Vater erstickt Baby in Zürich – Kesb fordert Aufklärungskampagne

Die Schreie eines zehn Wochen alten Säuglings wurden von dessen Vater mit Kissen gedämpft – bis er starb. Trotz eines zuvor gemeldeten Vorfalls sahen die Behörden «keine akute Gefährdung».

Behörde unter Dauerbeschuss: Verschiedene Kesb-Vorsteher möchten nun eine Aufklärungskampagne starten. (7. Mai 2015)

Behörde unter Dauerbeschuss: Verschiedene Kesb-Vorsteher möchten nun eine Aufklärungskampagne starten. (7. Mai 2015) Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Ein bisher nicht öffentlich bekannter Fall von Kindstötung zeigt, wo die Grenzen des behördlichen Kindesschutzes liegen: In der Stadt Zürich soll ein tiefgläubiges Ehepaar zwei Töchter im Säuglingsalter regelmässig geschlagen haben – aus «erzieherischen Gründen». Das jüngere Mädchen starb im Alter von 10 Wochen: Der Vater hatte das Baby mit einer Daunendecke und zwei Kissen zugedeckt, um dessen Schreie zu dämpfen.

Im September kommt das Ehepaar vor Gericht, berichtet die «SonntagsZeitung». Die Familie lebte von der Sozialhilfe, wurde von Sozialarbeitern betreut. Bevor das Paar nach Zürich kam, wurde ihm bereits in Portugal ein Kind zeitweise entzogen. Trotzdem gelang es den Eltern, die Kindsmisshandlungen vor Betreuern, Nachbarn und Behörden zu verbergen.

Bekanntes Phänomen

Die Kesb Zürich befasste sich erstmals am Tag nach dem Tod mit der Familie: Eine Nachbarin hatte die Sozialen Dienste zwar darauf hingewiesen, dass die Familie mitten im Winter einen Kinderwagen mit einem laut schreienden Baby unbeaufsichtigt im Freien stehen liess. Das Amt sah jedoch keine akute Gefährdung und keinen Anlass für eine Meldung an die Vormundschaftsbehörde.

Kinderschutzexperte Christoph Häfeli kennt das Phänomen: Missbrauchte Kinder stammten oft aus Familien, die sich abschotten, sagt der ehemalige Generalsekretär der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz. «Das gilt auch für streng religiöse Familien.» Darum blieben Kindsmisshandlungen oft lange unentdeckt.

Nach der anhaltenden Kritik am Kinderschutz wehrt sich Ruedi Winet, Präsident der Zürcher Kesb-Vereinigung: «Unsere Aufgabe ist es, die Interessen der Kinder wahrzunehmen.» In 9 von 10 Fällen, in denen die Kesb interveniere, bleibe das Kind bei der Familie. «Die versuchen wir, zu unterstützen», sagt Winet. Manchmal erhielten sie Gefährdungsmeldungen aber zu spät, wenn die Situation schon «weit eskaliert» sei.

«Vorwürfe haltlos»

Die Empörung über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) wächst. Allein diese Woche sind drei neue Fälle aus Sisseln AG, Altdorf UR und Luzern an die Öffentlichkeit gekommen, die Fragen aufwerfen. Drei Ortsnamen, dreimal dasselbe Phänomen: Die Kesb muss sich Fehlentscheide vorwerfen lassen. Nun holen Kesb-Vorsteher zum Gegenschlag aus. In der Zeitung «Schweiz am Sonntag» fordern sie die Politik auf, die mit massiver Kritik überhäuften Behörden mit einer Aufklärungskampagne zu unterstützen.

«Der Bundesrat muss eingreifen», sagt der Vorsteher der Kesb Bern, Patrick Fassbind. Der Bundesrat und das Parlament hätten die neue Kesb-Organisation gewollt. «Statt dass sie diese nun verteidigen, springen einige aus wahltaktischen Gründen auf den Kesb-Bashing-Zug auf und die anderen schweigen.» Dabei müsste die Politik die Bevölkerung informieren, warum sich die Schweiz erst vor wenigen Jahren gegen die Laienbehörden und für einen professionelle Kinderschutz entschieden habe.

Ein Problem sieht der Familienrechtler auch bei den Medien, die gerade «renitent-uneinsichtigen» Eltern eine Plattform böten. Unterstützung erhält Fassbind vom Aargauer Kesb-Chef Jürg Lienhard. Er spricht gegenüber der «Schweiz am Sonntag» von Unmutsbekundungen «von einzelnen Direktbetroffenen und Wutbürgern», die nicht repräsentativ seien. Auch der Vorwurf, die Kesb würde die Sozialindustrie unnötig aufblähen, sei «ungeheuerlich»: «Wir haben keinerlei Interesse daran.» Im Gegenteil: «Es dient den Gerichten in keiner Weise, sich mit unnötigen Fällen zusätzliche Arbeit zu machen.» (hae)

Erstellt: 02.08.2015, 07:32 Uhr

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