«Und plötzlich mussten wir Bundesräte Autos anstossen»

Bundesratsreise? Tönt etwas angestaubt. Nicht so, wenn Adolf Ogi davon spricht. Der Ex-Bundesrat über die besten Ausflüge, Pannen und wer für den Job des Tour-Organisators Top-Noten bekam.

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Herr Ogi, Sie haben die traditionelle Schulreise des Bundesrats 13-mal erlebt. Was hat sie Ihnen bedeutet?
Die Bundesratsreise schweisst die Regierung zusammen. Sie findet in einer spannungsgeladenen Zeit statt: Mitte Jahr führen die Departemente harte Auseinandersetzungen wegen der Budgetplanung. Die Reise bietet Gelegenheit, sich vertiefter miteinander auszutauschen als im hektischen Regierungsalltag. Die Politik tritt für einmal etwas in den Hintergrund. Während der zwei Tage bleibt ausreichend Zeit, um auch persönliche Gespräche über die Familie, das eigene Dorf oder den Sport zu führen. Das habe ich immer sehr geschätzt.

Veranstaltungen wie die Bundesratsreise fördern die Teambildung. Konnten Sie auf den Ausflügen schon Konflikte mit anderen Regierungsmitgliedern beilegen?
Zweifelsohne ist diese Reise wichtig für die Gruppendynamik und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Regierung. Sie ist zudem eine Möglichkeit, kleinere persönliche Differenzen zwischen den Bundesräten aus der Welt zu räumen. Es kam in meiner Amtszeit vor, dass politische Meinungsverschiedenheiten auf die persönliche Ebene übertragen wurden. Und die konnten auf den Ausflügen besser bereinigt werden als an den Sitzungen.

Welche Reise ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Der Ausflug war jedes Jahr ein Höhepunkt für mich. Besonders gut erinnere ich mich natürlich an die beiden Reisen, die ich als Bundespräsident selbst organisiert habe: 1993 und im Jahr 2000. Ich habe mir dabei viel Mühe gegeben und jeweils die ganze Route vorab rekognosziert.

Sie haben jeweils die ganzen Touren allein geplant?
Ja, ich habe sie mit grossem Einsatz selbst vorbereitet. Mit der Planung habe ich jeweils bereits ein Jahr zuvor begonnen. Hinter den Programmen steckten bewusste Überlegungen: So habe ich meine Amtskollegen etwa im Jahr 2000 nicht nur in meinen Heimatkanton Bern, sondern auch ins Wallis und in den Jura gebracht. Es war mir wichtig, in einer angespannten Phase zwischen den Kantonen Bern und Jura ein Zeichen zu setzen.

Was muss ein Bundesrat bei der Planung beachten?
Wichtig ist, Raum für persönliche Kontakte zu schaffen. Daher habe ich davon abgesehen, Unternehmen zu besichtigen. Im Jahr 2000 führte ich meine Kollegen beispielsweise in die Höhe zur Fründenhütte bei Kandersteg. Dort habe ich ihnen zwei Stunden Ruhe befohlen. Alt-Bundesrätin Ruth Metzler nutzte sie für eine Tour zum Gletscher. Pascal Couchepin schlief ein. Andere tranken einen Kaffee in der Hütte. Doch eines taten alle: die schöne Natur geniessen.

Wanderungen, Firmenbesichtigungen, gemeinsame Essen oder Treffen mit der Bevölkerung: Welcher Programmpunkt kommt bei den Bundesräten jeweils am besten an?
Die ideale Reise beinhaltet eine Mischung aus all dem. Mir waren einerseits Naturerlebnisse wichtig, andererseits Einblicke in die wahre Schweiz. 1993 habe ich meinen Kollegen beispielsweise eine Gesamtschule im Berner Oberland gezeigt. Dort gingen Kinder und Jugendliche vom 1. bis zum 9. Schuljahr gemeinsam zur Schule. Das Leben in der Schweiz spielt sich auch an solchen Orten ab, nicht nur an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Welche anderen Bundesräte haben sich während Ihrer Amtszeit als Organisationstalent erwiesen?
Ich erinnere mich gut an die Reise, die Bundespräsident Arnold Koller 1997 im Appenzellerland organisiert hat. Wir sind viel gewandert. Das hat durchaus seinem Charakter entsprochen. Auch der von Flavio Cotti 1998 durchgeführte Ausflug ins Tessin ist mir geblieben. Er hat uns Deutschschweizern einen eindrücklichen Einblick in den Südkanton gegeben. Übernachtet haben wir in einem Kloster. 1999 führte uns Ruth Dreifuss im Kanton Genf der Rhone entlang abwärts – eine wunderbare Region, die wenig bekannt ist. Sie ist landwirtschaftlich geprägt und unterscheidet sich stark von der internationalen Stadt Genf. Ich weiss noch, dass wir dort gut gegessen haben. Oder dann die Reise von René Felber 1992: Sie fand ausnahmsweise erst im September im Kanton Neuenburg statt. Als es plötzlich zu schneien begann, halfen wir sieben Bundesräte, Autos anzustossen, weil sie wegen des Wetters nicht mehr vorwärtskamen.

Haben Sie auch eine Reise erlebt, auf der nicht alles nach Plan lief?
Ich fand die Ausflüge eigentlich immer sehr gelungen. Eine unschöne Erinnerung habe ich an eine von Otto Stich organisierte Reise. Es hat stark geregnet, deshalb haben wir viel gejasst. Und ich habe immer gegen Stich verloren. Zudem hätte ich direkt nach dem Ausflug nach London fliegen sollen. Diesen Termin musste ich aber absagen, weil ich nach der Bundesratsreise eine Magenverstimmung hatte.

In keinem anderen Land der Welt mischt sich die Regierung so gezielt unter das Volk. Warum tut es der Bundesrat?
Der Bundesrat geniesst in der Bevölkerung grossen Respekt. Umso wichtiger ist es, dass er in regelmässigem Kontakt zu ihr steht. Mit dem Ausflug will sich zudem der Bundespräsident bei seinem Heimatkanton für die Unterstützung bedanken. Auf den von mir organisierten Reisen haben wir jeweils in Kandersteg übernachtet. So konnten die Einwohner auch anderen Bundesräten einmal die Hand schütteln. Zwar bleibt bei diesen Anlässen kaum Zeit für einen vertieften politischen Dialog, aber die Bürger können den Regierungsmitgliedern in einem ungezwungenen Austausch durchaus auch Fragen stellen, die ihnen unter den Nägeln brennen.

Erstellt: 03.07.2014, 13:47 Uhr

Heute reist der Bundesrat durch den Kanton Neuenburg

Bei sonnigem Wetter hat der Bundesrat am Donnerstag seine diesjährige «Schulreise» im Kanton Neuenburg begonnen. Nach einem Kurzstopp in La Chaux-de-Fonds ging es mit dem Boot auf der Doubs nach Les Brenets, von wo aus die Gruppe dann zu einer Begegnung mit der Bevölkerung von Le Locle starten wollte.

Die traditionelle Bundesratsreise führt dieses Jahr in die Heimat von Bundesratspräsident Didier Burkhalter. Die sieben Bundesrätinnen und Bundesräte können sich während der zweitägigen Reise von der Schönheit des Kantons Neuenburg überzeugen und Kontakte zur dortigen Bevölkerung knüpfen.

Den Tag begannen die Minister mit einem Frühstück im Zug. Dabei wurden vor allem Produkte aus der Region verköstigt, zum Beispiel Kirschen aus Le Landeron (NE) verköstigt, wie Bundesratssprecher André Simonazzi über den Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte.

25 Journalisten begleiteten das Regierungsteam während des Ausflugs, der über Le Locle und Môtiers nach Neuenburg führte, wo Burkhalter mit seiner Familie lebt.

Die alljährliche Exkursion soll es den Mitgliedern des Bundesrats ermöglichen, sich in einem informellen Rahmen auszutauschen und das direkte Gespräch mit der Bevölkerung zu suchen.

Die Reise lässt sich in Bildern praktisch live mitverfolgen: Der Bundesratssprecher André Simonazzi veröffentlicht während der zweitägigen Reise in regelmässigem Abstand Fotos auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. (sda)

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