Umweltparteien verlieren, Umweltverbände wachsen

Die Umweltverbände und Swisscleantech beobachten enttäuscht die Verluste von Grünen und Grünliberalen. Sie spüren nichts vom angeblichen Desinteresse an der Umwelt.

Der Schutz von Naturgebieten wie dem Urwald Derborence VS ist populär, grüne Parteien derzeit weniger. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Schutz von Naturgebieten wie dem Urwald Derborence VS ist populär, grüne Parteien derzeit weniger. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Bilanz der letzten Monate ist verheerend für die grünen Parteien. Wo immer kantonale Wahlen stattgefunden haben, in Baselland, Luzern, Zürich; GLP und die Grünen gehörten zu den Verlierern. In Zürich büssten sie zusammen rund sechs, im Baselbiet und in Luzern rund vier Prozent ein. Gleichzeitig verbuchten FDP und SVP teilweise beachtliche Erfolge. Das sind jene Kräfte, die bisher am wenigsten Herz für grüne Anliegen zeigen.

Bei den Umweltverbänden sowie beim ökologischen Wirtschaftsverband Swisscleantech reiben sich die Verantwortlichen die Augen. Einerseits drohen sie bei einer Fortsetzung der grünen Abwärtsspirale bei den nationalen Wahlen im Herbst wichtige Allianzpartner zu verlieren. «Die Verluste von GLP und Grünen bereiten uns ganz klar Sorgen», sagt stellvertretend Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.

Wachstum bei den Verbänden

Andererseits spüren die Verbände selbst nichts vom angeblich abnehmenden Interesse an der Umwelt, das Politologen zur Erklärung der grünen Niederlagen bemühen. Im Gegenteil: Trotz Frankenstärke und wirtschaftlichen Sorgen der Bevölkerung wachsen sie beträchtlich, wie eine Umfrage des TA zeigt. Beim WWF sind die Spenden von 42,3 im Jahr 2012 auf 49,3 Millionen Franken im vergangenen Jahr gestiegen. Pro Natura nahm 2014 aus Zuwendungen 23,8 Millionen ein, sechs Jahre früher waren es noch 18,1 Millionen gewesen. Die VCS-Co-Geschäftsleiterin Caroline Beglinger spricht von einem stetigen Anstieg von jährlich rund 10 Prozent auf ungefähr 800'000 Franken im vergangenen Jahr. Die letztjährige Rechnung sei allerdings noch nicht genehmigt.

Der ökologische Wirtschaftsverband Swisscleantech wächst ebenfalls weiter, obwohl die Phase des grossen Booms rund fünf Jahre nach der Gründung vorüber ist. Momentan versucht Geschäftsführer Nick Beglinger vor allem Grosskonzerne zu gewinnen, von denen viele bisher auf Distanz gegangen sind. Im Dezember konnte er stolz den Möbelgiganten Ikea als neues Mitglied begrüssen.

Viele Kräfte geben sich grün

Was also läuft falsch bei den grünen Parteien, wenn ihre Geschwisterorganisationen auf Verbandsseite gleichzeitig einen Boom erleben? «Die Umweltthemen sind Opfer ihres eigenen Erfolgs», meint Caroline Beglinger vom VCS. «Sie sind mehrheitsfähig geworden und werden nicht mehr nur von den Grünen vertreten.» GLP und Grüne könnten daher trotz des gestiegenen Problembewusstseins im Volk keine automatischen Gewinne mehr verbuchen.

Kritischer äussert sich Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz: «Möglicherweise ist der Verlust der Grünen selbstverschuldet.» Seit Fukushima habe die Partei stark auf das Thema Atomenergie gesetzt und dieses möglicherweise zu stark ausgereizt. «Um ­konstante Wähleranteile zu erreichen, müssten die Grünen thematisch wohl ein breiteres Spektrum pflegen.» In die gleiche Richtung äussert sich Beglinger, wenn auch weniger dezidiert: «Die Grünen haben das Programm schon im Namen.» Dies mache es vielleicht schwierig, sich breit aufzustellen, und räche sich nun bei den Wahlen.

Weniger hart gehen die Verbände mit der GLP ins Gericht: «Man darf ihre Verluste nicht überinterpretieren», sagt Nick Beglinger von Swisscleantech. Die Partei sei in den letzten Jahren auf einem wahren Siegeszug gewesen. «Da ist es natürlich, dass einige Sitze wieder verloren gehen.»

Frankenstärke sei Panikmache

Entscheidend für die Umweltverbände und Swisscleantech wird in den kommenden Jahren sein, ob die Mitte­parteien ihre Versprechungen einhalten, die sie abgaben, als sie sich nach Fuku­shima verstärkt zu ökologischen Anliegen bekannten. «Jene Parteien, die sich eine grüne Note verliehen haben, müssen grünen Anliegen nun auch zum Durchbruch verhelfen», fordert Beglinger vom VCS.

Ihr Namensvetter Beglinger von Swisscleantech nimmt vor allem die CVP in die Verantwortung. Spannend sei nun vor allem, ob sich die CVP wegen der Gewinne von FDP und SVP nach rechts bewege. Oder ob sie den Anliegen der neuen Mitte treu bleibe. «Ich hoffe, dass die CVP nicht vergisst, dass es sich bei Themen wie der Energiewende ebenso um Ökonomie wie um Ökologie handelt – und dass unter dem Strich wir alle von einer offenen und modernen Schweiz profitieren», sagt er.

Laut Swisscleantech und VCS ist «der Mist auch noch nicht ganz geführt», wie Beglinger vom VCS betont. Noch sei ­offen, welche Themen die Wähler im Herbst am stärksten bewegen werden. «Die FDP-Gewinne aufgrund der Frankenstärke könnten von kurzer Dauer sein», gibt auch Beglinger von Swisscleantech zu bedenken. Es gebe zwar Firmen, die vom tiefen Eurokurs stark betroffen seien. Im grossen Ganzen seien die Auswirkungen aber moderat und für die allermeisten Unternehmen verkraftbar.

«Was einige Vertreter aus Wirtschaft und Politik wenige Tage nach der Mindestkursaufhebung verlauten liessen, entpuppt sich als Panikmache», sagt Nick Beglinger. «Ich bin überzeugt, dass das Stimmvolk dies erkennt.» Gut möglich sei daher, dass im Herbst ökologische Anliegen den Wahlentscheid stärker beeinflussen werden.

Erstellt: 27.04.2015, 20:34 Uhr

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