Valser Träume

Multimillionär Remo Stoffel plant im Bündner Bergdorf ein internationales Luxushotel und einen spektakulären Wasserpark. Die Kosten sind Nebensache.

Remo Stoffel spricht leise und träumt laut: Er will in seinem Heimatdorf  Vals den Alpentourismus neu erfinden. Fotos: Sabina Bobst

Remo Stoffel spricht leise und träumt laut: Er will in seinem Heimatdorf Vals den Alpentourismus neu erfinden. Fotos: Sabina Bobst

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Die Verblüffung steht den Architekten ins Gesicht geschrieben. Pius Truffer, Steinwerkbesitzer und Delegierter des Verwaltungsrates 7132 (vormals Therme Vals), hat ihnen zugerufen: «Allein der Himmel ist die Grenze für Ihr Projekt.» Kein ­Kostendach und nur ein rudimentäres Raumprogramm ist in den ausgeteilten Unterlagen vermerkt. Die Aufgabe lautet schlicht: «Ausserordentliche Architektur für ein aussergewöhnliches Hotel». Das Ziel ist, «eines der führenden Fünfsternhotels überhaupt zu bauen». Und «überhaupt» heisst: Top 5 weltweit.

Neun renommierte Architekturbüros waren ins Bündner Bergdorf eingeladen worden, um an einem Wettbewerb für ein neues Hotel teilzunehmen. Am Dienstag wurden sie vor Ort gebrieft. Manche kamen von weit her ins enge Bergtal, aus Japan, den USA, Spanien und Skandinavien. Ihre Namen sollen noch nicht publik werden – und nein, Mario Botta ist nicht dabei. Er war anfänglich im Gespräch, wurde dann aber nicht eingeladen. Und ja, Peter Zumthor wurde eingeladen, hat aber abgesagt.

Bis zu 25'000 Franken die Nacht

Seit der Multimillionär Remo Stoffel und nicht Peter Zumthor im März 2012 von der Gemeindeversammlung den Zuschlag erhalten hat, ist über das weitere Vorgehen wenig bekannt geworden. Doch hinter den Kulissen wurden Pläne geschmiedet. Nun werden deren Umrisse erkennbar. Das Unternehmen heisst nicht mehr Therme Vals, sondern 7132, womit die Postleitzahl von Vals gemeint ist. Es verfolgt zwei Teilprojekte. Einen Park im Boda, auf dem Talboden am Dorfeingang. Und ein neues Luxushotel mit Empfangsbereich für die ganze Anlage. Sie sollen das bestehende Ensemble, zu dem die Felsentherme gehört, ergänzen.

Für den Park hat Pius Truffer bereits einen Architekten verpflichtet – und was für einen: Tadao Ando. Der 73-jährige Japaner ist ein Star seiner Gilde und wurde 1995 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Einer seiner Nachfolger als Preisträger heisst Peter Zumthor. Es sei schon einige Überzeugungsarbeit nötig gewesen, bis Ando angebissen habe, räumt Truffer ein. Nun amtet Ando gar als Jurypräsident beim Hotelprojekt.

Stoffel sagt den Architekten: «Ando baut uns einen Garten. Wir wollen von Ihnen ein passendes Hotel dazu.» Ganz am Schluss der Ausschreibungsbroschüre ist ein Blatt angeheftet. Es enthält das, was in normalen Wettbewerben ausufernd beschrieben wird: das Raumprogramm. Und es gibt Einblick in die Dimensionen, in denen der Bauherr denkt. Die Rede ist von 73 Zimmern, die billigsten sind für 1000 Franken die Nacht zu haben, die Penthousesuite für 25'000 Franken. «Das gibt in etwa die Grössenordnung für das neue Hotel an», sagt Truffer. «Daneben werden wir weiterhin Zimmer im Hotel Therme anbieten, die ab 250 Franken zu haben sind.» Laut Pius Truffer will man insgesamt nicht mehr als 150 Zimmer vermieten. Heute sind es 140.

Ein Hotel wie ein Ferrari

Stoffel und Truffer wirken bei der Präsentation vor den hochkarätigen Teams anfänglich nervös, reden sich dann aber warm. «Open your mind», sagt Stoffel. «Zeigt uns, welche Ideen in euch stecken.» Es komme ihm nicht darauf an, ob ein Projekt 20 oder 30 Prozent mehr oder weniger koste. Die Architekten schauen einander verwirrt an, irgendjemand flüstert die Worte «never heard». Doch schon übernimmt der Zürcher ETH-Architekturprofessor Sacha Menz die Rede und bläst als Jurymitglied ins selbe Horn. Man werde die Projekte nicht an der Grösse der Toi­letten messen, verspricht er. «Wir wollen mehr: Erzählt uns eine Geschichte!» Und: «Zeigt uns, dass ihr die Besten seid.»

Beim Mittagessen in einer Alphütte hoch über dem Tal wird Remo Stoffel im kleinen Kreis von einem Ferrari schwärmen: perfekt in der Funktionalität und perfekt im Design: «Ein solches Hotel will ich.» Unweigerlich fragt man sich: Werden hier Architekten dazu eingeladen, Luftschlösser zu bauen? Auf alle Fälle lässt sich Stoffel die Träume etwas kosten: Jedes teilnehmende Team wird nach Einreichung seiner Arbeit mit 60'000 Franken entschädigt. Abgabe­termin ist Ende Oktober, die Jury will sich bis Ende Jahr für ein Projekt entscheiden, das weiterverfolgt wird.

Sacha Menz spricht von «allerbesten Bedingungen» und einem «ausser­ordentlichen» und «geradezu vorbildlichen» Vorgehen. Es sei unüblich, dass ein Wettbewerb in dieser Branche derart transparent und minutiös nach den Normen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) ausgeschrieben werde, sagt auch Beat Aliesch, der über breite Erfahrung auch mit sehr grossen Bauherren verfügt. Er begleitet das Verfahren im Auftrag der 7132 AG. Die Tatsache, dass mit Stefan Cadosch der SIA-Präsident in der Jury sitzt, unterstreicht diese Aussagen.

Transparenz und Seriosität

Mag sein, dass Remo Stoffel bei dem Verfahren deshalb grössten Wert auf Transparenz und Seriosität legt, weil sein Ruf als Geschäftsmann in den letzten Jahren gelitten hat. Er musste sich wiederholt vor Gerichten verantworten; es ging um Steuergelder und Vermögensdelikte. Rechtskräftig schuldig gesprochen wurde er noch nie. Eine Einsprache gegen eine erstinstanzliche Verurteilung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung ist noch hängig.

Noch keine 30 Jahre alt, war Stoffel 2005 ein Coup gelungen: Als die Swiss­air liquidiert wurde, kaufte er deren Immobiliengesellschaft Avireal und legte damit den Grundstein zu einem von Chur bis Dubai tätigen Firmenimperium, dessen Wert von Fachleuten auf eine halbe Milliarde Franken geschätzt wird. Doch beschäftigt sich seit seiner Heirat mit der Halfpipe-Weltmeisterin Manuela Pesko auch die Regenbogenpresse regelmässig mit dem eher unscheinbar aussehenden Mann.

Remo Stoffel tritt beim Briefing gar nicht grossspurig auf, wirkt in seiner altrosa Hose und dem zerknitterten Kittel eher schüchtern. Er spricht leise – und träumt laut. Zum Beispiel davon, dass er den Schweizer Alpentourismus neu erfinden – oder eher zurück zu den Wurzeln führen will. Die ersten Hotels in unseren Bergen seien exklusive Unterkünfte für begüterte Engländer gewesen, die von der Natur in den Alpen überwältigt gewesen seien. «Darauf müssen wir uns besinnen.» Stoffel wettert gegen die «rufschädigenden Billig­angebote» mancher Ferienorte. «Unser Schatz ist die Natur: Fels und Wasser. Und unser Gold ist weiss: Milch.»

Tourismus-WEF in Vals

Mitstreiter Pius Truffer träumt gar von einem «Valser Modell», das in den Bergtälern Schule machen soll. «Die Berg­gebiete müssen endlich selbstbewusster auftreten und für die touristischen Ressourcen einen anderen Gegenwert einfordern.» Er stellt fest: Der Tourismus im Berggebiet ist in der Krise. Untereinander herrscht ruinöse Konkurrenz, Hotels schliessen, Bergbahnen wissen nicht, wie die Löhne bezahlen, Stellen werden abgebaut, Existenzen gehen verloren. «Wir wollen nicht nur Naturreservat sein, sondern auch Existenzen in den Bergtälern schaffen.» Vals sieht er als Modell für einen Tourismus mit weit höherer Wertschöpfung als im Alpenraum üblich. «Es ist mein Ziel, die besten Ökonomen und Tourismusexperten nach Vals einzuladen, um über diese Zusammenhänge nachzudenken – ein Tourismus-WEF in Vals.»

Doch was sagt man im Dorf zum Unternehmen 7132 des Duos Stoffel & Truffer? Lieber nichts, wenn eine Wildfremde aus dem Unterland fragt. Oder nur Unverfängliches: «Gut, dass endlich etwas geht und nicht nur geredet wird.» – «Wir müssen jetzt gemeinsam an einem Strick ziehen.» – «Wir warten mal ab, ob der Remo seine Versprechen hält.» Die Antworten lassen durchblicken: Der Graben, der die Frage «Stoffel oder Zumthor?» im Dorf aufgetan hat, ist noch nicht wirklich zugeschüttet.

Gemeindepräsident Stefan Schmid ist «felsenfest davon überzeugt», dass das Dorf hinter den Plänen stehen wird. Das muss es auch, denn es hat das Sagen: Der Ando-Park wird voraussichtlich eine Zonenänderung bedingen, für das neue Hotel braucht es einen Gestaltungsplan.

«Wir Valser leben in einem abgelegenen Tal, haben aber einen weltoffenen Geist», sagt Schmid. Als Beleg verweist er darauf, dass die Masseneinwanderungsinitiative in Vals mit 197 zu 118 Stimmen rheinab geschickt wurde.

Zudem habe Stoffel den Worten bereits Taten folgen lassen: Den Umbau und die Sanierung des in den 60er-Jahren gebauten Therme-Hotels lässt er sich insgesamt 18 Millionen Franken kosten. Die Zahl der Angestellten ist seit der Übernahme von 120 auf 180 Personen gestiegen. Zum Schluss sagt der Gemeindepräsident: «Ich bin froh, dass wir einen wie Remo im Dorf haben.» Er sei mit ihm in die Schule gegangen. «Wenn mir etwas nicht passt, kann ich ihn einfach anrufen. Das wäre bei einem russischen Investor nicht der Fall.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2014, 07:23 Uhr

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Pius Truffer

Steinwerk-Besitzer und 7132-Verwaltungsrat.

Japan-Garten

Tadeo Ando zelebriert das Licht
Die Visualisierung und das konkrete Projekt «Valser Path» von Tadeo Ando unterliegen noch der Geheimhaltung. Sie werden Ende August der Bevölkerung vorgestellt. Vor­gesehen ist laut Mitinitiant Pius Truffer Folgendes: Auf dem Talboden entsteht ein Wassergarten mit zwei Seen, über den ein 350 Meter langer Steg zum Dorfkern führt. Dieser Weg ist mit 6 Meter hohen Säulen gesäumt. Das Wasser ist nicht tief. Im Sommer kann man darin waten, im Winter darauf Schlittschuh laufen. Herzstück des sich über gut 30 000 Quadratmeter erstreckenden Parks ist ein «Museum of Light», ein 72 Meter langer und 9 Meter hoher Raum mit drei Dachöffnungen, die das Licht förmlich einsaugen. Damit setzt Tadeo Ando fort, was Peter Zumthor in seiner Therme so meisterlich gelang: Das Zelebrieren von Licht und Weite im engen Tal. Über die Kosten schweigt sich Investor Remo Stoffel aus. Etwas kon­kreter wird er nur bei den Terminen: «Wir sind startbereit.» Am liebsten würde er bereits nächstes Jahr mit der Realisierung beginnen: «Doch das ist vielleicht etwas gar optimistisch.» (net)

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