Maurers Marotten

Geheime Papiere zeigen, wie der schwedische Botschafter in Bern vor der entscheidenden Kommissionssitzung zum Gripen-Kauf die Fäden zog. Seine grösste Angst war, dass Ueli Maurer erneut aus der Reihe tanzt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Sweet Home Kleine weisse Wunder

Mamablog Soll man schreckliche Kinderwünsche erfüllen?

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.