Unruhe in den Schulküchen

Der Lehrplan 21 soll das Fach Hauswirtschaft modernisieren. Wissen über Konsum oder Budgetplanung sind künftig wichtiger als Kochen. In den Schulen hat ein Kampf um die letzten praktischen Fächer begonnen.

Bibel der Hauswirtschaftslehre: Das Kochbuch «Tiptopf». Foto: Urs Jaudas

Bibel der Hauswirtschaftslehre: Das Kochbuch «Tiptopf». Foto: Urs Jaudas

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Es gibt Schüler, die begreifen die Masseinheiten erst im Hauswirtschaftsunterricht: nämlich dann, wenn sie für einen Kuchenteig einen Liter Milch nehmen statt einen Deziliter. «Lernen mit Kopf, Herz und Hand» ist eine alte pädagogische Weisheit. Mit dem Spardruck und den zunehmenden Anforderungen an die Volksschule sind in den letzten Jahren gerade die handwerklichen Fächer in vielen Kantonen unter Druck geraten. Mit dem neuen Lehrplan 21 ist nun ein Kampf um die Hauswirtschaft auf der Oberstufe entbrannt.

Die Lehrplanmacher haben das Fach modernisiert. Es heisst neu «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt». Die Siebt- bis Neuntklässler sollen Märkte und den Handel verstehen, sich über ihr Konsum­verhalten Gedanken machen, oder sie müssen den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit begreifen. Das Kochen verschwindet nicht ganz – es ist aber in den 64 aufgelisteten Kompetenzen ein Randthema –, siebenmal geht es direkt oder indirekt um die Zubereitung von Mahlzeiten. Das wird auch in künftigen Lehrmitteln so sein. Hinter den Kulissen laufen die Arbeiten für ein neues Lehrbuch, wie es beim Schulverlag plus auf Anfrage heisst. Ob auch das Kultlehrmittel «Tiptopf» an die neuen Trends angepasst wird, klären die Herausgeber zurzeit ab.

Pasta kochen braucht Übung

«Mit dem Lehrplan 21 wird das Kochen an den Rand gedrängt», sagt Alexandra Gremlich, Hauswirtschaftslehrerin und Präsidentin der Hauswirtschaftskommission der Zürcher Sekundarlehrer. Der kopflastige Unterricht dominiere. «Ich weiss nicht, wie schwache Schüler noch mehr Theoriestoff bewältigen sollen.» Denn auch das Zubereiten einfacher Gerichte wie Teigwaren oder Salatsaucen müsse regelmässig geübt werden, damit es die Schüler am Ende des Schuljahres beherrschten.

Gremlich betont: «Wir sind nicht gegen Neuerungen. Aber wir wollen nicht, dass die praktischen Fächer zugunsten der Kopflastigkeit noch mehr reduziert werden.» Schon heute gehe es in den Schulküchen nicht nur ums Kochen. Doch auch Konsum- oder Gesundheitsaspekte verstünden die Schüler am besten, wenn sie mit dem Kochen verknüpft würden.

Umfrage

Sollen die Schüler noch Kochen lernen im Unterricht?

Ja, unbedingt.

 
85.5%

Nein, das sollen sie zu Hause lernen.

 
13.0%

Ich weiss nicht.

 
1.4%

2055 Stimmen


Backen mit Fertigteig

Die Angst der Hauswirtschaftslehrkräfte hat auch mit den Stundentafeln zu tun. Für das neue Fach empfehlen die Lehrplanmacher, zwischen der 7. und 9. Klasse insgesamt 5 Wochenlektionen aufzuwenden. Um mit den Schülern zu kochen, braucht es nach Ansicht der Lehrer drei Lektionen am Stück. Das wird in vielen Kantonen – etwa in Luzern oder Baselland – für ein ganzes Schuljahr nicht möglich sein.

Vorgesehen ist vielerorts, dass der Kochunterricht während eines Semesters möglich sein soll. In Bern schlägt die Erziehungsdirektion maximal zwei Wochenlektionen pro Jahr vor. In anderen Kantonen wie Zürich ist die Frage noch offen. Zurzeit sind alle Deutschschweizer Kantone daran, den Lehrplan 21 an ihre Bedürfnisse anzupassen und umzusetzen. «Sollte Zürich die 3-Stunden-Blöcke für ein ganzes Jahr abschaffen, werden wir gegen den Lehrplan kämpfen», sagt Gremlich.

Auch in anderen Kantonen sorgen sich Hauswirtschaftslehrkräfte um ihr Fach. So auch Franziska S., die in der Nordwestschweiz unterrichtet. Aus Angst vor negativen Reaktionen der Schulleitung möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Viele pädagogische Hochschulen (PH) bildeten ihre Studenten bereits gemäss Lehrplan 21 aus, sagt sie. Kochen sei nur noch ein Nebenaspekt. Weil sie angehende Lehrkräfte als Praktikumslehrerin betreue, sehe sie die Konsequenzen. «Kürzlich wollte eine Studentin mit den Schülern Älplermagronen kochen. Sie nahm dafür den Dampfkochtopf.» Weihnachtsguetsli würden mit Fertigteig aus dem Grossverteiler gebacken. Ein Student habe die Schulküche ruiniert, weil er die Küchenkombination mit Stahlwolle geputzt und so völlig verkratzt habe.

«Keine perfekten Hausmänner»

«Der Alltag der Menschen hat sich stark verändert», sagt Corinne Senn, die an der Pädagogischen Hochschule FHNW künftige Lehrpersonen der Sekundarstufe I im Fach Hauswirtschaft ausbildet. Der Unterricht müsse sich daran orientieren. «Jugendliche müssen keine perfekten Hausfrauen und Hausmänner werden», sagt sie. Heute gehe es in der Ernährungsbildung darum, dass die Schüler fähig sind, in 30 Minuten ein Gericht zuzubereiten. Daneben seien andere Aspekte, etwa die Schuldenprävention oder Nachhaltigkeit, wichtiger geworden.

Alle diese Fähigkeiten seien auch schon in den bisherigen Lehrplänen betont worden. «Bis jetzt haben einfach viele Hauswirtschaftslehrpersonen dem Kochen besonders viel Bedeutung beigemessen», sagt Senn. Sie ist überzeugt, dass sich dies mit der neuen Generation ändern wird. Dazu trage auch die breitere Ausbildung bei. Wer an einer PH studiert, wird nicht mehr nur für ein, sondern mindestens für drei Schulfächer ausgebildet. Die neue Entwicklung habe noch eine weitere positive Wirkung: Seit ein paar Jahren interessierten sich vermehrt auch Männer für das Fach. In gewissen Kursen betrage ihr Anteil bis zu 50 Prozent.

«Wir verkopfen die Hauswirtschaft nicht, wir passen sie den gesellschaftlichen Veränderungen an», sagt auch Ute Bender, Leiterin der Professur für Gesundheit und Hauswirtschaft an der Pädagogischen Hochschule FHNW. Der Lehrplan 21 lasse den Lehrkräften weiterhin sehr viele Möglichkeiten, handlungsorientierten Unterricht zu geben. Es müsse nicht immer Kochen sein. Die Schüler könnten zum Beispiel Waren testen à la «Kassensturz».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2015, 22:21 Uhr

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