Unterwegs mit dem neuen Direktor des Schweizer Nationalparks

Ruedi Haller über den am besten geschützen Flecken der Schweiz, lärmige Töfffahrer – und was sich seit den Klimastreiks getan hat.

Erholungsgebiet und Freiluftlabor: Der 3410 Meter hohe Piz Linard und der weitläufige Wald im Nationalpark. Ein Aargauer in Graubünden: Nationalparkdirektor Ruedi Haller. Fotos: Andrea Zahler

Erholungsgebiet und Freiluftlabor: Der 3410 Meter hohe Piz Linard und der weitläufige Wald im Nationalpark. Ein Aargauer in Graubünden: Nationalparkdirektor Ruedi Haller. Fotos: Andrea Zahler

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Schon ein Anruf nach Zernez entspannt. Nimmt Ruedi Haller nicht sofort ab, erklingen rätoromanische Sprechchöre und Klavierharmonien. Es ist der Soundtrack einer ursprünglichen Landschaft, die der Mensch seit mehr als 100 Jahren allein der Natur überlassen hat.

«Das muss unbedingt so bleiben», sagt Haller. Es gebe in der Schweiz nur noch wenige Flächen, wo die Natur nicht «usebützlet» sei. Zwei Nationalparkprojekte – in Graubünden und im Tessin – sind in den vergangenen Jahren an der Wahlurne gescheitert.

In Hallers Büro riecht es nach Arvenholz. Über der Stuhllehne hängt seine Mammut-Jacke. «Directur» steht seit Anfang Oktober auf dem Namensschild; dann hat ein neuer Haller die Geschicke des einzigen Schweizerischen Nationalparks übernommen. Ruedi für Heinrich. Nach 23 Jahren. Er ist der siebte Direktor dieses archaischen Naturflecks, der per Bundesgesetz geschützt ist. «Ein wunderbares Experiment», sagt Haller. Der Schweizerische Nationalpark ist das am strengsten geschützte von 1600 Naturschutzgebieten in der Schweiz. Anders als sein Vorgänger will Haller enger mit den anderen Naturparks zusammenarbeiten.

Mit seinem Kombi schlängelt sich Haller die Kurven hinauf, nervt sich über schnelle Töfffahrer, die so viel Lärm machen, dass man ihre Motoren auch noch auf den Gipfeln hört.

Kindliche Vorfreude überkommt den 53-Jährigen, als er seine Wanderschuhe schnürt. In den ersten Monaten will der neue Direktor alle Parkwächter einmal draussen in der Natur treffen. Sie sollen wieder mehr Zeit bekommen, um die Gäste zu informieren – etwas Kleines, das Haller in diesem traditionellen Umfeld verändern kann. Dass er hier alles umkrempelt, erwartet niemand.

Mit seinem Kombi schlängelt sich Haller die Kurven hinauf, nervt sich über schnelle Töfffahrer, die so viel Lärm machen, dass man ihre Motoren auch noch auf den Gipfeln hört, und erreicht dann die Grenze des Nationalparks, der etwa so gross ist wie das Fürstentum Liechtenstein.

Mit dem Zug sind es anstatt fünfeinhalb nur noch zweieinhalb Stunden von Zürich.

Viel hat sich verändert, seit er vor 22 Jahren als junger Geograf hier startete und für seine Masterarbeit Karten digitalisierte. Die Bergföhren, die dann noch winzig waren, sind jetzt kleine Bäume. Mit dem Zug sind es anstatt fünfeinhalb nur noch zweieinhalb Stunden von Zürich. Und er selbst ist jetzt der Chef dieser Wildnis.

Bündner statt Indian Summer

1914 gründeten vier Männer den Schweizerischen Nationalpark, um die Natur «für ewige Zeiten» zu schützen. Ruedi Haller sagt, dass ihre Idee momentan aktueller sei denn je. Wegen der Klimastreiks habe die Sensibilität für den Nationalpark zugenommen. Das abstrakte Thema ist hier spürbar. Die Steinböcke grasen in höheren Lagen, weil die Temperatur steigt. Die Niederschläge werden intensiver.

«Wenn jemand auf Instagram ein Herbstbild postet, dann ein verfärbtes Blatt oder die Rinde eines Baumes», sagt Ruedi Haller. Und wenn das Fliegen verpönt ist, begnügen sich so manche Besucher wieder mit den gelben Bündner Lärchen, anstatt in Kanada den Indian Summer zu zelebrieren.

Wenn das Fliegen verpönt ist, begnügen sich so manche Besucher wieder mit den gelben Bündner Lärchen, anstatt in Kanada den Indian Summer zu zelebrieren.

«Ciao Andri! Co vaja?», begrüsst Haller den Parkwächter. Viel weiter reicht sein Romanisch nicht. Der Aargauer in Graubünden – das sorgte auch schon für Lästereien. Als Haller an der Gemeindeversammlung in Ardez auf Deutsch das Wort ergriff, tuschelten die Einheimischen. Doch seither sind ein paar Chalandamarz vergangen. Haller spielt Trompete im Dorf, da ist die Sprache egal – und er stellte in den vergangenen Jahren mit seinen drei Kindern auch zehn Prozent aller Schulkinder in Ardez.

Mit Andri Cuonz besucht Ruedi Haller heute ein ganz besonders Waldstück. Cuonz ist wie alle anderen Parkwächter aus der Region. Seine Haut ist verwittert, die grosse Sonnenbrille wie angewachsen.

Messbänder spannen sich um die Baumstämme. Metalldetektoren messen die Nebeldichte. Der Nationalpark ist nicht nur ein Erholungsgebiet, sondern auch ein Freiluftlabor. Wissenschaftler verschiedener Universitäten erforschen hier den Wandel der Natur. Bevor Haller Direktor wurde, hat er die Forschung geleitet.

Politische Trendwende

In der vergangenen Legislatur hatte es der Nationalpark nicht einfach. Es gab nicht mehr Geld vom Bund, obwohl der Nationalpark mehr Aufgaben übernahm. «Die Finanzen beschäftigen uns», sagt Ruedi Haller, spricht dann vom «Return on Investment», obwohl er das eigentlich gar nicht will. Er sieht sich nicht als Tourismusdirektor, der die Leute nach Zernez lockt, sondern als Coach für seine Parkwächter und Forscher.

«Seit das Klima auf der politischen Agenda ist, werden wieder mehr ernst genommen»Ruedi Haller

Kürzlich hat ein Bündner Grossrat gefordert, dass der Kanton den Nationalpark zusätzlich zum Bund unterstützt – mit positivem Echo. Er spüre eine politische Trendwende, sagt Haller. «Seit das Klima auf der politischen Agenda ist, werden wir wieder mehr ernst genommen».

Immer wieder hakt Ruedi Haller bei seinem Parkwächter Andri Cuonz nach, erkundigt sich, wie er arbeitet. Dann und wann notiert er sich etwas in seinem orangen Büchlein. Er müsse jetzt mehr aufpassen, was er sage. Wenn er sich einbringe, sei es nicht mehr nur eine persönliche Aussage, sondern er spreche gleich für den ganzen Nationalpark. Haller sagt, daran müsse er sich noch gewöhnen. Auch daran, weniger draussen zu sein. Dafür mehr runde Tische, mehr Bewerbungsgespräche, mehr Geburtstagskarten.

Eines will Haller als Direktor unbedingt vermeiden: seinen 40 Mitarbeitern dort reinzureden, wo sie mehr von der Sache verstehen als er selbst. Das hat auch sein Chef so gepflegt. Er liess ihn machen, und wenn Haller mal Schwierigkeiten hatte, sagte er nicht: «Du hast Mist gebaut», sondern: «Suchen wir eine Lösung.»

Das Wilde, Unberührte – es bringt jährlich über 150'000 Besucher in den Nationalpark.

«Bonjour» grüsst ein wanderndes Paar. Ihre Wanderstöcke klicken auf dem steinigen Weg. Haller bückt sich, ahmt eine Gämse nach und erklärt so die Frassspuren an einer Fichte. Schliesslich lichtet sich der Wald, schneeweiss glitzert der Piz Daint in der Ferne. Haller zückt sein Fernglas, doch heute sieht er keine Tiere. Andri, der täglich draussen ist, sei da besser. Überall müsse man schauen, «bis z oberst, gell», sagt der Parkwächter. Komme der Regen, tummle sich das Wild eher an der Waldgrenze. Scheine die Sonne, weide es in der Höhe.

Auf der Alp Stabelchod, 1959 Meter über Meer, spielen ein kleines Mädchen und ihre Mutter mit einem Legoauto. Einmal verlassen sie die ausgeschilderte Strecke, kauern hinter einem Busch. Das gehe nicht, sagt Parkwächter Andri. Schnell läuft er auf die beiden zu, fragt nett, ob sie bitte auf den Weg zurückkommen würden. Eine Busse gibt es heute nicht. 15 davon haben die Mitarbeitenden des Nationalparks in diesem Jahr insgesamt verteilt.

Die Höhe der Bussen weiss Ruedi Haller nicht auswendig. «Eine Übernachtung im Zelt ist hier aber sehr teuer», sagt er, kramt dann ein laminiertes Bussenreglement aus dem Rucksack. Biwakieren: 200 Franken, Blumen pflücken: 150, ein Lagerfeuer machen: 300.

Jährlich 150'000 Besucher

Auf einem Bänkchen ruht sich ein älteres Paar aus. Daunengilets, Tupperware, Sackmesser. «Sie müssen nicht fragen, wieso wir heute hier sind, sondern, wieso wir seit 30 Jahren immer wiederkommen», sagt der Pensionär aus Basel, nimmt einen Schluck aus dem Deckel seiner Thermosflasche.

Das Wilde, Unberührte – es bringt jährlich über 150'000 Besucher in den Nationalpark. Überfüllt sei es hier trotzdem selten, sagt Ruedi Haller. Wenn die 13 Parkplätze, die entlang der Hauptstrasse 28 liegen, voll und die Menschen auf den 80 Kilometer Wanderwegen nur noch Menschen anstatt Hirsche sehen, dann gingen sie sich automatisch wieder aus dem Weg.

Der Nationalpark ladet auch zum Verweilen und Picknicken ein.

Ein Händedruck mit Andri, dann muss Haller zurück nach Zernez. Die gelben Lärchen scheinen in der Nachmittagssonne beinahe golden. Der Himmel leuchtet kristallblau. Als sich der Blick auf das Tal öffnet, fährt Ruedi Haller leicht über den rauen Strassenrand. Die Aussicht hat ihn abgelenkt.

Erstellt: 01.11.2019, 22:04 Uhr

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