Universität Zürich in Plagiatsaffäre verwickelt

Der österreichische Politiker Johannes Hahn soll in seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. Die Uni Zürich hat die Dissertation geprüft – jedenfalls Teile davon.

Johannes Hahn: Der heute 53-jährige österreichische EU-Kommissar reichte seine Dissertation 1987 ein.

Johannes Hahn: Der heute 53-jährige österreichische EU-Kommissar reichte seine Dissertation 1987 ein. Bild: Keystone

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Bekommt auch Österreich einen Fall Guttenberg? Mehrere Wissenschaftler werfen dem österreichischen EU-Kommissar Johannes Hahn vor, er habe in seiner Doktorarbeit abgeschrieben ohne Quellenangabe. Hahn entgegnet, er habe ein reines Gewissen und in seiner Arbeit «immer wieder auf die Quellen verwiesen». Laut Hahn habe die Universität Zürich in einem Gutachten festgestellt, dass von einem Plagiat keine Rede sein könne. Allerdings wollen weder die Uni Zürich noch die Uni Wien als Auftraggeberin dieses Gutachten öffentlich machen. Die Pressestelle der Uni Zürich bestätigte lediglich dessen Existenz.

Fehlende Anführungszeichen

Als Hahn 1987 «Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt» schrieb, stand der 29-jährige Jungpolitiker am Beginn einer steilen Karriere. Von der Jugendorganisation der Volkspartei (ÖVP) stieg er zum Chef der Wiener Landespartei auf. 2007 wurde er Wissenschaftsminister, seit 2010 ist er in der EU-Kommission für Regionalpolitik zuständig. Erste Zweifel an seiner Doktorarbeit tauchten vor vier Jahren auf. Damals entdeckten der Plagiatsjäger Stefan Weber und Philosophieprofessor Herbert Hrachovec unabhängig voneinander mehrere Absätze aus Werken anderer Wissenschaftler, die nicht als Zitate ausgewiesen waren.

Die Universität Wien bestellte darauf bei der Universität Zürich ein Gutachten. Dieses wurde jedoch nie veröffentlicht. Die Uni Wien zitierte lediglich daraus in der Begründung, warum es «keinen Anlass für die Einleitung eines Plagiatsprüfungsverfahrens gibt», und berief sich auf die «Ombudsstelle der Universität Zürich»: Hahn hätte zwar korrekterweise Anführungszeichen setzen müssen, dennoch komme «der Leser nie auf die Idee, die verhandelten Sachen seien das Resultat der Forschung von Hahn». Die Mitteilung hatte einen Schönheitsfehler: Eine «Ombudsstelle» gibts an der Uni Zürich nicht.

«Abschreckendes Beispiel»

Dennoch schien mit dem Gutachten im Sommer 2007 die Affäre für Hahn ausgestanden. Nicht nur die Wissenschaft, auch die Medien «übten sich in Selbstzensur», kritisiert Philosoph Hrachovec. Erst mit der Plagiatsaffäre in Deutschland wurden die Doktorarbeiten österreichischer Politiker wieder interessant. Der Linzer Professor Gerhard Fröhlich behauptet jetzt, Hahn habe keine eigene geistige Leistung erbracht, die Arbeit sei zu neunzig Prozent von anderen übernommen. Auch die Rolle der Zürcher Uni wird wieder infrage gestellt. Hahn sagt, dass der Philosophieprofessor Peter Schulthess seine Arbeit geprüft habe. Schulthess liess gestern über die Pressestelle der Uni ausrichten, dass er nur die von Stefan Weber vorgebrachten Plagiatsvorwürfe 2007 in zwei Stellungnahmen bearbeitet habe und zum Schluss gekommen sei, dass kein Plagiat vorliege: «Andere Aspekte und Passagen von Johannes Hahns Dissertation waren nicht Gegenstand der Prüfung.»

Der grüne österreichische Abgeordnete Peter Pilz hat Plagiatsjäger Weber mit einer gründlichen Analyse beauftragt, das Ergebnis soll im April vorliegen. Hahns Doktorarbeit wurde von der Uni Wien mittlerweile gesperrt. Allerdings ist eine Kopie im Internet aufgetaucht. Nach Analyse der ersten hundert Seiten findet Hrachovec, dass Hahns Arbeit «mit Wissenschaft nur als abschreckendes Beispiel zu tun hat». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2011, 22:21 Uhr

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